Wie die alten Rittersleut' - Ritterbund Waldeck
Von "Schwatzdraht" und Schwertern in Kemnath

Mit Mantel, Wams und Barett kommen sie ihren Vorbildern aus dem Mittelalter schon ziemlich nahe. Im wahren Leben sind die Männer vom Waldeckher Ritterbund zue Kemenatha Firmeninhaber, Bauern oder Gärtner. Bilder: hfz (3)
Vermischtes
Kemnath
26.08.2016
62
0
 
Das Hauptquartier der Kemnather Ritter sieht aus wie eine echte Burg, nur ein paar Nummern kleiner. Den blauen Himmel im Hintergrund hat allerdings ein findiger Ritter am Computer hinzugefügt.
 
Bei den Kapiteln halten sich die Ritter streng ans Zeremoniell. Dafür sorgt Großmeister Werner von Podewils (Dritter von links) vom Hochsitz aus. Beim anschließenden Mahl geht's eher lustig zu.

In der Burg hinter dem Ärztehaus herrscht das Mittelalter. Tapfere Männer versammeln sich hier zur Tafelrunde, pflegen ritterliche Tugenden und werfen auch mal den Fehdehandschuh. Der Großmeister des Waldeckher Ritterbundes zue Kemenatha, Werner von Podewils, erzählt vom Leben als (Teilzeit-) Ritter.

Wer beim Ritterbund mitmacht, liebt das Mittelalter nicht nur, sondern lebt es auch. Auf Mittelaltermärkten trifft man die Ritter jedoch nicht an. Denn ihr Ziel ist es nicht, Leute zu unterhalten.

Werner von Podewils, auch bekannt als Werner Ponnath, ist Ritter in vierter Generation. Schon sein Urgroßvater war dabei, die ritterlichen Tugenden liegen ihm also gewissermaßen in den Genen. "Am wichtigsten sind die Freundschaft und der Zusammenhalt, aber auch der Humor", sagt er. Das gilt nicht nur für die Treffen in der vereinseigenen Burg, sondern auch für das Leben außerhalb.

Vier Jahre Ausbildung


Sobald die Ritter über die Schwelle der Burg treten, legen sie nicht nur ihren zivilen Namen ab. Es ist egal, welchen Beruf man ausübt und wie hoch der Kontostand ist. An der Tafelrunde sind alle gleich. Darauf legen die Ritter großen Wert. Der Ritterbund soll ein Ort sein, an dem man die Sorgen des Alltags vergessen kann. Themen wie Politik und Religion sind deshalb tabu. Sobald das Kapitel abgeschlossen ist, haben die Ritter aber immer "eine Mordsgaudi" miteinander.

Wer dem Ritterbund beitreten will, braucht außer einem Faible für mittelalterliche Sprache und Kostüme auch Geduld. Hier ist es mit dem Ausfüllen eines Antrages nicht getan, denn die Männer durchlaufen eine richtige Ausbildung. Jedem Anwärter steht ein sogenannter Lehnsherr zur Seite, der dem Knappen in der drei- bis vierjährigen Lehrzeit alles beibringt, worauf es als Ritter ankommt, zum Beispiel Gepflogenheiten und Sprache. Wer dabei bleibt, wird zunächst zum Junker befördert und schließlich in einer feierlichen Zeremonie zum Ritter geschlagen.

Anreise mit "Stinkross"


Die mittelalterliche Sprache ist dabei ein Kapitel für sich, da heißt es für die Ritter Vokabeln pauken. Viele moderne Begriffe hat der Ritterbund einfach übersetzt. Die Anreise erfolgt zum Beispiel nicht wie zu erwarten auf dem Pferd, sondern ganz normal mit dem "Stinkross". Kommuniziert wird per "Schwatzdraht" oder "elektronischem Sendknecht". Alles, was ein Ritter wissen muss, steht in einem dicken Heft des Deutschen Ritterbundes, sozusagen die "Bibel" aller Ritter.

Jeder Neu-Ritter sucht sich einen "Leibritter" aus, nach dem er sich benennt. Idealerweise sollte dieser Leibritter eine historische Person sein. In der Burg sprechen sich die Ritter nur mit diesem Namen an. Ponnath hat sich wie alle Ritter in seiner Familie den Namen "von Podewils" ausgesucht. Sein historisches Vorbild ist Hans von Podewils, der sich das Lehen Wildenreuth angeblich ertrunken hat.

