Ein Liter Milch vom Pferd, bitte

Auf dem Hof der Familie Graßler-Schuhmann leben aktuell sechs Zuchtstuten, fünf Fohlen und ein Zuchthengst. Bilder: juh
Lokales
Kirchenthumbach
26.08.2015
241
0
 
Während Katrin Graßler die Stuten melkt, bekommen die Tiere Hafer, um sich damit die Zeit zu vertreiben.
 
Nach dem Melken der Stuten siebt Katrin Graßler die Milch, bevor sie abgefüllt und eingefroren wird.

"Stutenmilch regeneriert meinen Körper und meinen Geist" - getreu dieser Ansicht von Leo Tolstoi lebt und arbeitet Familie Schuhmann-Graßler. Im Jahr 2010 begann sie, Stutenmilch zu produzieren. Diese habe medizinische Wirkung, sind die Kirchenthumbacher überzeugt.

Schon immer hatte die Familie Schuhmann-Graßler Pferde. "Ich bin in einer Landwirtschaft aufgewachsen. Als ich 14 Jahre alt war, habe ich mein erstes Pferd bekommen", erzählt Wolfgang Schuhmann, ein leidenschaftlicher Kutschen- und Schlittensammler. 1968 baute er den Hof, auf dem die Familie heute noch lebt. "Viele Jahre habe ich zusammen mit meiner Frau eine Fohlenaufzucht betrieben." Vor einigen Jahren legte der Rentner die Zucht still - die Pferde blieben.

Koppeln und Weiden

Gemeinsam mit Tochter Katrin, Schwiegersohn Matthias und den beiden Enkeln leben die Rentner auf dem weitläufigen Anwesen, an das sich Koppeln und Weiden anschließen. Ein Rosengarten, in dem annähernd 800 rote, weiße, gelbe und orange Rosen blühen, ist eines der Herzstücke des Hofes. Im kunstvoll angelegten Gartenteich tummeln sich Goldfische und Schildkröten - bewacht von den beiden Hunden, einem Dackel und einer Berner-Sennen-Labrador-Mischung.

Als Katrin Graßler, gelernte Schauwerbegestalterin, Sohn Toni zu Welt brachte, litt dieser unter Neurodermitis. Kein Arzt konnte helfen. "Ich habe mich dann im Internet erkundigt und bin auf Stutenmilch gestoßen", erklärt Ilse Schuhmann. Toni trank jeden Tag Stutenmilch. Der Juckreiz verschwand, die offenen Stellen im Gesicht und an den Handgelenken heilten ab - bis heute. "Wir waren überzeugt, dass Stutenmilch hilft, der Platz auf unsrerem Hof war da. Deshalb entschieden wir uns, sie selbst herzustellen", erklärt Katrin Graßler den Entschluss. Bis zum ersten Melken war es ein langer Weg.

Die Familie besichtigte einen Hof im Odenwald, informierte sich bei einem Amtsarzt über Richtlinien und Vorgaben, kaufte Stuten und einen Deckhengst. "Und es fielen einige Umbauarbeiten an. Wir bauten einen offenen Laufstall, eine Melk-Box und einen Abfüllraum." Die Vorlaufzeit dauerte rund ein Jahr. "Dann hatten wir unsere Stuten. Allerdings mussten die zuerst Fohlen auf die Welt bringen, da sie sonst keine Milch geben. Nach der Geburt muss man vier Wochen warten, bis die Fohlen schon eigenständig genug sind und man etwas Milch nehmen kann." 2010 füllte die Familie das erste Mal die eigene Milch ab - der einzige derartige Betrieb in der Oberpfalz.

Verteilte Aufgaben

Die Haflingerzucht und Milchproduktion betreibt ausschließlich die Familie. "Jeder hat seine Aufgabe. Katrin und ich kümmern uns um die Pferde. Ilse ist für das Büro und den Verkauf zuständig", erklärt Wolfgang Schuhmann. Aktuell leben sechs Stuten, fünf Fohlen und ein Deckhengst auf dem Hof - alles Haflinger. Eine Stute gebe pro Tag zwischen 20 und 22 Liter Milch. "Wir melken rund zwei bis drei Liter. Somit bleibt genug für die Fohlen, das ist uns wichtig." Die Rohmilch wird nicht mehr aufbereitet. Sie wird gesiebt, abgefüllt und sofort eingefroren. "Wir behandeln sie nicht, damit keine Nährstoffe verloren gehen", erklärt Katrin Graßler.

