Beleidigt und beklaut im Internet
Cyberkriminalität nimmt zu

"Jeder Täter hinterlässt Spuren im Netz", erzählt Polizeioberkommissar Manfred Kleber (rechts). Moderne Ermittlungsarbeit mit Polizeihauptkommissar Dieter Striegl vor dem PC. Bilder: blu (2)
Vermischtes
Kemnath
19.01.2016
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"Viele machen sich ein Hobby daraus, heimlich zu fotografieren." Dieter Striegl, Polizeihauptkommissar

Cyberkriminalität: Damit haben nicht nur Geheimdienste zu kämpfen, sondern auch die Polizei in Kemnath. Mit fast täglichen Anzeigen zu Betrug, Missbrauch von Fotos für Pornoseiten und Mobbing im World Wide Web.

Bei der Serie "Tatort" taucht immer öfter ein Online-Experte im Ermittlungsteam auf, der besonders knifflige Fälle löst. In Kemnath gibt es den auch. Das ist Polizeioberkommissar Manfred Kleber, Spezialgebiet: Cyberkriminalität. Seit 2014 muss jede Polizeidienststelle in Bayern einen Beamten stellen, der sich damit befasst.

Der Fall eines Strumpfhosenfetischisten, der Fotos von Frauen auf Pornoseiten gestellt hat, erregte zuletzt im Altlandkreis Aufsehen. Doch für die Polizei ist dies nur ein Fall unter vielen. Fast täglich treffen Anzeigen zu Internetkriminalität auf dem Revier ein. "Das ist unser täglich Brot", erzählt stellvertretender Dienststellenleiter Dieter Striegl. Der Klau von Passwörtern über gefälschte Online-Banking-Seiten (Phishing) etwa. Oder Diebstähle von Kreditkartendaten bei Onlinezahlungen. Auch Identitätsdiebstahl über Facebook, Erpressung und Betrug stehen auf der Tagesordnung (siehe Infokasten).

Fotos auf Pornoseiten


Die Polizisten berichten von Fällen, bei denen Fotos aus sozialen Netzwerken auf Pornoseiten hochgeladen wurden. "Die Fotos müssen dabei nicht unbedingt verfänglich sein", sagt Striegl. So werden Gesichter von Frauen auf Nacktbilder montiert, die dann auf Pornoseiten landen. Auch für heimlich fotografierte Frauen gibt es unzählige Internetforen. "Viele machen sich ein Hobby daraus, heimlich zu fotografieren", erzählt der stellvertretende Inspektionschef.

Schwer zu schützen


"Man kann sich schlecht gegen so etwas schützen", seufzt Striegl. "Wenn ich nicht sicher bin, ob ich fotografiert werde, ruhig ansprechen", rät Internetprofi Kleber. Selbst wenn man abgewehrt wird, ein möglicher Täter werde dieses Foto zumindest sicher nicht mehr hochladen. Ein sensibler Umgang mit sozialen Netzwerken sei ebenso von Vorteil. "Die Bilder, die man dort hochlädt, sollten eine geringe Auflösung haben." Dadurch, dass das Gesicht beim Herunterladen zu pixelig ist, ist es nicht zur Fotomontage oder anderem Missbrauch geeignet. "Es müssen auch nicht immer Bilder von sich auf dem Internetprofil stehen", rät Striegl. Es kann auch der eigene Hund sein oder eine Landschaft.

"Viele machen sich ihre Fallstricke selber", fügt Kleber an, der auch Prävention und Aufklärung zu Cyberkriminalität an Schulen macht. "Erschreckend" finde er das, was Menschen im Internet alles preis geben. "Die eigenen Daten sind das wertvollste Gut. Das ist unbezahlbar." Beleidigungen und Stalking über What's App, soziale Netzwerke und Email seien sehr verbreitet, die Dunkelziffer ist hoch.

Viele machen sich ein Hobby daraus, heimlich zu fotografieren.Dieter Striegl, Polizeihauptkommissar

Straftat offline oder online


Einer deutschlandweiten Studie zufolge sind 32 Prozent der Jugendlichen als Opfer von Cyber-Mobbing betroffen. Diese Zahlen kann Kleber auch für den westlichen Landkreis Tirschenreuth bestätigen. "Was früher auf dem Schulhof geklärt wurde, geschieht jetzt über das Netz." Doch dort verbreiten sich Beleidigungen schneller und sind aus der Anonymität heraus oft massiver. Die Beamten stellen klar: Ob online oder offline, Beleidigungen sind eine Straftat.

