"Wir standen vor dem Nichts"

Beim Ziegeltransport lernte Tilla Weiß ihren späteren Ehemann Sepp kennen. Der Kirchenthumbacher arbeitete als Lastwagenfahrer bei der Firma Prüschenk. Repro: ü
Lokales
Kirchenthumbach
05.03.2015
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Da war die Welt von Tilla Weiß, geborene Schöcklmann, noch heil: Das Bild zeigt die gebürtige Oberbibracherin zusammen mit guten Freunden. Die Uniformen der beiden Wehrmachtssoldaten machen jedoch deutlich: Der Zweite Weltkrieg war - trotz aller Idylle - allgegenwärtig. Repro: ü

"Ach, war das eine schöne Zeit", schwärmt Tilla Weiß. In den 1960er Jahren hatte sie als Wirtin die Werkskantine der Firma Prüschenk übernommen. Doch die gebürtige Oberbibracherin, die heute ihren 90. Geburtstag feiert, hat auch Schweres erlebt.

Tilla Weiß besitzt ein bemerkenswertes Erinnerungsvermögen. Mehr noch, sie ist ein Geschichtsbuch auf zwei Beinen.

Von einer Grippe einigermaßen gut erholt - erst vor wenigen Tagen ließ sie sich eine neue moderne Küche einbauen, damit sie auch weiterhin für die ganze Familie backen und kochen kann -, spannte sie bei einer amüsanten Plauderei einen weiten Bogen von ihrer Jugendzeit bis heute. Unauslöschlich für sie ist die Erinnerung an den Beschuss ihres Geburtsorts Oberbibrach mit schwerem Kriegsgerät wie Panzer und Artillerie sowie an den Einmarsch der Amerikaner im April 1945.

Zusammen mit ihren Geschwistern wuchs Tilla, eine geborene Schöcklmann, im beschaulichen Oberbibrach auf. Die Eltern betrieben eine Landwirtschaft. Alles schien in Ordnung zu sein - heile Welt pur. Am 19. April 1945 veränderte sich jedoch von einer Minute auf die andere ihr Leben. Die damals 20-Jährige musste - wie alle anderen Oberbibracher auch - hilflos mit ansehen, wie ihre Heimat zerstört wurde: durch ein flammendes Inferno.

"Wir dachten, die Welt geht unter", erzählt Tilla Weiß. "Schlimm war es für uns, als wir unseren Vater tot am Kellereingang fanden. Ein Granatsplitter hatte sein Leben blitzartig beendet. Beim 'Bühl' drüben haben wir in der Früh noch Brot gebacken. Wir waren gerade dabei, die Brotlaibe nach Hause zu tragen, als wir aus Richtung Neustadt am Kulm Kanonenschläge hörten. Nur kurze Zeit später beschossen die Amis unser Dorf.

Als unser Vater die Kellertreppe hinunterging, schlug beim alten Feuerwehrhaus eine Granate ein. Ein Splitter traf unseren Vater tödlich. Wir flüchteten in den Stadel des Nachbarn, der plötzlich durch den Beschuss in sich zusammenfiel. Durch die Flammen hindurch sind wir in den Hof gelaufen. Beim 'Schram' haben wir uns dann im Keller versteckt.

"Alles war zerstört"

Es hat nicht lange gedauert, dann standen die Amis im Keller. Wir junge Mädchen haben geweint und Angst gehabt. Doch die Soldaten haben uns nicht angerührt. Nach wenigen Minuten mussten wir den Keller verlassen. Was wir dann sahen, war schlimm: Alles war verbrannt und ruiniert. Wir setzten uns auf die Hausstaffel, während amerikanische Panzer durch das Dorf bretterten.

Wir und viele andere Familien standen vor dem Nichts. Wir hatten nicht einmal mehr Teller, von denen wir essen konnten. Alles war zerstört. Der Vater lag tot im Keller, auch unser Pfarrer, Pater Augustinus Hamburger, war tot.

In dieser großen Not hat uns Prälat Gereon Motyka vom Kloster Steinhart geholfen. Er erwies sich als Meiser des Organisierens. Dabei kamen ihm seine Englisch-Kenntnisse zugute." Auf Motykas Vermittlung hin wurde Baumaterial zur Reparatur und zum Wiederaufbau der zerschossenen und abgebrannten Häuser, Stallungen und Scheunen beschafft.

"In Hammergänlas im Truppenübungsplatz deckten meine Schwester und ich Dachziegel von leeren Häusern ab und luden sie auf Lastwagen der Firma Prüschenk, die das Baumaterial nach Oberbibrach transportierten", berichtet Tilla Weiß. Die Arbeit hatte einen erfreulichen Nebeneffekt: "Einer der Lastwagenfahrer war Sepp Weiß aus Kirchenthumbach, mein späterer Mann."

Ehemann ein Alleskönner

Im Januar 1948 wurde geheiratet. Die Hochzeitsmesse zelebrierte Pater "Bartl", die Feier fand in der großen Stube des Elternhauses von Tilla Weiß statt. "Unsere Mutter hatte ein Schwein und ein Kalb schwarz geschlachtet." In Kirchenthumbach richtete sich das junge Paar über der Garage im Werkshof der Firma Prüschenk eine Wohnung ein.

Sepp Weiß fungierte in dem Betrieb als Kraftfahrer, Cheffahrer, Mechaniker und Alleskönner. Zuletzt arbeitet er im Ersatzteil-Lager. Mehr als 40 Jahre lang hielt der "Weiß-Sepp" der Firma Prüschenk, bei der zu Glanzzeiten knapp 300 Beschäftigte auf der Gehaltsliste standen, die Treue.

Seine Frau Tilla übernahm in den 1960er Jahren die Werkskantine. Zur Brotzeit, in der Mittagspause und nach Feierabend war sie für die Arbeiter da. Zu ihrer Aufgabe gehörten der Verkauf von Bier und Limonade sowie das Schmieren und Belegen von Semmeln mit Wurst, Käse und Fischen. Nach Dienstende gönnten sich viele Arbeiter noch ein "Feierabend-Seidl". Dabei war Tilla nicht nur als Wirtin, sondern auch als Seelenmasseurin gefragt, erinnert sie sich.
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