Todesstrafe fürs "Schwarzhören"

Alfons Wilterius (links) und Hubert Schmidt (Zweiter von rechts) berichteten als Zeitzeugen vor einem vollen Saal im Pfarrheim über die letzten Kriegstage in Kirchenthumbach bzw. auf der Flucht. Jugendbeauftragte Tanja Perl und Seniorenbeauftragter Heribert Lassner (rechts) als Organisatoren freuten sich, dass Alt und Jung gekommen waren. Bild: lep
Lokales
Kirchenthumbach
24.04.2015
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Es war ein überaus interessanter Abend: Lebhaft und durch Beiträge von Zuhörern ergänzt, gestaltete sich der Rückblick auf das Kriegsende vor 70 Jahren. Brechend voll war der Saal im Pfarrheim, als Seniorenbeauftragter Heribert Lassner und Jugendbeauftragte Tanja Perl die Zeitzeugen Alfons Wilterius und Helmut Schmidt begrüßten.

Zunächst las Alfons Wilterius aus seinen persönlichen Aufzeichnungen zum Kriegsende vor. Insgesamt 14 Themen hatte er herausgepickt, darunter Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter sowie "Schwarzsender".

Da die Männer an die Front mussten, wurden bei in der Landwirtschaft sowie in den Industriebetrieben Kriegsgefangene eingesetzt. "In Kirchenthumbach gab es französische, belgische und russische Kriegsgefangene", berichtete Wilterius. Ihm ist in Erinnerung, dass in der Kalkwerkfirma Prüschenk "bestimmt 20 bis 30 Gefangene, überwiegend Franzosen" arbeiteten.

"Eine Art Festtagsmenü"

Er und weitere Buben fanden im Frühjahr unter dem Fenster der Wohnräume der Baracke auf dem Betriebsgelände lauter leere Schneckenhäuser, was sie sehr verwunderte. Aber für die Franzosen seien diese Tiere "eine Art Festtagsmenü" gewesen, erinnerte sich der Zeitzeuge. "Die Einheimischen fanden diese Ernährung eher eklig."

Dem Gasthof Thumbeck mit seiner großen Landwirtschaft sei ein André als Knecht zugewiesen worden, erzählte Wilterius. Dieser habe seine Aufgabe sehr ernst genommen: "Als Ludwig Thumbeck und ich in Übermut mit Runkelrüben auf eine Mauer warfen und zusahen, wie die Ackerfrüchte in viele Teile zerbarsten, gab uns der Franzose eine Ohrfeige - wegen der mutwilligen Vernichtung."

In dieser schweren Zeit gab es auch weibliche ausländische Arbeitskräfte. Wilterius' Verwandten in Sommerau etwa wurde eine junge Polin zugeteilt. "Sie war ein bemitleidenswertes zartes Mädchen von höchstens 16 Jahren und machte einen scheuen, ängstlichen Eindruck." Angestiftet von Erwachsenen, hänselten die Buben sie mit den Worten "Polen kaputt", erinnerte sich der Zeitzeuge. "Wir wussten damals nicht, was wir sagten. Ich schäme mich noch heute für so eine grausame Tat. Das wahrscheinlich zwangsverschleppte Mädchen hätte Zuneigung und Rücksicht verdient gehabt."

Von den deutschen Radiosendern sei die Lage der deutschen Kämpfer immer beschönigt worden, "daher hörten die Leute den schweizerischen Rundfunk". Dieser habe neutral berichtet. Das "Schwarzhören" sei daraufhin bei Todesstrafe verboten worden. Dennoch schalteten die Menschen weiter den ausländischen Sender ein. "Mein Vater stand mit einem Ohr am Lautsprecher unseres Radios, der wegen der Gefahr ganz leise eingestellt war. Plötzlich ging die Zimmertüre auf und der alte Josef Prüschenk stand im Wohnzimmer. Mein Vater erschrak maßlos. Alle hatten große Angst, aber nichts geschah. Prüschenk war ein Gegner der Nazis. Daher wurde er auch nach dem Einmarsch der Amis zum kommissarischen Bürgermeister ernannt."

Gedenkminute für Opfer

Bevor der zweite Zeitzeuge zu Wort kam (siehe Infokasten), wurde in einer Gedenkminute der Millionen von Menschen gedacht, die im Zweiten Weltkrieg getötet wurden. "Die Alliierten kamen nicht in die Oberpfalz, um ein Land zu erobern oder ein Volk zu unterwerfen, sondern, wie wir heute dankbar wissen, um dem deutschen Volk seine Würde und Freiheit wiederzugeben", betonte Seniorenbeauftragter Heribert Lassner am Ende der Veranstaltung. "In der Nazizeit wurden Gewerkschafter verhaftet, Parteien verboten, die Demokratie mit Füßen getreten."

Und Jugendbeauftragte Tanja Perl erinnerte an die berühmte Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Bundestag: "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft."
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