Mit eigenem Bett in die Lehre

Das Geburtshaus von Ignatz Schiffmann, das sich in Privatbesitz befindet, steht unter Denkmalschutz und wartet auf eine gründliche Sanierung. An der Giebelseite hat es einen großen Vorsprung, unter dem früher die Leinentücher getrocknet wurden, nachdem sie aus dem Färberbad gekommen sind. Bilder: ü (2)
Lokales
Kirchenthumbach
23.01.2015
17
0

Interessant und amüsant wäre es sicherlich, könnte das Bader-Haus am Fuße des Marktplatzes aus seiner Geschichte oder aus dem Nähkästchen plaudern. Es hätte gewiss vieles noch nicht Bekanntes über die Historie des Ortes zu erzählen.

Das Gebäude beherbergte zu seinen Glanzzeiten ein Kaufhaus und eine Bader-Praxis sowie eine Tuchfärberei. Noch heute zeugt das Haus, das inzwischen unter Denkmalschutz steht und sehr sanierungsbedürftig ist, mit seinem vorspringenden Giebeldach, unter dem die gefärbten Leinentücher getrocknet wurden, von diesem heute in Vergessenheit geratenen Gewerbe.

Besitzer war unter anderem die Familie Schiffmann, deren Sohn Ignatz später viele Jahre Bürgermeister von Kirchenthumbach war. Nach dem Willen seiner Mutter sollte er den Beruf des Kaufmannes erlernen. Da sich in der Umgebung von Kirchenthumbach keine geeignete Lehrstelle fand, versuchte man es in Nürnberg bei der Firma Schorn - mit Erfolg.

Dass die Lehrjahre damals härter waren als heute, beweist der vor 170 Jahren - genau am 5. Februar 1845 - geschlossene Lehrvertrag. Kurios dabei: Ignatz Schiffmann musste sein eigenes Bett mitbringen, das Mitführen von Geld war dagegen verboten. Der "Lehr-Contract zwischen Madame Barbara Schiffmann, Färbermeisterswitwe in Kirchenthumbach, und dem Kaufmann E.A. von Schorn in Nürnberg" hat folgenden Inhalt:

Geld für Kost und Logis

"Ignatz Schiffmann tritt heute auf vier Jahre in die Lehre, erhält bei mir Logis, Frühstück, Mittag- und Abendkost, dann während des Nachmittags Kaffee, hat sein eigenes Bett mitzubringen mit Bettstelle, Bettwäsche und Handtücher. Diese Sachen hat er selbst zu reinigen und bleiben bei seinem Austritte wieder sein Eigentum. Dagegen hat seine Frau Mutter für Kost und Logis 400 Gulden in zwei Raten zu bezahlen, nämlich 200 Gulden, wenn ich selbiger anzeige, dass ich ihn als Lehrling behalte, und 200 Gulden nach Verschluß der halben Lehrzeit, folglich nach vollbrachtem zweiten Lehrjahre.

Alle und jede Ausgaben, die Ignatz zu leisten hat, sind von mir zu verlangen oder bestreite ich nach meinem Gutfinden für Rechnung seiner Frau Mutter, und ich muss bei Anschaffung von Kleidungsstücken oder Gegenständen höheren Betrages von selber hierzu beauftragt werden, wogegen jedes Vierteljahr mit ihr abgerechnet wird, damit nicht Geldverschwendungen stattfinden können.

Ferner darf Ignatz im Geschäft überhaupt, so lange er Lehrling ist, nie Geld führen, sondern müsste er sich im vorfindenden Falle rechtfertigen, da sich seine Frau Mutter verbindlich macht, ihm mit keinem Gelde ohne mein Wissen zu unterstützen, als auch dafür Sorge zu tragen, dass ihm von anderer Seite ebenfalls nichts zu Händen kommen darf und dass alle Geldsendungen direkt an mich ergehen müssen. Stets hat Ignatz Fleiß, Treue, Ordnung, Verschwiegenheit und Reinlichkeit in allen ihm aufgetragen werdenden Arbeiten zu beobachten, seine müsigen Stunden für sich zum Lernen anzuwenden, und sich zu befleißigen, durch anständiges Betragen und stets untadelige Aufführungen die Zufriedenheit seines Prinzipals zu erwerben, wogegen ihm anständige Behandlung zugesichert wird.

Schaden vergüten

Besonders hat sich seine Frau Mutter verbindlich gemacht, alle und jede Veruntreuung, jeden durch eine allenfallsige Nachlässigkeit verursachenden Schaden und Nachteile sowie sonstige durch Lässigkeit von ihm fürs Geschäft erwachsenden Verluste im vollen Umfange zu vergüten (...). Und verpflichten sich beide noch dafür, dass Ignatz nach überstandener Lehrzeit unter drei Jahren bei seinem Austritte bei mir in ein hiesiges Haus ohne meine besondere Einwilligung nicht treten darf. Noch behalte ich mir eine vier- bis sechswöchige Probezeit vor, die (...) allerdings zur Lehrzeit mitgerechnet wird."

Ignatz Schiffmann war ein fleißiger Lehrling. Nach einer ausgiebigen Gesellenzeit im damals fernen Nürnberg kehrte er nach Kirchenthumbach zurück, wo er das elterliche Geschäft übernahm.
Weitere Beiträge zu den Themen: Januar 2015 (7957)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.