Fälle der Kemnather Polizei zu CyberkriminalitätTrick 1: Alles aus Liebe

Internetbetrug auf Online-Kontaktbörsen ist ein Delikt, von dem die Beamten ein Lied singen können. Beispiel: Ein Mann lernt eine Frau über eine Datingseite im Internet kennen. Lange und vertraut chatten sie miteinander.. "Das ist so gut gemacht. Die arbeiten monatelang daran", erklärt Cybercrime-Experte Manfred Kleber. "Die Person ist so reell. Das glauben die Leute selbst nicht." Dahinter steckt jedoch organisierte Kriminalität.

Nach ein paar Monaten des Kennenlernens: "Ich würde dich gerne besuchen. Aber ich habe kein Geld." Wenn der Mann kein Geld schickt, die nächste Bitte: "Ich habe ein Paket bestellt, brauche jedoch eine deutsche Adresse." Der Mann soll das Paket annehmen und weiterschicken. Warum nicht, ein Gefallen für eine gute Freundin. Ahnungslos transferiert der Mann so illegale Waren.

Trick 2: Zong-SMS über Facebook

Ein Fall, der die Beamten in Kemnath aber auch deutschlandweit stark beschäftigt hat, ist Betrug durch einen Bezahldienst namens Zong. Mittels einer PIN, die an die Handynummer gesendet wird, kann so im Internet bezahlt werden. Das Geld wird von der nächsten Handyrechnung abgebucht. Kleber schildert, welche Internetmasche die Beamten in Kemnath mehrfach beschäftigt hat: Kriminelle kopieren ein Facebookprofil samt Freundesliste. Automatisch werden alle Freunde angeschrieben und gebeten, ihre Handynummer zuzusenden. "Ich habe mein Handy verloren", ist meist die Ausrede. Dann wird es interessant: Der Täter kauft bei Zong unter der Handynummer des Opfers ein. Dann lädt er zu einem Spiel ein. "Sende mir mal die PIN zu, die du gleich auf deinem Handy empfängst. Macht super Spaß, erklär ich dir später."

Viele glauben dem vermeintlichen Facebookfreund und senden ihm die Zong-SMS mit der PIN zu. Bei der nächsten Handyrechnung bekommt das Opfer dann die Rechnung von Zong. Bei den Fällen in Kemnath ging es um Schäden im "höheren dreistelligen Bereich", so Kleber.

Trick 3: Lukrativer Nebenjob

Ein weiterer Betrugsfall: Das Angebot für einen Nebenjob. Jemand stellt sein Konto für Geldtransfers zur Verfügung. Den Betrag soll er über Western Union weiterleiten. Es winkt stattliche Provision. "Das ist Geldwäsche", klären die Polizeibeamten auf. Belangt werden können hier auch die Opfer. "Gutgläubigkeit schützt vor Strafe nicht", so Kleber.


Nicht immer schöne Welt
Angemerkt von Beate-Josefine Luber

Die meisten Oberpfälzer tragen die Welt in der Hosentasche mit sich herum: das World Wide Web. Doch dort verhalten sie sich meist wie im heimischen Wohnzimmer. Da werden munter Fotos von den süßen (nackten) Kleinen in der Badewanne herumgezeigt, genauso wie aktuelle Bilder von der Familienreise (Einbrecher werden es danken) oder vollkommen unreflektierte Meinungen zu Personen und Ereignissen.

Die Warnung, dass der Arbeitgeber so etwas sieht, ist das nur geringste. Betrachtet man die Erfahrungen der Kemnather Polizisten, ist das Internet jedoch kein Wohnzimmer voll guter Freunde. Es ist auch eine übelste Gosse, in der an jeder Ecke Betrüger, Abzocker, Voyeure und Porno-Unternehmer lauern. International organisiert, hemmungslos und tabulos. Als Medium für freie Informationen und grenzenlosen Austausch ist das Internet Gold wert. Doch genauso wie ein Weltenbummler sollte auch der Netzreisende nicht naiv sein, sondern vorsichtig und vor allem kritisch bleiben.


beate.luber@derneuetag.de
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