Unter Beschuss auf den Kirchturm

Konrad Böhm.
Lokales
Kirchenthumbach
21.04.2015
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Zweimal an einem Tag musste Konrad Böhm Kirchenthumbach retten. Den zweiten Einsatz machte der Wind nötig, der am 20. April vor 70 Jahren besonders heftig gepfiffen haben muss.

Obwohl dem damals 40-jährigen Konrad Böhm bewusst war, dass er ein hohes Risiko einging, stieg er auf den Kirchturm und rettete den Ort vor dem Beschuss der US-Armee. Oben hisste er nämlich die weiße Fahne, um den anrückenden Amerikanern zu zeigen, dass es in Kirchenthumbach keinen Widerstand geben wird. Bereits einen Tag vor dem Einmarsch der Amerikaner flogen Aufklärungsflugzeuge über den Marktflecken. Die deutschen Soldaten waren längst abgezogen. Lediglich der Volkssturm war noch im Ort. Aber dieses letzte Aufgebot war nicht verrückt: die hölzernen Panzersperren am Ortseingang blieben offen. Der Volkssturm ignorierte den Befehl, sie zu schließen.

Am 20. April detonierten dann Geschosse in den Weiherwiesen, langsam kamen die Einschläge näher an den Ort. Konrad Böhm nahm sich ein Herz und befestigte am Kirchturm ein Bettlaken. Sofort stoppte das Feuer der Amerikaner - bis der Wind das Tuch von der Stange wehte und das Artilleriefeuer wieder einsetzte. Noch einmal musste Böhm ran. Prompt wurde es ruhig, als die weiße Fahne erneut wehte. Die amerikanischen Truppen kamen aus Richtung Tagmanns, Heinersreuth-Wölkersdorf und Burggrub näher. Das Beschuss hatte gegen 11 Uhr begonnen. Die Granaten wurden dem 60-jährigen Ernst Krug zum Verhängnis. In seinem Haus in der Bahnhofstraße schleuderte ihn die Druckwelle einer Granate gegen die Decke im Hausflur, ein Granatsplitter tötete ihn auf der Stelle.

In Wölkersdorf starb der 16-jährige Flüchtlingssohn Erich Heimlich, als ihn eine Gewehrkugel traf. Der Junge hatte sich mit einigen Kameraden an einem defekten Lkw der deutschen Wehrmacht zu schaffen gemacht. Die beiden Toten wurden einen Tag später in aus Engelmannsreuth herbeigeschaffte Särge gebettet und in einem Gemeinschaftsgrab im Friedhof beigesetzt.

Die Zivilbevölkerung flüchtete bereits nach dem ersten Schuss in die Keller, die meisten am heutigen Standort der evangelische Kirche. Nach dem widerstandslosen Einmarsch der US-Truppen mit Sherman-Panzern, Radfahrzeugen und Spähwagen sammelten die US-Soldaten die Bewohner im Pfarrhof und auf einer Wiese gegenüber des Frauenbilds. Nach zwei bis drei Stunden Wartens durften alle nach Hause. Allerdings bezogen auch die Amerikaner Häuser, die Bewohner mussten vorübergehend ausziehen und fanden bei Nachbarn Unterschlupf.

Die Dorfbewohner erinnern sich, dass sich die Amis sehr diszipliniert verhielten. Allerdings waren sie heiß auf Eier, diese verschwanden ständig. Geräuchertes oder andere Speisen mieden sie, weil sie Angst vor Gift hatten. Am 21. April war ein Appell angesagt. Alle Bürger sollten ihre Waffen vor dem Haus des Schmiedemeisters Georg Lehner abliefern. Ein Soldat begutachtete Gewehre und Revolver. Wertvolle Jagdgewehre musterte er aus, während er einfache Flinten auf die Kante der Steintreppe schlug und unbrauchbar machte. (Hintergrund)

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/kriegsende
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