Überzeugen statt verbieten

KJR-Kreisvorsitzender Jürgen Preisinger hatte als Gesprächspartner der Podiumsdiskussion (von links) Bürgermeister Werner Nickl, Landrat Wolfgang Lippert, Gerhard Krones, KJR- Präsident Matthias Fack, Ministerialrat Georg Walzel und Realschuldirektor German Helgert gewonnen. Bild: wew
Lokales
Kemnath
10.10.2015
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Die Nähe zu Tschechien macht den Landkreis Tirschenreuth zur Transitzone für dort produzierte Drogen. Entsprechend ist die Jugend der Region den scheinbaren Verlockungen vielfältiger Suchtmittel stärker ausgesetzt. Der Kreisjugendring (KJR) nimmt sich dem Problem in seinen "Stadtgesprächen" an.

Ministerialrat Georg Walzel vom Staatsministerium für Gesundheit und Pflege aus München betonte, dass die junge Generation überwiegend sehr gesundheitsbewusst sei. Das zeige sich in der abnehmenden Zahl der Raucher sowie beim Alkoholkonsum. Aber die stark auseinanderdriftende Gesellschaft verstärke die Gefährdung an den Randschichten, erklärte der Drogenbeauftragte der Staatsregierung. Dort stelle die Flucht in den Drogen- oder Alkoholrausch eine vermeintliche Anerkennung dar.

Alkohol sei ein Gesellschaftsthema. Abstinenz könne nicht verordnet werden könne. Jedoch müsse dem Missbrauch entgegengewirkt werden. Alkohol am Steuer, bei der Arbeit oder zusammen mit Medikamenten müsse tabu sein, führte er in der Podiumsdiskussion im Foyer aus.

Vereinzelte Ausreißer

Landrat Wolfgang Lippert schrieb den Erwachsenen eine Vorbildfunktion zu, die weniger durch Verbote als vielmehr durch Überzeugung wirken könne. Auch Kemnaths Bürgermeister Werner Nickl erkannte für seinen Bereich kein generelles Alkoholproblem, obwohl Ausreißer zu verzeichnen seien. Hier fielen aber nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene auf. Immerhin tauchten 90 Prozent aller Jugendlichen nach einer Alkoholintoxikation nie mehr in einer Klinik auf. Der Rest komme dafür aber recht häufig, bedauerte er vor den Fachberatern und den Dienststellenleitern der Polizeiinspektionen Kemnath und Eschenbach.

Gerhard Krones von der Aktion "Need no Speed", der vormals als Leiter der Caritas Suchtambulanz Weiden tätig war, antwortete auf die Frage, wann eine Alkoholabhängigkeit beginne: "Wenn keine Wahlmöglichkeit zum täglichen Alkoholgenuss mehr gegeben ist." Dies sei unabhängig von Art und Menge zu sehen. Dr. Walzel sprach die schädlichen Auswirkungen des Trinkens während der Schwangerschaft an. Seriöse Untersuchungen gingen von nahezu 10 000 geschädigten Babys pro Jahr aus. Null Promille während der Schwangerschaft sei daher ein wichtiges Programm der Staatsregierung.

Der Präsident des Bayerischen Jugendrings, Matthias Fack, leitete auf Crystal Meth und die sogenannten "Legal Highs" (Kräutermischungen mit undefinierten Inhalten) über. Er warf die Frage auf, in welchem Umfang Jugendliche Grenzerfahrungen machen dürften. Realschuldirektor German Helgert gestand dies durchaus zu, wollte diese synthetischen Stoffe aber ausdrücklich davon ausnehmen. Seine Schule thematisiere die Drogenfrage in nahezu allen Fächern. Bei Einzelproblemen müsse aber die Hilfe von Fachleuten und der Eltern einsetzen. Sowohl Bürgermeister als auch Landrat bestätigten, dass Crystal in ihren Bereichen ein Thema sei: Lippert: "Auf eine Trunkenheitsfahrt kommen nach Auskunft der Polizei fünf Drogenfahrten."

Schulterschluss mit Eltern

Gerhard Krones stellte das seit 2011 laufende Programm "Need no Speed" als Reaktion auf die aus Tschechien eingeführte Droge vor. Die Zusammenarbeit mit dem Nachbarland habe sich sehr verbessert, so dass auch dort die Verfolgung der Produzenten besser koordiniert werde. Unverzichtbar bleibe aber der Schulterschluss mit den Eltern. Besonders gefährdet sehe er Kinder von Alleinerziehenden oder Jugendliche, die widersprüchliche Signale von Vater und Mutter erhalten. Auch verminderte Zuwendung, weil Beruf, Freizeitgestaltung und Familie konkurrieren, schade der Entwicklung der Kinder zur Eigenverantwortung.
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