Wie Jungfrau zu Kind
Vier mal Nachwuchs bei Flüchtlingen in Hahneneggaten: Margit Murr kümmert sich um junge Mütter und deren Kinder

Yonas Kifle (Vater von Eden), Ester mit Baby David, Amim mit Baby Eden, Samar El Ibrahiem mit Baby Natali und Vater Zaher Alabed (von links) gehören inzwischen zur "Großfamilie" von Margit Murr aus Hahneneggaten. Bild: sib
Vermischtes
Kemnath
23.12.2015
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Es ist ein bisschen wie die Weihnachtsgeschichte, nur ohne Ochs und Esel: Schwangere Frauen aus fremden Ländern auf Herbergssuche, angewiesen auf jemanden, der ihnen Unterkunft zur Niederkunft gewährt. Einer dieser Menschen ist Margit Murr aus Hahneneggaten.

Unter ihren Fittichen sind mittlerweile vier Flüchtlingsbabys auf die Welt gekommen. Alles begann im Oktober 2014, als die ersten Flüchtlinge in Hahneneggaten eintrafen. Damals war der Flüchtlingszustrom längst noch nicht so groß wie heute. "Ich habe gehört, dass da manche auf Wiesen schlafen müssen. Da habe ich zu meinem Mann gesagt: ,Das kann nicht sein, bei uns steht das ganze Haus leer'", erinnert sich Murr. Die Familie betreibt einen Gasthof mit Ferienwohnungen. "Wir haben uns dann beim Landratsamt gemeldet, haben aber zunächst nicht gedacht, dass unser Angebot in Anspruch genommen wird. Wir leben ja doch etwas außerhalb." Innerhalb von einer Woche kamen dann die ersten Asylbewerber.

"Ich habe das nie bereut, es war die beste Entscheidung damals", blickt Murr zurück. Aber sie blieb nicht nur Vermieterin: "Die wohnen mit im Haus, da kann man nicht einfach wegschauen. Man sieht ja wie mitgenommen die Leute sind." Darunter waren auch zwei schwangere Frauen. "Das sind nicht nur junge muslimische Männer, die aus ihrer Heimat fliehen. Es sind auch viele Christen und Frauen dabei."

Ester aus Nigeria brachte im Januar ihren Sohn David auf die Welt. Die 25-Jährige flüchtete allein und wusste vor ihrer Ankunft in Deutschland nicht einmal, dass sie schwanger war. "Im Erstaufnahmelager in München sagten sie mir, dass ich bereits im siebten Monat bin. Ich war geschockt", erzählt sie auf Englisch.

Gerade in der ersten Zeit der Schwangerschaft ist die Fluchtsituation am gefährlichsten. "Aber die Versorgung von schwangeren Asylbewerbern wird in Deutschland gut geregelt. Die bekommen einen Mutterpass, Ultraschalluntersuchungen, in den ersten beiden Monaten nach der Geburt steht ihnen eine Hebamme zu", weiß Murr. Die sei besonders wichtig für die jungen Mütter. "Da fängt man ja teilweise im Minusbereich an. Die Frauen sind nicht aufgeklärt, wissen manchmal gar nicht, wie das Kind überhaupt entstanden ist." Dass sie zu den Vorsorgeuntersuchungen kommen können, ist der Verdienst von Margit Murr und dem Kemnather Helferkreis, der die Fahrten übernimmt.

Chris, das zweite Baby, kam im April auf die Welt. Jedoch wurde die Familie Charles aus Nigeria bereits umverteilt. "Stets die Angst: Jeden Tag kann Post kommen, in der es heißt, die Familien werden woanders untergebracht oder ausgewiesen. Das geht alles ganz schnell, innerhalb einer Woche sind die dann weg. Damit muss man leider rechnen", erzählt Margit Murr.

Angela Reindl aus dem Helferkreis pflichtet ihr bei: "Das Schlimmste ist einfach, dass man sich an die Kinder gewöhnt." Man habe ständig mit ihnen zu tun. Aber im Hinterkopf müsse immer bleiben, dass keiner von ihnen dableiben wird: "Da muss man sich einen gewissen Selbstschutz aufbauen." Deshalb freut sie sich besonders, dass ihr Sohn Johannes Taufpate von David ist.

Samar El Ibrahiem und Zaher Alabed sind die Eltern des dritten Babys. Die Syrer sind seit 13 Monaten in Deutschland, Samar wurde hier schwanger. Im November gebar sie die kleine Natalie. "Man braucht nicht zu denken, dass die Eltern Bleiberecht erhalten, weil sie ein Kind in Deutschland geboren haben. Die Babys bekommen keine deutsche Staatsbürgerschaft." Die Mutter habe nach der Geburt eine dreimonatige Schonfrist, danach könne sie ausgewiesen werden, erklärt Murr. Auch bekommen die Flüchtlinge durch eine Geburt nicht mehr Geld: Für die Erstausstattung erhalten sie einmalig 150 Euro. Was für den Nachwuchs benötigt wird, müssen sie von ihrem Taschengeld kaufen.

Die Familien freuen sich deshalb über Sachspenden aller Art: Spielzeug, Kleidung, Kinderwagen, alles wird gebraucht. Die Spenden können im Familienzentrum Mittendrin in Kemnath abgegeben werden, dort werden sie dann verteilt.

Das jüngste Baby, Eden, wurde erst im November geboren. Auch Mutter Amim wusste nicht, dass sie während der Flucht schwanger war. Die 20-Jährige kam mit Edens Vater Yonas im Mai aus Eritrea. "Eine Geburt an sich ist für eine Frau ja schon ein Ausnahmezustand, dann stelle man sich das mal in einem fremden Land vor, in dem man kein Wort versteht. Deshalb versuchen wir auch immer im Krankenhaus dabei zu sein, die Frauen brauchen eine Vertrauensperson, die sich auskennt", sagt Murr.

Nicht nur bei Doktorfahrten, sondern auch im Alltag steht die 41-Jährige, die selbst zweifache Mutter ist, den Asylbewerbern bei. "Die Frauen sind teilweise noch sehr jung und unerfahren in der Kindererziehung." Wenn Murr einmal keine Zeit hat, steht die Arbeiterwohlfahrt aus Mitterteich zur Verfügung. Verständigungsprobleme hat sie keine: "Viele sprechen englisch, und die meisten lernen sehr schnell deutsch."

Sinn nicht nach feiernDie Christen unter den Asylbewerbern feiern ebenfalls Weihnachten: Die fünf Eriteer in Hahneneggaten verbringen den Heiligen Abend bei Rudolf Ludwig und Margarete Friedrich in Waldeck. "Bei uns in Eritrea gibt es zu Weihnachten immer Hühnchen und Injera, ein großes rundes Brot. Heuer lassen wir uns überraschen, was es gibt", lacht Yonas Kifle. Auch die muslimische Familie um Baby Natali feierte in Syrien Weihnachten mit christlichen Freunden. "Das werden wir dieses Jahr nicht. Da ist einem gar nicht nach feiern zumute, man muss immer an die Familie in der Heimat denken", sagt Vater Zaher. (sib)
Eine Geburt an sich ist für eine Frau ja schon ein Ausnahmezustand, dann stelle man sich das mal in einem fremden Land vor, in dem man kein Wort versteht.Margit Murr
Im Erstaufnahmelager in München sagten sie mir, dass ich bereits im siebten Monat bin. Ich war geschockt.Ester aus Nigeria
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