Tanzübungsabend der Volksmusikfreunde
Vom Zuserl zum Boaschleiderer

Gassentanz mit Anfassen. Daraus entwickeln sich die unterschiedlichsten Formationen. Und am Ende hat jeder seinen ursprünglichen Partner wieder. Bilder: lpp (3)
Vermischtes
Kemnath
30.09.2016
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Fast pausenlos spielen die Ponader Boum, Moritz, Phillip, Vater Michael und Max (von links), zum Tanz auf.

Mit dem Reden kommen d'Leut zam. Das gilt aber auch für den Tanz und die Volksmusik. Dies beweisen die regelmäßigen Volkstanzabende in Waldeck. Allerdings findet sich zu diesen Treffen in der Regel nur eine Altersgruppe ein.

Waldeck. Erneut hat Hermann Burger zum Volkstanzübungsabend ins Gasthaus "Goldener Engel" eingeladen. Diesmal geben die Ponader Boum, Vater Michael sowie seine Söhne Philipp, Max und Moritz, den Takt vor. Unwissenden erklärt Burger, Landkreisbeauftragte der Oberpfälzer Volksmusikfreunde Regensburg, was eigentlich Volkstanz ist - einfach der Tanz des gemeinen Volkes.

Doch bei dieser Art der Geselligkeit sucht man junge Leute vergebens. Dabei sind sich die Männer und Frauen, meist jenseits der 50 einig, werden sie nach den Gründen fürs Mitmachen gefragt: "Es macht Spaß", lautet durch die Bank die Antwort. Das ist es auch, weshalb sie aus allen Ecken der Oberpfalz und dem angrenzenden Franken nach Waldeck kommen. Die Tänzer aus Tännesberg und Fuchsmühl, aus Amberg, Neustadt, kleinen Dörfern bei Cham, Schmidmühlen, Pfreimd und von der "böhmischen Grenz'" sehen in den Übungsabenden zudem eine Möglichkeit, sich körperlich sowie geistig fit zu halten. Auch schätzen sie die Gesellschaft Gleichgesinnter. "Man lernt viele nette Leute kennen", bestätigt ein Gast. Denn es sei üblich, stets mit allen am Tisch sitzenden Damen wenigstens einmal am Abend zu tanzen. "So kommen die Leut zam."

Die Musik der Ponader Boum aus Nagel tut ihr übriges, zumal das Quartett - an diesem Abend auch begleitet von Mutter Bärbel - die Lautstärke ihrer Instrumente anpasst. Gespräche sind so ohne weiteres noch möglich. Phillip, mit 14 Jahren der Jüngste und wie der Rest der Familie Mitglied bei den Fichtelgebirgsmusikanten in Ebnath, spielt unermüdlich Klarinette, bis zum Schlusslied. Bruder Moritz spielt Trompete. Der 18-Jährige übernimmt oft die erste Stimme und bläst das Intro beim Jagdstück. Es reicht ein Blick auf das einzige Notenblatt der Vier, schon weiß er, was kommt. Sein großer Bruder Max (19) übernimmt mit seiner Tuba den Takt.

"Immer auf den Bass hören", rät Hermann Burger den Tänzern, als Zwiefache, der einzige "heimische" Tanz, an der Reihe sind. So einfach ist das aber nicht, gibt es doch regelmäßige und unregelmäßige. Zumindest für Max offenbar kein Problem. Gleiches gilt für Rheinländer, Dreher, Boarische oder einen Schottisch. Dazu spielt Vater Michael Akkordeon und singt mit seinen Jungs lustige, einfallsreiche, alte Texte. Greift er zur Klarinette, überlässt er Sohn Moritz das Akkordeon.

Auf Zuruf, immer im Kontakt mit dem Publikum und angepasst an die Anzahl der Tänzer bei Figurentänzen, spielen die Ponader Boum aus dem, was sie vorher auf die Tafel geschrieben haben: Mazurka, offener Rheinländer, Landler. Die Noten für die Musik aus dem 18. bis Anfang des 20. Jahrhunderts haben sie unter anderem von den Oberpfälzer Volksmusikfreunden bekommen.

Seit rund 20 Jahren finden regelmäßig Volkstanzübungsabende im Landkreis Tirschenreuth in Wiesau und Waldeck statt. Es gibt sie aber auch in den Landkreisen Neustadt/WN, Schwandorf und Amberg-Sulzbach. Und so lange tanzen oft auch schon die Teilnehmer an diesem Abend mit. Die Musik komme aus der Oberpfalz, aus ganz Bayern sowie Österreich. Sie unterliege auch Modeeinflüssen, erklärt Herrmann Burger. Ein sächsischer Kurfürst habe etwa die Mazurka eingeführt, "die sich über ganz Europa verbreitete und bei uns hier ,Boaschleiderer', also Beinschleuderer, heißt.

Aber auch Landler, einmal klingt sogar die Pippi Langstrumpf durch, und Walzer wie der "Vuaglbeerbaam" gehören zum Musikrepertoire der Volkstänzer. Bei Gassen- und Figurentänzen bilden sie hübsch anzusehende Formationen. Der Laie meint, ein heilloses Durcheinander zu sehen, doch auf einmal hat jeder wieder seinen Partner. Und wenn einmal ein bestimmter Tanz mit entsprechenden Figuren kommt, gibt Herrmann Burger, der mit seiner Frau Brunhilde die Übung vorzeigt, kurze Kommandos: "Wechselschritt und kreuz tupf, kreuz tupf". Schon gelingen die Schritte, man schaut mal schnell zum Nachbarn. Lacht, wenn's nicht gleich klappt und schon bald funktioniert's.

Gleich beim ersten Ton strömen alle, der Großteil in Tracht, auf die Tanzfläche, nur sehr wenige bleiben sitzen. Noch das "s'Zuserl", wieder ein Zwiefacher und ein Walzer, dann reichen sich alle die Hände und verabschieden sich mit "Kein schöner Land". Ein großes Lob gibt's von Herrmann Burger für den Wirt, der den Saal für die Volkstänzer freihält.
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