Kaugummi nach kurzem Gefecht

Als Kind hat Michael Lindner die Besetzung seines Heimatdorfes durch die Amerikaner miterlebt. Bild: ü
Lokales
Kirchenthumbach
14.04.2015
3
0

Das Ende des Zweiten Weltkriegs war abzusehen. Panzergeneral George Patton führte die 3. amerikanische Armee mit 100 000 Mann und schweren Waffen von Oberfranken in Richtung Oberpfalz. Etwa 20 SS-Soldaten, die noch an den Endsieg glaubten, stellten sich in Braunershof der Übermacht entgegen.

Michael Lindner wohnte mit seinen Eltern in Braunershof, damalige Gemeinde Metzenhof, bei der Familie Neumann (Holln) in Miete. Er weiß noch, wie die Amerikaner aus Richtung Stegenthumbach anrückten. Die häufigen Erzählungen seiner Eltern über die letzten Kriegstage vervollständigen seine Erinnerungen.

Lindner, der jetzt in Sassenreuth wohnt, erzählt, dass damals die einen in den "Amis" Befreier sahen, anderen betrachteten sie als Feinde und letztlich als Besatzer. Zwei Wochen lang waren die rund 20 SS-Waffenleute in Braunershof einquartiert. Ihre Bewaffnung bestand aus einem kleinem Kettenpanzer, einem VW-Wehrmachtsauto, einem Tankfahrzeug, Handfeuerwaffen und einer Feldküche.

Am 19. April 1945 kreisten amerikanische Aufklärungsflugzeuge über dem Dorf, wohlwissend, dass sich da unten ein SS-Nest befindet. Für die deutschen Soldaten war klar: "Den holen wir runter." Der alte Schreiner (Winner-Schreiner) soll die deutschen Soldaten angefleht haben: "Schießt den Ami-Flieger ja nicht über dem Ort ab, sondern drüben in der Leit'n." Zum Abschuss kam es allerdings nicht. Kaum war das Flugzeug am Horizont verschwunden, fuhren US-Panzer von Stegenthumbach kommend in Richtung Braunershof.

Die deutschen Soldaten eröffneten das Feuer. Die Amerikaner erwiderten den Angriff und legten einen Feuerteppich um den Ort. Trotz des Beschusses hielten sich Kinder im Hof auf. Ein deutscher Soldat forderte Lindners Mutter auf, die Kinder ins Haus zu bringen: "Das ist doch der Feind."

Die SS-Leute merkten jedoch sehr schnell, dass ihre "Landesverteidigung" keine Aussicht auf Erfolg haben würde und ergriffen die Flucht in Richtung Höhenberg. Am "Winterrangen" explodierte nach einem Volltreffer der Benzinwagen. Der kleine Panzer fuhr mitsamt der Feldküche in Richtung Walpershof. "Der Spieß der Einheit ergriff mit dem VW die Flucht durch den Höllweg. Ein Treffer, abgefeuert aus einem Sherman-Panzer, fetzte das Dach des VW weg. Wie durch ein Wunder wurde kein deutscher Soldat verletzt."

Weiter erzählte Michael Lindner: "Als die SS das Dorf verlassen hatte, stieg der Winner-Schreiner auf das Dach seines Hauses und hisste die weiße Fahne. Sofort haben die Amis das Feuer eingestellt und das Dorf in Beschlag genommen. Dabei erwiesen sich die GIs als sehr freundliche Leute. An die Kinder verteilten sie Schokolade und Kaugummi."

Systematisch durchsuchten die Amis die Anwesen. Die Bewohner wurden alle vor das Haus vom "Wimmer-Schreiner" getrieben und nach Waffen durchsucht. Erst dann durften sie wieder in ihre Wohnungen zurück.

Gerne Eier gegessen

Die SS-Soldaten haben einen großen Karton mit gelben und grünen Erbsen zurückgelassen. Die Braunershofer, die auch "Ausgebombte" aus Grafenwöhr mitversorgen mussten, ernährten sich daher tagelang von Erbsenbrei und -suppe. Die US-Soldaten blieben nur wenige Tage: Was Michael Lindner nie vergessen wird: "Die Amis haben gerne Eier gegessen." Auch habe ein GI ein junges Gänschen samt Flaum in die Pfanne "geklatscht" und verzehrt.

Die Achsen der Feldküche und des VW haben Landwirte mit nach Hause genommen. Daraus entstanden die ersten Gummiwagen für die Landwirtschaft.

___

Weitere Informationen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/kriegsende

http://www.oberpfalznetz.de/4539197
Weitere Beiträge zu den Themen: US-Soldaten (710)April 2015 (8563)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.