Frauen können keine Mitglieder werden. Während der strengen Sitzungen dürfen die "Burgfrauen" zwar dabei sein, sitzen aber nicht an der Tafel, sondern mit den Kindern an einem gesonderten Tisch. Außerdem sind die Burgfrauen für das Nähen der historischen Kleidungsstücke - Wams, Umhang und Barett - zuständig. Was zunächst jede Feministin nach Luft schnappen lässt, ist in der Praxis aber nur halb so schlimm. Denn für Ponnath und seine Ritterkollegen gehören die Frauen genauso dazu, und nach dem Kapitel nehmen sie es mit der Sitzordnung auch nicht mehr so genau.

Waffen aus dem Internet


Die Tafelrunde ist sich einig: "Ohne Frauen wär's nichts". Und die Frauen selbst stört die mittelalterliche Rollenverteilung auch nicht. Ponnath schmunzelt: "Natürlich gibt es bei uns auch Minne und Romantik. Und wenn zum Beispiel jemand eine Frau beleidigt, wird auch schon mal der Fehdehandschuh geworfen." Gekämpft wird allerdings nicht mit Schwert oder Spieß, sondern ausschließlich mit Worten. Und immer mit einer gehörigen Portion Humor.

Sommerserie: Unser VereinNette Leute und ihre Geschichten

Kemnath. Was wäre die Region ohne ihre Vereine, von denen jeder auf seine Weise zum gesellschaftlichen Leben gehört und beiträgt. Überall trifft man auf interessante Leute mit spannenden Geschichten.

"Der Neue Tag" erzählt einige dieser Geschichten und stellt in jeder Ferienwoche abseits der üblichen Berichterstattung einen "etwas anderen" Verein aus der Region vor. Das Ziel dieser Sommerserie ist es, die Vielfalt und die Besonderheiten des Vereinslebens im Norden Bayerns zu zeigen. Und vielleicht findet der eine oder andere sogar einen neuen Verein oder ein neues Hobby.

Weitere Informationen im Internet:
www.onetz.de/Unser-Verein

Zum Ritterbund gehören nicht nur die holden Damen, sondern auch die eigene Burg. 1923, drei Jahre nach der Gründung, pachteten die damals acht bis zehn Mitglieder das Grundstück auf 99 Jahre und bauten in Eigenleistung die Miniatur-Burg. Natürlich darf auch das "Verlies", ein alter Bierkeller, nicht fehlen. Der Legende nach reichte das Kemnather Felsenkellersystem bis nach Waldeck und diente den dortigen Burgbewohnern im Angriffsfall als Fluchttunnel. Bewiesen werden kann diese Theorie zwar nicht, aber für Ponnath ist sie durchaus denkbar.

Der Ursprung der Ritterbünde liegt schon mehr als 200 Jahre zurück. Während dieser langen Zeit hatten die Bünde auch Rückschläge zu verkraften. 1934 wurde der Deutsche Ritterbund verboten, denn Adolf Hitler vermutete Freimaurer hinter der Vereinigung. Zu der Zeit besaß der Waldeckher Ritterbund zue Kemenatha noch wertvolle historische Waffen. Als mit dem Kriegsende die Amerikaner nach Bayern kamen, versteckte ein Mitglied die Waffen in einem Durchlass. Nach dem Tod des Ritters wusste jedoch niemand mehr, wo die Waffen waren, und der Durchlass wurde zugeschüttet. Erst mit dem Bau des Krankenhauses nebenan kamen sie wieder zum Vorschein. "Viel mehr als ein paar Rostfetzen war da allerdings nicht mehr übrig", bedauert Ponnath. Die Schwerter, die jetzt an den Wänden der Burg hängen, schauen zwar echt aus, sind aber bloß Spielzeug. "Diese Waffen sind schon für relativ wenig Geld im Internet zu bekommen. Aber wir kämpfen ja sowieso nicht damit."

Kurz und bündig: Fünf Fragen an den Großmeister
Wann wurde der Verein gegründet?

1920

Wie viele Mitglieder hat der Verein?

23

Warum ist der Verein etwas ganz Besonderes?

Wir haben gewisse Rituale, sind aber nicht eingefahren. Außerdem ist der Zusammenhalt sehr groß (auch mit den Burgfrauen).

Wie überzeugt ihr jemanden vom Beitritt?

Wir laden alle Interessierten zum Kapitel ein. Wer es einmal gesehen hat, kommt oder kommt nicht.

Was ist die schönste Veranstaltung im Jahr?

Das Burggartenfest, und alle vier Jahre der Deutsche Rittertag mit mehr als 300 Rittern aus Deutschland und Österreich.


Weitere Informationen:
www.deutscher-ritterbund.de/html/waldeckher_rb_z__kemenatha.html
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.