Gemolken wird in der Melkbox. "Ein Amtsarzt sagte uns einmal: 'Sie müssen immer daran denken, dass die Milch auch von Kindern, alten Menschen und Kranken getrunken wird. Alles muss sauber sein.'", erzählt Ilse Schuhmann. Diesen Grundsatz berücksichtige die Familie jedes Mal, wenn sie eine Stute in die Melk-Box holt. Dort bekommt das Pferd Hafer, "eine Art Lockmittel, damit es hineingeht", erklärt Wolfgang Schuhmann und lacht. Auch das Fohlen wird zum "Muttertier" gelassen. Nach dem Melken geht es für die Haflinger auf die weitläufigen, bunt blühenden Weiden, auf denen sie sich austoben können. Die Box wird zweimal pro Tag gereinigt - vor und nach dem Melken.

Stuten geben sechs bis acht Monate nach der Geburt Milch. In dieser Zeit werden auch die Fohlen abgesetzt, "danach hören wir sofort auf zu melken." Wichtig ist den Mitgliedern des Bayerischen Zuchtverbandes die richtige Ernährung ihrer Tiere: Hafer und Heu aus eigenem Anbau. "Wir verzichten auf Kunstdünger. Man schmeckt das gute Grundfutter in der Milch, davon sind wir überzeugt", betont Ilse Schuhmann. Die Milch enthält weniger als ein Prozent Fett. Weil Pferde keine Vorrats-Euter wie Kühe haben, sei die Milch nahezu keimfrei und kann bei den verschiedensten Beschwerden wie Magenproblemen, Schuppenflechte, Asthma, Leberschwäche, Vitalitätsverlust und nach Chemotherapien zur Stärkung des Immunsystems getrunken werden. "Es ist natürlich kein Wundermittel, aber die Milch hat eine positive Wirkung und schon vielen Menschen geholfen", betont Ilse Schuhmann.

Regelmäßig wird die Milch in das Labor "Milchprüfring" geschickt, um die Qualität zu testen. "Da sind wir Exoten. Normal wird dort nur Kuhmilch untersucht", erzählt Tochter Katrin und lacht. Dazu kommen unangekündigte Kontrollen durch das Gesundheitsamt und den Amtstierarzt. Einen Markt für Stutenmilch gebe es nicht. "Es kommen Menschen zu uns, die Magenprobleme oder Hautkrankheiten haben. Wenn diese Leiden besser werden, hören die Leute aber wieder damit auf, Stutenmilch zu trinken. Es ist nur bei wenigen so, dass sie regelmäßig über einen langen Zeitraum konsumieren", bedauert Katrin Graßler.

Nicht per Post

Grundsätzlich wird die Milch nur ab Hof verkauft. "Wir verschicken sie nicht per Post. Das würde sich zum einen bei einer kleinen Stückzahl nicht lohnen, zum anderen muss die Milch immer gekühlt bleiben", erklärt Ilse Schuhmann. Wichtig ist den Kirchenthumbachern, dass sich die Kunden aus der ganzen Oberpfalz ein Bild von ihrem Hof machen können. "Ich denke, nur wenn man weiß, dass es den Pferden gut geht, dass die Umgebung, in der die Produkte entstehen, gepflegt und sauber ist, erst dann kann sich die volle Wirkung der Milch entfalten. Deshalb zeigen wir unseren Kunden unseren Hof", betont Ilse Schuhmann.

Aus der Milch werden auch Produkte wie Hautcreme, Seifen, Badewürfel und Bodylotions hergestellt. Alles aus der eigenen Milch ohne Verwendung von Milchpulver, betonen die Kirchenthumbacher. Gefrorene Milch wird an kleine Firmen geschickt, die diese zu den Waren verarbeiten. "Unsere Cremes bestehen aus 50 Prozent Stutenmilch. Darauf legen wir großen Wert", betont Ilse Schuhmann. Oft ist Katrin Graßler mit diesen Produkten auf Bauernmärkten vertreten. "Sie können auch über das Internet bestellt werden" erklärt sie.

Positive Reaktionen

Die Reaktionen der Kunden seien durchweg positiv gewesen. "Oft kommen Menschen zu uns, durch andere Konsumenten von unserer Milch gehört haben uns es auch ausprobieren möchten. Wir hatten schon Rückmeldungen von Personen, die die Milch wegen Hautproblemen tranken und plötzlich verbesserten sich ihre Leberwerte erheblich", freut sich Wolfgang Schuhmann.

Eine Sache steht für die Familie fest: "Wir sind Pferdemenschen. Wir leben nicht von den Pferden, sondern mit ihnen." Und das werde auch in Zukunft so bleiben. Weitere Informationen gibt es unter www.oberpfaelzer-stutenmilch.de.
Weitere Beiträge zu den Themen: August 2015 (7425)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.