"Hochwürden als Regisseur"
Lange Theatertradition in Kirchenthumbach

Aus dem früheren "Pfarrstadel" wurde noch zu Reichsmark-Zeiten das "Josefshaus", der kulturelle Mittelpunkt von Kirchenthumbach. Dort, wo die vier großen Fenster zu sehen sind, waren vorher die zwei Scheunentore. Vorne ist ein "Mauerbau" am Pfarrgarten zu sehen, ganz rechts spitzt der damalige Pfarrhof hervor. Sowohl "Josefshaus" als auch die alte Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt mussten Neubauten weichen und wurden abgerissen. Bilder: gpa
Vermischtes
Kirchenthumbach
07.01.2016
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Der Dreiakter "Die zwei Halbschönen" war eine der letzten tollen Aufführungen unter der Leitung von Pfarrer Josef Bollmann. Mitwirkende waren: (sitzend, von links) Margarete Walter, Josef Schuller, Theres Schiener (Nagy) und Raimund Uhl sowie (hinten, von links) Anton Schwemmer, Hans Sporer, Hermine Mückl (Bernet) und Georg Paulus.

Es ist eine Kunst, Menschen mit Theaterspiel eine Freude zu machen. In den Theater- und Opernhäusern großer Städte stehen Profi-Schauspieler auf den "Brettern, die die Welt bedeuten", bei uns auf dem flachen Land Laienspieler. Dabei gibt es einen großen Unterschied: Die Laien spielen ganz sicher aus "Spaß an der Freud".

Das traf früher auch auf alle Mitwirkenden an den Theateraufführungen der Kolpingsfamilie zu. Sie hatten jedes Jahr in der Zeit um Weihnachten und den Dreikönigstag ziemlichen Stress.

In den 1950er Jahren waren Vergnügungsmöglichkeiten auf dem Land noch knapp und das Interesse an den Vorstellungen natürlich sehr groß. Nicht nur aus Kirchenthumbach selbst kamen viele Zuschauer, sondern aus dem ganzen Umland. Dass die drei Aufführungen im "Josefshaus" mit seinen 250 Sitzplätzen jedes Mal ausverkauft waren, tröstete die Spieler über entgangene "Feiertags-Freuden" nur wenig hinweg. Auch das Lob von Pfarrer Josef Bollmann war ein schwacher Trost.

Ursprung: Burschenverein


Mit den Aufführungen belebte die Kolpingsfamilie eine alte Tradition aus den 1920er Jahren wieder. Von meiner Mutter weiß ich, dass ihr Bruder Alois, der 1927 in den Katholischen Burschenverein eingetreten war, auch bei Vorstellungen mitgewirkt hat. Diese fanden im damaligen "Postsaal" statt. Selbst kann ich mich gut an einen Auftritt des Burschenvereins im Sommer 1946 erinnern, der im damaligen Schulhaus - der jetzigen Sparkasse - über die Bühne ging. Es war für mich, gerade acht Jahre alt geworden, ein großes Erlebnis, als ich zusammen mit meiner Mama die Nachmittagsvorstellung besuchen durfte.

Noch in Zeiten der Reichsmark war auf Initiative von Pfarrer Bollmann hin der Pfarrstadel in ein Pfarrheim, unser "Josefshaus", umgebaut worden. Für damalige Begriffe war das Gebäude mit einer Bühne, einem großen und einem kleinen Saal sehr gut ausgestattet.

Proben im eiskalten Saal


1950 löste Pfarrer Josef Bollmann den Burschenverein auf und gründete die Kolpingsfamilie, die die Tradition des Laienspiels übernahm und zu Weihnachten und Dreikönig ein Theaterstück aufführte. Die Sprechproben fanden im kleinen Saal des "Josefshauses" statt, wo ein kleiner Ölofen Wärme spendete. In der Endphase wurde dann nur noch auf der Bühne geprobt - im eiskalten Saal überhaupt kein Vergnügen.

Der Herr Pfarrer als Regisseur saß dann im Zuschauerraum - in der einen Hand das Rollenbuch, in der anderen einen 20-Pfennig-Stumpen - und hörte geduldig zu. Wenn aber etwas nicht klappte, konnte er auch explodieren: "Ja, Herkules, mach halt dei Maul aaf, döi weiter hint im Saal wolln doch aa nu wos vo unserm Theater vastöih!"

