Habicht gegen Hühnerhalter

Alois Thumbeck aus Pfaffenstetten ärgert sich, wenn der Habicht wieder eines seiner Hühner geholt hat. Bild: lep
Lokales
Kirchenthumbach
18.05.2015
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Der Habicht ist der Vogel des Jahres 2015. In der Umgebung von Kirchenthumbach sind einige Hühnerhalter nicht gut auf den Greifvogel zu sprechen. Bild: dpa

Obwohl der Habicht in Bayern vom Aussterben bedroht ist, sehen regionale Hühnerhalter bei dem Greifvogel rot. Besonders in der Umgebung von Kirchenthumbach sind die Hobbyhalter verärgert - oder verdächtigen sie einen Falschen?

Gut versteckt im Baumwipfel lauert der Habicht und hält Ausschau nach seiner nächsten Mahlzeit. Ganz in der Nähe, im Garten von Alois Thumbeck in Pfaffenstetten, gackern die Hühner und picken nichtsahnend nach Körnern. Plötzlich ist er da - der Greifvogel packt mit seinen scharfen Krallen zu und schleift das Tier mit sich. "Von meinen 30 Hühnern holt er zehn ausgewachsene im Jahr", schimpft Thumbeck. "Oft haut er sie nur an, lässt sie in der Nähe liegen und holt sich immer wieder einen Happen."

Wenn der 60-Jährige das zerrupfte Tier findet, räumt er es gleich weg, um dem Greifvogel nicht noch bei der Futtersuche zu helfen.

"Wenn er's derschmeckt hat, dass es hier was gibt, kommt er öfter." Machtlos fühle sich Thumbeck dem Habicht gegenüber. "Man müsste einen Zaun über den Garten spannen, dass er nicht rein fliegen kann, aber meine Hühner sollen ja die Freiheit haben." Klatschen und schreien helfe manchmal, aber meistens sei es da schon zu spät. "2013 war er laufend da", erinnert sich der Hobbyhalter an eines der schlimmsten Jahre für ihn und seine Tiere. "Mich reuen die Hühner." Eine Abschussfreigabe für den Habicht halte er trotzdem nur für gut, wenn der Vogel zur Plage werde.



Christian Pschierer aus Penzenreuth ist Landwirt und hat ebenfalls mit Greifvögeln zu kämpfen: "Jedes Jahr verschwinden 50 Prozent der Hühner." Als Vorstand der Jagdgenossenschaft in Kirchenthumbach will er eine Abschussfreigabe bei der Unteren Jagdbehörde erreichen, einen großen Erfolg sieht er allerdings nicht. Der Abschuss werde immer besser zurückgehalten und der Raubvogel vermehre sich immer mehr. "Wenn ich sieben, acht Habichte gleichzeitig kreisen seh, finde ich schon, dass die Population mehr geworden ist. Ich will nicht sagen, dass man den Habicht ausrotten soll, aber man muss die Leute auch verstehen. Wenn ich fünf Hühner halte und zwei holt der Habicht, ist das ein enormer Schaden."

Wie viele Tiere im Landkreis Neustadt/WN tatsächlich durch Einwirkung des Habichts verenden, kann die Untere Jagdbehörde beim Landratsamt nicht sagen. "Es kommen sporadisch Meldungen über erlegte Haustiere wie Brieftauben und Hühner", informiert Pressesprecherin Claudia Prößl. "Die meisten Anfragen für eine Abschussfreigabe kommen aus der Gegend um Kirchenthumbach und Speinshart, allgemein im westlichen Teil des Landkreises." Die Nähe zum Truppenübungsplatz wirke sich hier aus. "Dort leben Greifvögel in großer Zahl. Daher ist es oft auch der Fall, dass nach einem Abschuss ein neuer Habicht das Revier übernimmt."

Die Untere Jagdbehörde könne im Einzelfall eine Abschussfreigabe genehmigen, um bei enormen Wildschäden Abhilfe zu schaffen. "Übermäßige Schäden, die Habichte in Geflügelhaltungen anrichten, können im Einzelfall eine Bejagungsanordnung rechtfertigen." Die Behörde frage jedoch genau nach, ob Schutzmaßnahmen ergriffen wurden und verlange eine detaillierte Darlegung der Schadenshöhe. Seit dem Jahr 2006 verzeichnete die Untere Jagdbehörde für den Landkreis neun Abschussfreigaben für Habichte. Abgeschossen würde in der Regel nur ein Vogel. "In seltenen Fällen können es auch einmal zwei Tiere pro Abschussfreigabe sein. Das ist eine streng abzuwägende Einzelfallentscheidung."

Von einer Abschussfreigabe für Habichte will Markus Erlwein, Pressesprecher des Landesbundes für Vogelschutz in Bayern (LBV), nichts wissen: "In Bayern gibt es 2500 Brutpaare. Es wäre ein Skandal, wenn es eine Genehmigung für den Abschuss gäbe. Es gibt keine gute Begründung." Es sei laut Erlwein immer noch trauriger Alltag, dass die Greifvögel vergiftet oder abgeschossen werden. "Polizisten finden immer wieder Fangkörbe, dabei erholt sich der Bestand dieses streng geschützten Vogels seit Jahrzehnten nicht. Erst Anfang 2015 wurde er von der Roten Liste genommen." Deshalb sei der Habicht zum Vogel des Jahres gewählt worden.

Huhn gut erreichbar

Dass es für Hühnerhalter ärgerlich und unangenehm sei, wenn Tiere fehlen, könne er nachvollziehen. "Dem Habicht geht es nicht um das Huhn, weil es besonders lecker schmeckt, sondern weil es möglicherweise gut erreichbar ist." Gebe es nicht genügend Schutzmöglichkeiten, werde das Huhn zur leichten Beute. Laut Erlwein werde dem Greifvogel aber oft Unrecht getan: "Einen Habicht sieht man selten, weil er so scheu ist. In erster Linie sind es Mäusebussarde und Turmfalken, vielleicht auch mal ein Wanderfalke." Oft werde alles, was wie ein Greifvogel aussieht, von den Betroffenen als Habicht betitelt.
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