Kemnather Helferkreis zieht nach über einem Jahr Arbeit Bilanz
Das Helfen hat sich verändert

Margit Murr, Mittendrin-Leiterin Jessika Wöhrl-Neuber, Kinderdorf-Leiter Holger Hassel, Angela Reindl, Sozialpädagoge Stefan Hartung und Anita Heindl (von links) suchen nach Wegen, wie die Hilfe für die Flüchtlinge künftig gestaltet werden muss. Bilder: Schönberger
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Kemnath
25.11.2016
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Aufmerksam hören sich Sozialpädagoge Stefan Hartung und SOS-Kinderdorf-Leiter Holger Hassel die Probleme der ehrenamtlichen Helfer an. Auch Anita Heindl (von links), die im westlichen Landkreis die Unterkünfte betreut, berichtet von ihren Erfahrungen. Bild: Schönberger
 
"Der Deutschunterricht ist ein Auffangbecken für die, die nicht in einen Integrationskurs kommen." Zitat: Gabi Zaus

Seit 2015 betreut Anita Heindl Flüchtlinge. Die Arbeit mit ihnen gefällt ihr noch immer. Doch mit Spaß und Engagement alleine ist es nicht getan. Sie und ihre Kollegen vom Kemnather Helferkreis brauchen selbst Unterstützung bei der ehrenamt- lichen Tätigkeit.

Als sie in Immenreuth angefangen habe, musste sie den unbegleiteten jugendlichen Flüchtlingen in der Familienferienstätte "erst Zivilisation beibringen", blickt Heindl, die mittlerweile beim Landratsamt beschäftigt ist, lachend zurück. Bei der Gründung vor etwas über einem Jahr gehörte die Hausverwalterin im westlichen Landkreis zum Stamm des Helferkreises. Dieser habe sich "aus einer ersten Nothilfe heraus gebildet", berichtet Mittendrin-Leiterin Jessika Wöhrl-Neuber. Innerhalb weniger Wochen wuchs die Zahl der Asylbewerber in der Stadt auf rund 60 an, die aber ständig wechselten. Die Sozialpädagogin weiß, was sie an Heindl hat: Als Schnittstelle zum Landratsamt könne diese genau beurteilen, "wer etwas braucht".

Schon seit der ersten Stunde ist ebenfalls Margit Murr dabei. In ihren Gasthaus in Hahneneggaten waren und sind immer noch Flüchtlinge untergebracht. Vor allem 2015 war sie als Mutter für alles gefordert, unter anderem bei Taxidiensten und Arztbesuchen. "Aber es war trotzdem schön", auch wenn sie bedauert, mittlerweile den Überblick verloren zu haben. "Die Namen sind ein Problem, man weiß einfach nicht mehr wie die Familien zusammengehören."

Wie Murr und Heindl schauen unter anderem noch Gabi Zaus, Heidrun Schelzke-Deubzer ("Sie arbeitet viel im Hintergrund") und Angela Reindl regelmäßig im Mittendrin vorbei. "Doch der Kreis der Ehrenamtlichen ist kleiner geworden", erzählt Wöhrl-Neuber. Jeder habe so seine Arbeit gehabt, weshalb sie beim Integrations-Café an den Montagnachmittagen manchmal die einzige Ansprechperson für die Flüchtlinge gewesen sei. "Aber alleine kann man das nicht stemmen."

Kleiderkammer aufgelöst - Fokus auf Deutsch-Kurse


Der logische Schritt ist daher eine Umstrukturierung gewesen. So ist mittlerweile unter anderem die Kleiderkammer aufgelöst worden. Den Fokus verlegte der Helferkreis auf Deutsch-Kurse, die mittwochs und freitags laufen. Diese koordiniert Gabi Zaus, die am Eschenbacher Gymnasium unterrichtet. Sie und weitere fünf ehrenamtliche Deutschlehrer "machen ihre Arbeit bravourös", lobt die Mittendrin-Leiterin. Doch hier fangen die Probleme schon an. Denn für die Kinder der jeweils etwa zehn Teilnehmer müsse während des Unterrichts eben auch eine Betreuung organisiert und finanziert werden.

Dank der Stadt Kemnath braucht sich Wöhrl-Neuber immerhin nicht um die Kosten für die Fahrten der Flüchtlinge zu den Kursen und zurück zu den Unterkünften in Hahneneggaten und Zwergau zu kümmern. "Das Taxi wird gesponsert." Ebenso habe die Stadt die ehemalige Hausmeisterwohnung im alten Rathaus zur Verfügung gestellt, die bislang als Kleiderkammer, künftig aber für den Deutschunterricht genutzt wird.

