Die letzten Kriegswochen aus der Sicht eines damals Siebenjährigen
Von "Kohlen", Angst und Hoffen

Oft musste der Mesner in der Pfarrkirche für einen Gefallenen die Tumba vor dem Altar aufbauen, in den letzten Kriegsmonaten oft sogar zweimal pro Woche. Ein Birkenkreuz, ein Stahlhelm, ein Foto des für "Führer und Vaterland" Gefallenen und viele Blumen schmückten bei den Trauergottesdiensten, die Pfarrer Josef Bollmann zelebrierte, das symbolische Grab.
Lokales
Kirchenthumbach
21.04.2015
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Der 20. April weckt bei mir nicht nur Erinnerungen an den Tag vor genau 70 Jahren, als mein Heimatort von amerikanischen Truppen von den Nazis befreit wurde. Erinnerungen werden auch wach an die Zeit davor, als Angst im Dorf herrschte, als niemand wusste, was passiert, wenn der Krieg aus ist. Angst war damals unser täglicher Begleiter, zumal auch Gerüchte über Untaten feindlicher Soldaten kursierten.

Im Alter von gerade einmal sieben Jahre konnte ich damals manches nicht verstehen. So hatten wir in der Schule gelernt, mit "Heil Hitler" zu grüßen. Von der Oma aber bekam ich eine "Watschn", als ich den "Herrn Oberlehrer" Dionys Hofmann mit diesem Gruß "beglückte".

Gefreut wiederum habe ich mich über Pfarrer Dr. Dr. Karl Adolph, der als Ruhestandspriester bei uns war, seit er im Rheinland durch einen Bombenangriff alles verloren hatte. Im Schuljahr 1944/45 erzählte er uns statt in der Religionsstunde Unterricht zu halten Band eins der Geschichte von Karl May "Im Lande des Mahdi". "Das Andere kriegen wir später", sagte der "Doktorpfarrer".

Frauen beinahe in Panik

Unvergessen bleibt auch, als meine Mutter zum Trauergottesdienst für einen gefallenen Soldaten ging und wir Buben mit der Oma allein im Haus waren. Plötzlich schreckte uns ohrenbetäubender Lärm auf: Tiefflieger hatten auf der Holzmühlstraße einen Militärkonvoi angegriffen. Noch lange lagen die ausgebrannten Panzerfahrzeuge dort. Beim Gottesdienst in der Pfarrkirche hatte Pfarrer Josef Bollmann große Mühe, bei den Frauen wegen des Tieffliegerangriffs eine Panik zu verhindern.

Ein Ereignis im April hätte uns Kindern dann fast das Leben gekostet. Wir spielten im Hof, als es plötzlich über uns pfiff und dann krachte. Staunend sahen wir auf der Wiese, etwa 100 Meter von uns entfernt, Erde aufspritzen. Stücke, die wie Kohlen aussahen, flogen durch die Luft. Erst als die Tante schrie, lösten wir uns von diesem Anblick und rannten schnell ins Haus.

Die "Kohlen" waren die Splitter amerikanischer Granaten. Als nach Jahren unser Vater Löcher in der Hauswand beseitigen ließ, entdeckte er dort fast 20 Splitter. Wir Kinder hatten einen guten Schutzengel gehabt: Nur wenige Meter neben unserem Haus hatten wir damals gespielt.

Angst bekam ich, als Max Gilch, der wegen einer körperlichen Behinderung nicht bei der Wehrmacht war, dafür aber im Truppenübungsplatz Grafenwöhr arbeitete, meiner Mutter vom Giftgas erzählte, das dort lagerte. "Wenn die Amerikaner das Lager bombardieren, werden wir alle sterben", prophezeite er. Jeden Tag bin ich danach durch das Haus gelaufen, um nachzusehen, ob auch wirklich alle Fenster und Türen geschlossen waren, damit kein Gas rein konnte.

Die Angst wurde noch größer, als ich etwas später viele Flugzeuge sah, die über unseren Ort flogen, und sich dann in der Nacht der Himmel im Westen glutrot färbte. Es war der Feuerschein von der Bombardierung Nürnbergs. In Erinnerung geblieben ist mir auch ein nächtlicher Marsch von Frauen, Kindern und alten Leuten mit Handwägen, die aus Furcht vor den Amerikanern in den Wald flüchten wollten. Wir schlossen uns dem Trupp an. Unterwegs wurde nur geflüstert, oft weinten kleine Kinder.

Eine schreckliche Nacht

Mühsam ging es über den "Schönsteiner" und dann bei Röthenlohe zur Steffelshöhe, wo alle am Waldrand lagerten. Es wurde eine schreckliche Nacht. Die Omas beteten den Rosenkranz, wir Kinder konnten trotz der wärmenden Decken nicht schlafen: Das ferne Grollen und immer wieder Blitze am Himmel, vor allem aber Geräusche von laufenden Motoren machten und Angst.

Da sich nichts ereignete, zogen alle am frühen Morgen wieder zurück in ihre Häuser. Erst am nächsten Tag rannte ein Nachbar zu uns und schrie: "Die Amis kommen!" Schnell schlossen wir unseren Lebensmittelladen und liefen in den Keller, um zu warten, was passiert. Plötzlich wurde die Türe aufgerissen und jemand rief. Als wir uns nicht rührten, wurde geschossen und mein kleiner Bruder begann zu weinen. Als nochmals Schüsse fielen, nahm unsere Mutter allen Mut zusammen und ging nach oben.

Nach kurzer Zeit kam sie wieder und holte uns alle aus dem Keller. Ängstlich standen wir dann im Hof den amerikanischen Soldaten gegenüber. Einer von ihnen hielt mir ein kleines Päckchen entgegen, und als ich mich nicht traute, es zu nehmen, riss er es auf, wickelte etwas aus und steckte es dann in seinen Mund. Dann kaute er, lachte und zeigte dabei seine strahlend weißen Zähne.

Es wurde der erste Kaugummi meines Lebens und auch die erste Begegnung mit einem "Farbigen". Zuvor hatte ich den nur vom Opferkästchen für die Heidenmission in der Pfarrkirche her gekannt: Die Figur nickte, wenn ein Geldstück eingeworfen wurde.

Weitere Berichte und Informationen zum Kriegsende finden Sie hier: http://www.oberpfalznetz.de/kriegsende
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