Peter Thiem baut Hochsitze selbst
Häuschen auf Stelzen

Peter Thiem macht es sich besonders gern im Winter auf seiner Kanzel bequem. Sie ist wetterfest und gibt Schutz vor der Kälte. Bild: spi
Vermischtes
Kirchenthumbach
28.08.2016
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Wenn es draußen bitterkalt ist und der Vollmond über den Baumwipfeln steht, sitzt Peter Thiem am liebsten still auf einem seiner Hochsitze und beobachtet Füchse, Rehe und Wildschweine. Die Stühle auf Stelzen baut er selbst - ein Knochenjob.

Obertreinreuth. In seiner Tarnhose stapft Peter Thiem durch die hohen, verdorrten Grashalme den schmalen Weg entlang. Gleich rechts von ihm ragen Maispflanzen in die Höhe, links Bäume. Der 50-Jährige aus Obertreinreuth bei Kirchenthumbach ist auf dem Weg zu einem seiner selbstgezimmerten Hochsitze.

Auf den ersten Blick ist die Kanzel nicht gleich sichtbar. Dicke Äste versperren dem Jäger das Sichtfeld. "Die müssten eigentlich weg", meint Thiem. Allerdings gehört ihm der Wald nicht, deshalb darf er nicht einfach mit der Säge ran. Dabei wäre der schmale Weg zwischen Maisfeld und Wald ein guter Platz, um Wildschweine zu erlegen. Abends wechseln dort die Tiere hin und her. "Die Landwirte sagen aber: ,Es ist nicht mein Problem, wenn der nichts sieht'", meint er. Wühlen die Wildschweine allerdings dann die Felder der Bauern um, sei das Geschrei groß. Darüber kann Thiem nur mit dem Kopf schütteln.

Bei seiner Kanzel angekommen, erklärt er: "Die besteht aus einem Kanzelbock, Querstreben und einem Häuschen." Die Unterkonstruktion hat Thiem aus Fichtenholz gefertigt. Auf dem Gerüst thront ein in Dunkelgrün gestrichenes Häuschen mit Fenstern. Platten und ein mit Teppichresten ausgelegter Boden bieten einen blickdichten und geräuschhemmenden kleinen Raum. "Je höher der Sitz, desto breiter muss der Bock sein", erzählt Thiem. Bei einer Sitzhöhe von 5,50 Meter müssten die Stelzen 15 Zentimeter Durchmesser haben, um das Gewicht aufzufangen. Für die Kanzel hat er ein viertel Jahr gebraucht. Aus dem Wald des Schwiegervaters darf er das Holz dafür nehmen. Teppichreste und Spanplatten muss der Jäger zukaufen. Fünf offene Hochsitze und eine Kanzel baut Thiem circa pro Jahr. Viel mehr lässt die Zeit nicht zu. Schließlich macht er alles in seiner Freizeit. Im Frühjahr muss er auch noch die bestehenden Sitze überprüfen. Lose und morsche Leitersprossen werden ausgetauscht, damit nichts passiert. Oft halten die Sitze aber Jahre. "Einer, den ich 1990 gebaut habe, steht heute noch."

Richtiger Platz wichtig


Der Standort für einen Hochsitz muss ebenfalls gut ausgesucht sein. "Man stellt eine Kanzel nicht einfach in die Prärie, sondern die Windrichtung und der Mondschein müssen passen", weiß Thiem. Falle der Schatten falsch, könne der Jäger im Dunkeln nichts erkennen. "Für mich ist es schlecht, für das Wildschwein gut, wenn ich nichts sehe", scherzt er.

Seit 26 Jahren baut Thiem Hochsitze. Es gibt geschlossene Kanzeln, offene Sitze, sogenannte Schirme und fahrbare Kanzeln, die mit einem Hänger transportiert werden können. "Ich bau Hochsitze dafür, dass ich Wild schießen darf", erklärt der 50-Jährige. Im Jagdrevier Thurndorf II, das sich von Thurndorf über Neuzirkendorf bis Sassenreuth erstreckt, geht er mit anderen Jägern auf die Pirsch und braucht dafür dann nichts mehr zu bezahlen.

Um Wild erlegen zu dürften, musste der Obertreinreuther eine Jägerprüfung machen. "Da habe ich auch das Hochsitzbauen gelernt. Manche bringen nicht mal einen Nagel rein", grinst er. Für den Jagdschein musste er aber beispielsweise auch wissen, welche geschützten Pflanzen, welche Greif- und Singvögel in der Umgebung leben. "Vom Frauenschuh bis zum Vergissmeinnicht muss man alle kennen", meint Thiem. "Wir haben damals große Poster mit den Tieren ins Schlafzimmer gehängt", erinnert sich seine Frau Bettina. "Manchmal ging nachts schon mal das Licht an, weil ihm was nicht eingefallen ist." "Ich konnte es vom Bett aus nicht lesen, also musste ich aufstehen", bestätigt ihr Mann.

Vermarktung schwierig


Das Jagen und das Bauen von Jägersitzen macht dem 50-Jährigen zwar Spaß, das Hobby sei aber auch ein Knochenjob. "Der Spaß hört auf, wenn es an die Gesundheit geht." Vier Jahre lang habe er wegen Problemen im Rücken eine Pause einlegen müssen, war sogar auf Kur. Die Kälte und das Schleppen von Holzstämmen hätten ihm zugesetzt. "Ich bin nachts bei Vollmond am Fenster gestanden und konnte aber nicht auf die Jagd. Irgendwann packt's einen dann doch wieder. Am schönsten ist es bei zehn Grad minus, wenn ein Fuchs rüber läuft", schwärmt der 50-Jährige, seine Augen glänzen. Stundenlang ist er oft unterwegs, die Beute trotz Geduld aber manchmal mau: Von 30 Mal bringt er nur zwei bis drei Mal ein erlegtes Wild mit heim. "Es ist schwierig, das Wild unter die Menschen zu bringen", bedauert er. "Wennst rum fragst, heißt es: ,Was will ich mit einem ganzen Reh'." Thiem versucht, das Fleisch bei Familie, Freunden und Arbeitskollegen anzubringen. Der Abschussplan müsse schließlich immer erfüllt werden.

Man stellt eine Kanzel nicht einfach in die Prärie, sondern die Windrichtung und der Mondschein müssen passen.Jäger Peter Thiem
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