Heimatkundlicher Arbeits- und Förderkreis eröffnet Ausstellung „Alles nur Theater“
Museum hebt den Vorhang

Was mag wohl "im Edelgrund und tiefen Wald" abgegangen sein? Zur Aufführung des Volksstücks "Die Buschliesel" hatten Jugendliche unter 16 "unbedingt keinen Zutritt". Bilder: bjp (2)
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Kemnath
16.02.2016
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Museumsleiter Anton Heindl.

An Selbstbewusstsein und Mut fehlte es den Kemnather Theaterspielgruppen nicht. Der Klassiker "Lumpazivagabundus" von Johann Nepomuk Nestroy, das Singspiel "Ballnacht in Wien" von Oskar Weber, ein opulentes Historiendrama über Johanna von Orléans und eine Reminiszenz an die März-Revolte von 1848: Es war keineswegs nur Bauerntheater, woran sich Kolpingsfamilie, Feuerwehr, Musikverein oder Liedertafel wagten. Auf ein halbes Jahrtausend städtisch-bürgerlicher Bühnengeschichte blickt der Heimatkundliche Arbeits- und Förderkreis mit der neuen Sonderausstellung "Alles nur Theater" zurück.

Ensembles seit 1884


Einmal mehr wolle das regionalgeschichtliche Schatzkästchen in der Fronveste dem Anspruch gerecht werden, "Gedächtnis des Kemnather Landes" zu sein, unterstrich Museumsleiter Anton Heindl bei der Eröffnungsfeier im "Meisterhaus", zu der er auch eine Abordnung der "Laienspielschar" aus Kastl begrüßte. Die neue Dokumentation schlage einen Bogen von dem um 1500 in Kemnath geborenen Dichter und Komponisten Wolfgang Schmeltzl, der als "Wiener Hans Sachs" berühmt und zu seinem 400. Todestag 1962 von seiner Heimatstadt glanzvoll gefeiert wurde, bis zu einem Gang durch die vielfältige Geschichte der Amateurensembles seit 1884.

Dessen Startpunkt setze die "Dilettantengesellschaft", die im Klostersaal das Drama "Hedwig, die Banditenbraut" Theodor Körners, des bekannten patriotischen Dichters aus der Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon, aufgeführt habe.

Rollentexte, Plakate, Requisiten, Szenen- und Gruppenfotos aus dem Museumsfundus und den Privatsammlungen von Mathilde Zaus und Gertrud Vogt erlaubten aufschlussreiche Blicke hinter die Kulissen und erinnerten an viele Kemnather Originale.

Für Passion kein Platz


Nicht unerwähnt ließ Heindl die rund 300-jährige Passionsspieltradition, die "einen Vergleich mit Oberammergau nicht zu scheuen braucht". Aus Platzgründen habe man dieses bedeutsame Kapitel ausklammern müssen, bedauerte der Museumsleiter: "Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben."

Die Sonderschau "Alles nur Theater" in der Fronveste kann bis 17. Juli jeden Sonntag von 14 bis 16 Uhr, am ersten Sonntag des Monats zusätzlich von 10 bis 12 Uhr besichtigt werden. Der Eintritt ist frei.

Was war bei Liesel im Busch?Nicht ganz jugendfrei war anscheinend das "Volksstück mit Gesang in sechs Aufzügen" namens "Die Busch-Liesel oder Im Edelgrund und tiefen Wald", das der Gesellenverein 1917 darbot. Dazu hatten "jugendliche Personen unter 16 Jahren (...) unbedingt keinen Zutritt", wie Anna Müller-Rösch beim Studieren des Plakats entdeckte. "Schneewittchens Tod" mochte man vor rund 90 Jahren Kindern nur in elterlicher Begleitung zumuten.

Einen neuen Tabernakel für die Stadtkirche finanzierten die Amateurschauspieler 1920 mit der Aufführung eines Volksstücks "Im Austragsstüberl". An süditalienische Erdbebenopfer versprach der Rotkreuz-Frauenverein 1909 den Hauptteil des Erlöses eines Wohltätigkeitsabends zu überweisen. Ein weiterer Teil sollte den Leidtragenden eines "hiesigen Hochwassers" zugute kommen. Spiegelbild der ehedem hoheitlich erwünschten "öffentlichen Meinung" war das Programm einer Festveranstaltung zum 90. Geburtstag von Prinzregent Luitpold 1911, das mit "patriotischen Deklamationen" gespickt war und eine kriegsselige "Erinnerung an die große Zeit 1870/71" eines Herrn von Döbereiner einflocht. Zumindest in Bayern längst Geschichte ist die "Lustbarkeitssteuer", die der Fiskus auf Eintrittsgelder erhob. Und was mag man sich unter dem "großen Tischerücken" vorzustellen haben, das der Musikverein 1911 für seinen Faschingsabend verhieß? (bjp)
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