Außer allen Akteuren auf der Bühne waren drei Männer hinter den Kulissen von Bedeutung: Baptist Fröhlich, der "Kulissenmaler", Josef Brunner, Herr der öfters störrischen Beleuchtungsanlage, und "Herr Schmidt", Heizer und Chef des Bühnenvorhangs. Ohne Bezahlung, aus reiner "Spaß an der Freud", waren sie dabei. Der "Ferl-Bist" bekam nur die Farben bezahlt, den Brunner-Sepp entlohnte Pfarrer Bollmann mit Zigarren und Herrn Schmidt mit "a paar halbe Bier".

Obwohl "Hochwürden" manchmal auch ruppig werden konnte: Wenn er gerufen hat, war das "Ensemble" des "Josefhauses" zum Einsatz bereit. Einige Namen "von damals" sind mir noch heute in guter Erinnerung: Anton Böhm, Theres Schiener (Nagy), Erika Kirsch (Köferl), Toni Schwemmer, Ludwig Schiener, Hildegard Kausler (Hecht), Ludwig Hammer und Gerold Heinrich.

"Brautwerber-Trio"


Hoffnungsvolle Nachwuchstalente waren Georg Bernhardt, Fritz Fürk und Josef Kellner. Sie standen als "Brautwerber-Trio" erstmals auf der Bühne.

Erfreulich ist, dass inzwischen wieder eine neue, junge Gruppierung in die Fußstapfen ihrer Vorgänger getreten ist. "Theaterverein Kirchenthumbach", nennt sich die Spielschar. Für ihre Auftritte unter der Regie von Thomas Frankenberger steht ihr das jetzige Pfarrheim als Nachfolger des legendären "Josefshauses" zur Verfügung.

Eine niesende Madonna und ein Floh am OhrDass aus einem Drama eine Komödie werden kann, zeigte ein Auftritt im "Josefshaus". Laut Drehbuch sollte die "Muttergottes" über betende Kinder segnend ihre Arme ausstrecken. Dazu sollte vom Tonband ein Marienlied des Kirchenchores abgespielt werden.

Weil genau in dieser Szene jedoch Pfarrer Josef Bollmann, der als Souffleur in der Seitenkulisse saß und sich eine Zigarre angezündet hatte, eine Rauchwolke auf die Bühne jagte, begann die "Madonna" heftig zu niesen. Als dazu auch noch statt einer Darbietung des Kirchenchores das Lied "Ein Heller und ein Batzen" erklang, war das Chaos perfekt: Die Zuschauer bekamen Lachkrämpfe. Die Schuld daran trugen neben Pfarrer Bollmanns Zigarre die Helfer, die zwischen den Vorstellungen die Stuhlreihen im Saal aufstellen sollten. Sie hörten dazu Musik vom Band, spulten Letzeres aber nicht zurück.

Szenenwechsel: Im "Zirkus Saure Sahne" wirkte Johann Flödl als "Schlangenbeschwörer" mit. Nur mit Badehose und Turban bekleidet, trat er - eine Blockflöte in der Hand - als Fakir an. Da er aber nicht Flöte spielen konnte, sollte das für ihn hinter der Bühne eine junge Dame tun. In der Abendvorstellung verpasste sie jedoch ihren Einsatz. Flödl behielt die Nerven, schüttelte die Flöte und den Kopf, schaute in das Instrument hinein und schraubte es schließlich auseinander. Gerade, als er die zwei Teile in Händen hatte, begann die inzwischen herbei geholte Dame mit ihrer Darbietung. Das Publikum dachte, dass der "Gag" so geplant war und spendete großen Beifall.

Viel Applaus gab es auch für die Clowns "Schiki und Schaki", die ihren dressierten Floh "Kakifax" dabei hatten. Als dieser plötzlich weg war, suchten sie ihn - und fanden ihn zur großen Freude aller Zuschauer am Ohr von Pfarrer Bollmann. Als sie "Kakifax" untersuchten, stellten sie aber fest: "Das ist ja ein fremder Floh!" Weil der Geistliche Rat sehr sauer war, diente in der Abendvorstellung Landrat Josef Decker als Opfer. Er machte den Spaß mit, und auch der Pfarrer freute sich. (gpa)
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