Dr. Wolfgang Schinner misst für die Jäger Cäsium-Belastung von Wildschweinen
Blaues Auge beim Schwarzwild

Rund 500 Gramm Fleisch "in Gulaschgröße" benötigt Dr. Wolfgang Schinner für sein Messgerät. Nach einigen Minuten sagt es ihm, ob in der Probe die Cäsium-137-Grenzwerte überschritten sind. Bild: hrö
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Kemnath
25.04.2016
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Rund 30 Jahre beträgt die Halbwertszeit von Cäsium 137. Genau 30 Jahre ist es heute her, dass bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl der radioaktive Stoff in die Erdatmosphäre gelangte. Ostwind trug ihn auch in den Landkreis Tirschenreuth. In Schwarzwild entdeckt Dr. Wolfgang Schinner davon immer noch Spuren.

Allerdings kann der Vorsitzende des Bayerischen Jagdverbandes, Kreisgruppe Kemnath, Entwarnung geben. "Eine Gefahr für die Bevölkerung besteht nicht", betont der Tierarzt auf Nachfrage. Wobei er gleich relativiert: "Wer isst schon jeden Tag Wildschwein?" Zumal die meisten Wirtshäuser eher Reh- und Rotwild anbieten.

Seine Einschätzung beruht auf Messungen, die er selbst in seiner Praxis vornimmt. Seit über zehn Jahren untersucht der Kemnather Proben von Wildschweinen, die die Jäger der Kreisverbände Kemnath und Eschenbach, aber auch aus dem Fichtelgebirge, bei ihm abgeben.

Laut seinen Unterlagen lagen 2012 bei 90 Messungen 5 Schwarzkittel über dem Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilogramm. Ebenso viele waren es im Folgejahr, jedoch dann bei 161 Messungen. Laut Dr. Schinner waren im ersten Halbjahr 2014 bei 77 Proben 6 zu beanstanden, im zweiten Halbjahr bei 57 dagegen gar keine. Und in den ersten sechs Monaten des Vorjahres "waren bei 110 Messungen 10 darüber". Zwei Mal im Jahr gibt er seine Zahlen an den Landesjagdverband weiter.

"Wir können im Großen und Ganzen zufrieden sein", meint der Veterinär. "Immer unter 5 Prozent, das ist schon ganz gut." In Gebieten wie dem Bayerischen Wald oder entlang der Grenze zu Tschechien "ist es schlimmer", je nachdem wo damals das radioaktive Material durch Regen in den Boden gespült wurde. "Da sind wir mit einem blauen Auge davongekommen."

Ob die Waidmänner ihre erlegten Wildschweine bei ihm testen lassen, liege in deren Ermessen, erklärt Dr. Schinner. Aber nur, wenn es für den Eigengebrauch verwendet wird. Komme es zum Beispiel durch Verkauf an Gasthäuser in Umlauf, dann sei die Messung Pflicht. Wie oft er deshalb sein Gerät einschalten muss, hängt auch von der Jahreszeit ab. "Im Winter ist es wesentlich mehr, im Sommer wird nicht so viel geschossen."

Ob und welche Gebiete in der Region stärker als andere mit Cäsium 137 belastet sind, kann er an seinen Messungen beziehungsweise der Herkunft des Wildes nicht ablesen. "Es gibt Wildschweine, die an die 28 Kilometer rennen und somit von ganz woanders herkommen."

Keine Meldepflicht


Noch weniger kann hier das Landratsamt in Tirschenreuth Auskunft geben. Sowohl im Sachgebiet Jagdwesen als auch im Bereich Immissionsschutz muss die Behörde passen. "Es gibt keine Aufzeichnungen", erklärt Pressesprecher Walter Brucker. Es werde hin und wieder hochbelastetes Wild gemeldet, eine prinzipielle Pflicht dazu bestehe jedoch nicht.

EntschädigungIst das Fleisch wegen eines zu hohen Grenzwertes nicht für den Verzehr geeignet, muss es zur Tierkörperbeseitigung in Rothenstadt (bei Weiden) gebracht werden. Der Jäger kann dann beim Bundesverwaltungsamt in Köln eine Entschädigung beantragen. So gibt es für einen Frischling 100 Euro, für Überläufer (Schwarzwild im zweiten Lebensjahr) 200 Euro, erläutert Dr. Schinner. Voraussetzung sei jedoch, dass eine zertifizierte Stelle wie die Amberger Cäsium-Messstelle von Dr. Günther Baumer die Werte bestätigt. Zudem erhalten nur Privatjäger eine Ausgleichzahlung. Wer sein Revier vom Staat gepachtet hat, geht leer aus. (luk)
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