Kriegspfarrer in der Wehrmacht
Seelsorge an vorderster Front

Maxhütte, Reisbach/Vils, Martinsbuch, Rieden: Das waren ab 1945 die beruflichen Stationen von Pfarrer Paulus, der im Ruhestand im Seniorenheim in Eschenbach lebte. Das Bild zeigt ihn 1966 in Kirchenthumbach, als er auf Einladung von Pfarrer Adolf Schultes (hinten) beim Bergfest nach der Lichterprozession die Abschlusspredigt hielt. Bild: gpa
Vermischtes
Kirchenthumbach
12.11.2016
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1937 Priesterweihe, Kaplan in Fichtelberg und Strasskirchen, wegen kritischer Predigten von den Nazis vor die Wahl "Schutzhaft oder Wehrdienst" gestellt, 1940 Sanitätssoldat in Frankreich und Russland, 1942 Kriegspfarrer in Finnland: Jahre, die Pfarrer Georg Paulus nie vergessen hat. Repro: gpa

Der Volkstrauertag ist der Tag des Gedenkens aller Toten der Weltkriege und der Kriegsopfer in der Heimat. Nicht viel ist von den damaligen Kriegspfarrern bekannt.

Von Georg Paulus

"Mensch, was wollt ihr denen sagen?", lautet der Titel des Buches, das 26 katholische Feldseelsorger des Zweiten Weltkriegs verfassten. Gespräche mit meinem Onkel, Kriegspfarrer und einer der Autoren des Buches, ergaben für mich, dass diese Pfarrer, die hautnah den Krieg erlebten, den Volkstrauertag verständlich machen. Um im Dritten Reich Priester zu werden, gehörte Mut dazu. 40 junge Männer ließen sich im April 1937 von Bischof Dr. Michael Buchberger in Regensburg zu Priestern weihen. Unter ihnen die Kirchenthumbacher Josef Schuhmann, Grünthanmühle, und Georg Paulus. Schuhmann kam als Kaplan nach Konnersreuth, mein Onkel nach Fichtelberg. Wegen der kritischen Predigten von den Nazis verwarnt, versetzte ihn der Bischof nach Strasskirchen. Auch dort über- wacht, wurde Paulus 1940 vor die Wahl gestellt: Schutzhaft oder Wehrmacht. Er wählte Letzteres.

Schikanen gehörten dazu


Er hatte keine Illusionen, als er am 10. April 1942 zum Kriegspfarrerlehrgang in Berlin abkommandiert wurde. "Da war ich schon fast zwei Jahre als Sanitätssoldat an der Westfront und später mit der 9. Armee im Osten dabei. Das war Fronteinsatz, ständig Feindberührung und heftige Fliegerangriffe mit Toten und Verwundeten. In Russland kamen die Flieger jede Nacht, immer wieder kamen Schwerverletzte, die bis zum Weitertransport in die Heimat gepflegt wurden." Auch Schikanen gab es. Zwei Tage vor der Abkommandierung erhielt er den Befehl, Aborte zu säubern. "Am Tag meiner Abreise wartete mein Zugführer auf mich und erzählte mir, dass er mich für das Eiserne Kreuz vorgeschlagen hatte, aber abgelehnt wurde, weil nach einem Führerbefehl katholische Priester keines erhalten dürften." Am Bahnhof hörte er noch, wie zum Unteroffizier gesagt wurde: "Den Paulus steck in den Wagen mit den Fleckfieberkranken." "Wir erlebten zu dieser Zeit eine ungewöhnlich harte Kälteperiode, bis zu 52 Grad unter Null. In dem Viehwaggon musste die Tür offen bleiben, weil er keine Fenster hatte. Ich wärmte mich mit einem kleinen Feuer und kümmerte mich um die Kranken. Zwei Tage und zwei Nächte lang. Ein einziges Mal kam ein Sanitäter mit Verpflegung."

Provokationen vermieden


Beim Lehrgang waren eine Soldatenstunde und eine Predigt zu erarbeiten. "Wichtig war, dass ich für diese neue Tätigkeit das Soldatenleben bereits gründlich kennengelernt hatte." Das Lazarett Oulu, nördlichste Stadt Finnlands, war der erste Einsatzort als Kriegspfarrer. Zur Standortseelsorge gehörten Flugplätze in Pori und Lieksa - 900 Kilometer südlich und 600 Kilometer östlich von Oulu. Die Schwerkranken wurden täglich besucht, die übrigen wöchentlich. "Im Schnitt wurden im Laufe des Monats 25 bis 30 Gottesdienste gehalten, vor 800 bis 900 Soldaten.

Besonders dankbar waren die Soldaten in den Stellungen an der Front. Sie mussten teilweise auf Händen und Füßen in bitterer Kälte und Wind auf ihre Posten kriechen. Auf die Gottesdienste freuten sich die Frontsoldaten schon lange vorher, schmückten ihre Bunker. Es wurde Beichtgelegenheit geboten, die Messe gelesen und Kommunion gehalten."

"Beim Feldlazarett 680 in Karasjok, wo ich später stationiert war, stieß ich bei einigen Offizieren auf Wider- stand. So verweigerte man mir zur Verwundetenbetreuung das wegen der großen Entfernungen dringend nötige Auto. 'Jesus hatte auch nur einen Esel!', meinte der Quartiermeister. Meine Antwort: 'Wenn Sie mir einen besorgen, wäre ich Ihnen sehr dankbar, Herr Oberst.' Es hätte nicht genutzt, wenn ich mich hätte provozieren lassen. Geringfügigste Bemerkungen konnten das Leben kosten."

In Tromsö besuchte Paulus des öfteren den Marinepfarrer Möbius im Arrest. Er war zweimal zum Tode verurteilt worden. "Ich war der Ansicht, dass ich für die Soldaten da sei und politisch nicht in die Schusslinie geraten durfte. Deshalb tat ich weiterhin das, was ich schon als Kaplan getan hatte: Kranke betreuen, meinen Nächsten zuhören, versuchen, ihnen nach Kräften Mut zu machen und ihnen in dieser schlimmen Zeit Gottvertrauen zu geben. Ich spendete die Sakramente, nahm mich der Toten an, war für die evangelischen Kameraden in gleicher Weise da wie für die katholischen und hatte das Gefühl, dass ich damit ein echtes Bedürfnis befriedigte, die Soldaten mich nötig hatten und dass sie es mir auch dankten."

Schwere SchicksaleSchwer getroffen hat Kriegspfarrer Georg Paulus das Schicksal eines 18-Jährigen, der nach einer kurzen Ausbildung an die finnische Front kam. Landser, die schon länger da waren, jagten ihm soviel Angst vor russischen Panzern ein, die nachts zu hören waren, dass er desertierte. Er wurde gefangen, wegen Fahnen- flucht zum Tod durch Erschießen verurteilt, die Hinrichtung war für fünf Uhr früh geplant.

"Ich hatte die schwere Aufgabe, ihn darauf vorzubereiten. Bis weit nach Mitternacht plauderten wir, erzählte mir der Junge von seinen Eltern, seinen Geschwistern, dem Bauernhof. Ich nahm ihm die Beichte ab und er kommunizierte. Er bat um eine Zigarette und bevor ich ging, musste ich ihm versprechen, am Morgen bei ihm zu sein.

Als ich kurz vor fünf Uhr zu ihm kommen wollte, hatte er sich erhängt. Niemals mehr ist es mir schwerer gefallen, Eltern eine Todesnachricht zu überbringen, tröstende Worte zu finden." (gpa)
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