Neues Gotteshaus in schwieriger Zeit: Sassenreuth feiert den "Girglsdoch"
Komplett gegen den Zeitgeist

Damals gehörten noch Pferde zum Straßenbild: Seit der Weihe der St.-Georgskirche im Jahr 1943 wurde in Sassenreuth der "Girglsdoch" groß gefeiert. In einem Hochamt wurde der heilige Georg, einer der 14 Nothelfer, verehrt. Und am Nachmittag fand eine Pferdesegnung statt. Durch den Einzug der Technik verzichteten allerdings immer mehr Bauern auf Pferde. Bereits 1958 wurde deren Segnung eingestellt. Repro: ü
Vermischtes
Kirchenthumbach
21.04.2016
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Aus einer "Gefahrensituation" heraus entstand Ende der 1930er/Anfang der 1940er Jahre die dem heiligen Georg geweihte Kirche in Sassenreuth. Nach dem Willen der Nazis durfte der Religionsunterricht nicht mehr in der Schule abgehalten werden, sondern nur noch in einem der Schule gehörenden Raum. Einen solchen gab es in Sassenreuth nicht, und der Weg nach Kirchenthumbach war weit. Bild: ü

"Ich bin dem Altar nachgegangen", sagte Pfarrer Josef Bollmann, als er am 19. September 1943 die neue Dorfkirche in Sassenreuth weihte: Der barocke Opfertisch stand, bevor er in die nördliche Oberpfalz kam, in einer Kirche in Klardorf bei Schwandorf. Dort wirkte Bollmann, ein gebürtiger Erbendorfer, als Kaplan.

Sassenreuth. Auch am morgigen Samstag, 23. April, steht das Gotteshaus im Mittelpunkt einer Feier: Am "Girglsdoch" gedenken die Sassenreuther des Schutzpatrons ihrer Kirche, des heiligen Georg. Das Altarbild zeigt ihn in prächtigen Farben als Drachentöter.

Nur selten findet man eine so seltsame Entstehungsgeschichte wie bei dieser Kirche, führt sie doch in eine immer noch nicht ganz bewältigte Vergangenheit und spiegelt den antireligiösen Zeitgeist des Dritten Reiches wider. Das Sassenreuther Gotteshaus dürfte das einzige im Bistum Regensburg sein, das während des Dritten Reiches errichtet wurde.

Schon 1937 waren sich Pfarrer Leonhard Zechmeier, die katholische Kirchenverwaltung sowie die Verantwortlichen der damals selbstständigen Gemeinde Sassenreuth mit Bürgermeister und Ortsbauernführer Josef Fichtl aus Metzlasreuth an der Spitze einig: Sassenreuth braucht eine Kirche. Das hat der Verfasser dieses Artikels 1992 bei der Erstellung der Kirchenchronik herausgefunden.

Nur in kirchlichem Raum


Der Hauptgrund: Nach den amtlichen Bestimmungen des Hitler-Reiches war es verboten, in der Schule Religionsunterricht zu erteilen; dieser durfte nur in einem der Kirche gehörenden Raum abgehalten werden.

1939 nahm der Wunsch nach einem eigenen Gotteshaus konkrete Formen an. Anfang März schrieb Pfarrer Zechmeier an Bischof Dr. Michael Buchberger in Regensburg einen Brief mit der "gehorsamen" Bitte um Kirchensteuer-Zuschüsse. Darin begründete er auch die Notwendigkeit einer "Kapelle in Sassenreuth" - und schickt gleich eine Planskizze mit:

"Die Gemeinde Sassenreuth besitzt eine Schule, die von 75 Kindern besucht wird. Zur Schulgemeinde gehören 413 Katholiken, die in sieben Ortschaften wohnen. Sassenreuth ist eine Stunde vom Pfarrort Kirchenthumbach entfernt. Die Kinder kommen nur an Sonn- und Feiertagen in den Pfarrgottesdienst nach Kirchenthumbach, bei schlechter Witterung überhaupt nicht. Eine werktägige heilige Messe haben sie das ganze Jahr nicht.

Mit Rücksicht auf die religiöse Erziehung ist daher der Bau einer Kapelle dringend notwendig geworden. Es soll wenigstens einmal in der Woche eine Schulmesse gehalten werden. Wenn in der Zukunft der Religionsunterricht außerhalb der Schule gegeben werden müsste, wäre kein Raum dafür vorhanden. Dieser Gefahr muss unter allen Umständen vorgebeugt werden."

Fünfjährige Bauzeit


Zechmeier machte deutlich, dass für einen Kirchenbau allerdings keine Mittel vorhanden seien. "Die Schulgemeinde kann nichts leisten. Sie hat erst vor fünf Jahren ein neues Schulhaus gebaut, wofür noch Bauschulden bestehen. Die Bewohner sind gering bemittelt, es sind nur Kleinbauern und Arbeiter."

Nur knapp drei Wochen später machte das Bischöfliche Finanzamt mit einem positiven Bescheid über 5000 Reichsmark den Weg frei für das Projekt. Am 2. Mai 1938 unterschrieb Bürgermeister Josef Fichl die ortspolizeiliche Bestätigung. Es folgte eine schwierige fünfjährige Bauzeit bis zur Kirchenweihe.

FestgottesdienstDa der Georgstag heuer auf einen Samstag fällt, soll das Patrozinium - früher ein Feiertag - würdig gefeiert werden. Um 18.45 Uhr bewegt sich ein Kirchenzug mit den Fahnenabordnungen der Vereine vom Feuerwehrhaus zur Kirche, wo der Festgottesdienst gefeiert wird. Die Kollekte ist für die Neugestaltung des Sassenreuther Kirchplatzes bestimmt. Nach der Messe geht es zum gemütlichen Beisammensein in die Gastwirtschaft Biersack. Die Vorabendmesse in der Pfarrkirche in Kirchenthumbach entfällt am morgigen Samstag. (ü)
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