Einschläge kommen immer näher

Noch rechtzeitig bevor amerikanische Einheiten in Kirchenthumbach einmarschierten, zogen die Soldaten der Wehrmacht ab. Zum Rückzug sammelten sie sich auf dem Marktplatz. Repro: Fürk
Lokales
Kirchenthumbach
16.04.2015
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Gegen 11 Uhr schlugen die Granaten der amerikanischen Artillerie in Kirchenthumbach ein. Auch an den Tag kann sich Alfons Wilterius natürlich noch genau erinnern: 20. April 1945 - Adolf Hitlers Geburtstag

Alfons Wilterius war elf Jahre alt, als die Geschosse im Ort detonierten und die Amerikaner finster blickend in den Markt einmarschierten. Sie hatten angenommen, dass sich in Kirchenthumbach noch ein kleiner SS-Trupp aufhielt, weshalb sie mit Widerstand rechneten. Dem war aber nicht so. Rechtzeitig vor dem Einmarsch wurden die Wehrmachtssoldaten, die zum Teil in den Häusern einquartiert waren, abgezogen.

"Mein Vater schickte uns bei den ersten Einschlägen sofort in den Keller. Anfangs waren die Detonationen noch weiter weg, mit der Zeit aber kamen sie immer näher. Wir Kinder hatten eine furchtbare Angst und weinten erbärmlich. Plötzlich gab es einen lauten Schlag, der von einer Detonation in unmittelbarer Nähe unseres Hauses stammen musste", berichtet Wilterius. Das Kellergewölbe habe geschwankt, als ob es aus Gummi wäre. "Wir hatten uns instinktiv auf den Boden geworfen und waren kurze Zeit später mit Verputz und Mauerwerk bedeckt, das sich durch die gewaltige Erschütterung von den Steinen und den Mauerfugen gelöst hatte."

Als keine Einschläge mehr zu hören waren, verließ die Familie zögernd den Keller und ging vor das Haus. Dann sah sie den Grund für die schwere Erschütterung: etwa drei Meter vor dem Gebäude war eine Granate in den Straßengraben, der mit Granitsteinen gepflastert war, eingeschlagen. Die Druckwelle zerstörte sämtliche Fenster. Die Dachrinnen waren zerfetzt, das Hausdach schwerbeschädigt und zum Teil abgedeckt und die Fassade war übersät mit Hunderten von Splitterlöchern.

Trotz des starken Artilleriebeschusses hielten sich die Schäden in Kirchenthumbach in Grenzen. Das alte Schulhaus neben der Kirche bekam einen seitlichen Treffer ab. Riesige Trichter zeugten jedoch von zahlreichen Einschlägen auf den Weiherwiesen, im unbebauten Flurstück Weinberg und auf dem Holzlagerplatz des Bahngeländes.

Es gab allerdings auch einen Toten zu beklagen. Der alte Ernst Krug war neugierig vor der Haustür am alten Peterhaus in der Teufelsgasse (heute Bahnhofstraße) gestanden. "Ein Splitter riss ihm den Kopf ab", berichtet Wilterius. Wie dessen Familie verließen nach dem Verstummen der Einschläge auch die meisten Einwohner ihre Keller und stellten sich mit erhobenen Händen am Straßenrand auf. Zum Zeichen der Kapitulation hatte man weiße Tücher aus den Fenstern gehängt.

Schon bald danach rollte der erste Jeep der U.S. Army langsam den Markt herunter, besetzt mit fünf finster dreinblickenden GIs. Vier Soldaten hielten ihre Maschinengewehre, von denen lange glänzende Munitionsketten herabbaumelten, drohend nach allen Seiten ausgerichtet, mit den Fingern an den Abzügen. "Es folgten weitere Jeeps und schließlich ein Panzer, in dessen Turm ein Schwarzer stand, der uns besondere Angst einflößte." Fußgruppen begleiteten die Fahrzeuge - mit Gewehren und aufgepflanzten Bajonetten im Anschlag.

Polizist ein Nazi

Von einem Jeep mit Lautsprecher forderte eine Stimme in guter deutscher Sprache die Kirchenthumbacher auf, sich in den Pfarrgarten zu begeben. "Unterwegs sahen wir, wie ein amerikanischer Soldat von Haus zu Haus ging und an verschiedenen Häusern mit Kreide Vierecke mit diagonalem Kreuz anbrachte. Später erfuhr man, dass diese Häuser als Quartiere für die Amis ausgesucht worden waren." Während die Einwohner stundenlang im Pfarrgarten darauf wartete, was wohl geschehen würde, durchsuchten die Ami alle Häuser nach Waffen und möglicherweise nach Wertgegenständen. "Es hieß, wer mit Waffen angetroffen werde, würde sofort erschossen." In kleinen Trupps führten Soldaten verhaftete Kirchenthumbacher am Pfarrgarten vorbei in Richtung Bayreuther Straße. Zu ihnen gehörten der Polizist Rippl, ein überzeugter Nazi, und der amtierende Bürgermeister Karl Sporer (Maurer). Beide nahmen die Amerikanern mit.

Nach einiger Zeit habe vom Oberen Markt ein Panzerschuss gekracht, der auf das Nürnberger-Haus im Kirschgraben abgefeuert worden war, erinnert sich Wilterius. Ein Nebengebäude sei sofort in Flammen gestanden. Angeblich sollen sich dort deutsche Soldaten aufgehalten haben.

Und noch ein Ereignis hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt: Aus dem Rucksack seines Vaters stahl ein amerikanischer Soldat die Firmungsuhren seiner Schwester Anni und seines Bruders Hans, die Taschenuhr des Vaters und einige Schmuckstücke der Mutter.

"In unserem Hause wurde es eng. Neben unserer Familie hielten darin sich noch 20 Personen auf." Deren Häuser hatten die Amis vorübergehend als Quartier beschlagnahmt. Erst als diese weiter gezogen, seien die Nachbarn und Bekannten wieder in ihre Wohnungen zurückgekehrt.
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