Seiten für noch 116 Jahre

Inzwischen hat Kassier Helmut Böll die 243. Seite beschrieben . Bilder: hl (2)
Lokales
Kemnath
08.05.2015
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So etwa im Jahr 2130 wird die Krieger- und Soldatenkameradschaft wohl ein neues Kassenbuch brauchen. Dann dürfte die letzte Seite vollgeschrieben sein - vorausgesetzt, es wird weiterhin so pfleglich behandelt wie in den vergangenen 116 Jahren.

Das Buch, in dem Kassier Helmut Böll die Geldbewegungen des Vereins festhält, hatte 1899 der damalige Veteranen- und Kriegerverein angelegt. Zwischen dem etwa 21,5 mal 32 Zentimeter großen Kartoneinband sind 480 Seiten, von denen bislang 243 beschrieben sind.

Böll ist, wie natürlich alle Vereinsmitglieder, stolz auf das historische Kleinod. Es ist aber nicht das einzige im Besitz der Kameradschaft: Auch das Protokollbuch aus dem Gründungsjahr 1899 ist noch erhalten. Hier ist man aber bereits vor mehreren Jahren auf den Computer umgestiegen, da die schriftlichen Aufzeichnungen immer umfangreicher wurden.

Den Veteranen- und Kriegerverein haben laut Protokollbuch 37 Mitglieder am 4. Juni 1899 gegründet. In einer Versammlung am 24. Juni 1899 beschlossen sie, das Gründungsfest am 30. Juli des gleichen Jahres abzuhalten. Da wegen fehlender Mittel keine eigene Fahne beschafft werden konnte, trug der Verein beim Fest- und Kirchenzug "die von den Franzosen erbeutete Feldzugfahne vom Jahre 1795" voran. Wo diese sich heute befindet, ist nicht bekannt. Sie ist wahrscheinlich in den Wirren der beiden Weltkriege abhanden gekommen.

Ratenzahlung für Fahne

Der Verein selbst hielt bereits am 28. und 29. Juli 1901 seine eigene Fahnenweihe. Probleme bei der Finanzierung löste Vereinswirt Michael Merkl, der die Kosten in Höhe von 375 Mark vorstreckte. Der Verein selbst verpflichtete sich, jährlich 50 Mark zurückzuzahlen. Die letzte Rate von 25 Mark wurde laut Kassenbuch am 1. Januar 1909 beglichen. Dieses Banner ist nach mehreren Restaurierungen noch heute bei allen Festlichkeiten im Einsatz.

An Einnahmen steht 1899 ein Betrag von 213,90 Mark zu Buche. Dabei handelt es sich vorwiegend um Aufnahmegebühren und Mitgliedsbeiträge, die ohne Datumsangabe aufgezählt sind. Für das Gründungsjahr sind folgende Spenden eingetragen: 10 Mark von Prinz Leopold (9. Dezember), 20 Mark von Prinz Arnulf (10. Dezember) und jeweils am 27. Dezember von den Herren Köstler (25) und Heining aus Anzenberg (3 Mark). Als erste Ausgabe ist am 29. September der Betrag von 24,70 Mark für Vereinsabzeichen vermerkt. Der Kassier lässt sich nicht feststellen. Der Abschluss, der ein "Kleines Vermögen" von 13,55 Mark ausweist, ist vom Vorsitzenden Karl Mößbauer und seinem Stellvertreter Johann Linhardt unterschrieben.

1900 ist als Kassier Josef Pinzer genannt, der ein "Vermögen" von 164 Mark verwaltete. Über die Einnahmen und Ausgaben bei der Fahnenweihe 1901 sind keine Beträge aufgeführt. Offensichtlich wurde das anderweitig finanziert oder gebucht. In den folgenden Jahren konnten immer wieder kleinere Überschüsse, meist im zweistelligen Bereich, erwirtschaftet werden. Dass das Vereinsleben im Ersten Weltkrieg fast zum Erliegen kam, zeigt sich auch an den nur wenigen Einträgen im Kassenbuch. Die Beträge stiegen in den Jahren 1922 und 1923 wegen der Währungsreform enorm an. Wurden 1922 Einnahmen von 8531 und Ausgaben von 6033 Mark ausgewiesen, standen ein Jahr 87 298 beziehungsweise 77 541 Mark zu Buche.

Obwohl das NS-Regime den Verein 1935 aufgelöst hat, sind noch bis 1940 Beträge aufgeführt. Die Zahlen sind danach mit dem Vermerk "America" durchgestrichen oder entwertet worden. Was dieser Eintrag bedeuten soll, ist ebenfalls nicht bekannt. Aus den Einträgen ist aber auch zu schließen, dass der Verein trotz des Verbotes offensichtlich in eingeschränkter Form noch bestanden hat.

Das Kassenbuch wird erst im Jahr der Wiedergründung 1953 weitergeführt. Auf dieser Seite sind diejenigen aufgeführt, die bei der Neugründung dabei waren. Danach sind alle Einträge vollständig und weisen auf die größeren Ereignisse wie die Kriegerdenkmaleinweihung, die -neugestaltung und die Jubiläumsfeste hin.
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