Zaus sieht in ihm ein "Auffangbecken für die, die nicht in einen einjährigen Integrationskurs kommen". Ein solcher startet zwar am 6. Dezember in Kemnath, doch die 22 Plätze sind laut Reindl überwiegend mit Flüchtlingen von außerhalb des Stadtgebiets belegt. Und auch hier muss für die Mütter an vier Tagen in der Woche eine Kinderbetreuung vorgehalten werden. Zwar haben sich zwei Erzieherinnen gefunden, doch "wegen der Organisation müssen wir noch schauen".

Der Deutschunterricht ist ein Auffangbecken für die, die nicht in einen Integrationskurs kommen.Gabi Zaus


Wie Zaus dazu ausführt, stelle die Diözese Mittel für die Arbeit mit Flüchtlingen bereit, "doch weiß das keiner". Und eben dieses und anderes Wissen fehlt meistens den Ehrenamtlichen. "Oft müsste man eine juristische Beratung machen", meint die Lehrerin. Heindl pflichtet dem bei. Exemplarisch nennt sie Fälle, in denen Flüchtlinge umziehen wollten, weil die Verkehranbindung für Kursbesuche oder Behördengänge fehlt oder unzureichend ist. "Man ist nur am Telefonieren", um herauszufinden, ob jemand am neuen Wohnort auch einen Deutschlehrgang besuchen kann oder ob dort Wohnungen nur für anerkannte Asylberwerber zur Verfügung gestellt werden.

Doch auch nach einem Wegzug in eine größere Stadt wenden sich Heindls Schützlinge manchmal hilfesuchend an sie. Andere seien wochenlang verschwunden, um Verwandte zu besuchen, "aber dann kommen sie wieder nach Kemnath zurück, weil sich hier die Menschen noch für andere interessieren", ergänzt Murr.

Ehrenamtliche nicht richtig auf Arbeit mit Flüchtlingen vorbereitet


Nicht nur beim Helferkreis sei das Kernproblem, dass die Ehrenamtlichen in der Regel keine pädagogische Ausbildung haben, fasst Wöhrl-Neuber zusammen. "Sie brauchen eine professionelle Schulung und Anleitung", ansonsten bestehe "die Gefahr des Ausbrennens". Dem pflichtet Zaus bei. Sie müssten lernen, Distanz zu halten, um überhaupt Hilfe zur Selbsthilfe leisten zu können.

Und wenn es Unterstützung gibt, ist sie zu weit weg. So befindet sich beispielsweise die Migrationsberatung von der Caritas und der AWO in Weiden. Jedoch können die Mitarbeiter laut Reindl nicht in den Landkreis kommen.

Netzwerke als Ausweg


"Die Ehrenamtlichen haben ganz viel geschultert", lobt SOS-Kinderdorfleiter Holger Hassel. In seiner Einrichtung in Immenreuth sind ebenfalls minderjährige unbegleitete Flüchtlinge untergebracht, um die sich der "gut funktionierende Helferkreis Immenreuth" mit kümmert, "doch auch der kommt an seine Grenzen". Daher sollte bei der Betreuung von Asylbewerbern nicht "in Dörfern, sondern in Regionen" gedacht werden. Es gelte, Kontakt zu Vereinen zu suchen und Netzwerke aufzubauen, damit Begegnungen passierten. Das sieht auch Jessika Wöhrl- Neuber ähnlich. "Wir brauchen ein Netzwerk mit Menschen, die sich gegenseitig helfen."

Ein erster Schritt dazu ist in Immenreuth mit der Schaffung einer Halbtagsstelle für Stefan Hartung gemacht, die der Kinderdorfverein in München bis Ende 2017 finanziert. Der 29-jährige Diplom-Sozialpädagoge, der zum 1. November seine Arbeit aufgenommen hat, sieht eine seiner Aufgaben in der Organisation von Hilfsangeboten über Immenreuth hinaus. Auch fungiert der Hannoveraner als Schnittstelle zu Schulen und als Bildungskoordinator. Wöhrl-Neuber ist froh, dass hier der Landkreis zum Oktober ebenfalls zwei Stellen geschaffen hat, die die Arbeit vor Ort unterstützen werden

Defizite bei der Schulung der Helfer entdeckt auch Hassel. Deswegen sollte "man jemanden in die Region holen. Man kann den Ehrenamtlichen nicht auch noch zumuten, dass sie zur Fortbildung nach Nürnberg fahren". Er rät auch, mit den Bürgermeistern zu reden, ob und wo es Fördertöpfe zur Finanzierung von Betreuungsmaßnahmen gibt.
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