Sterbeglocke läutet für Kirchenchor
Überalterung und gesundheitliche Probleme einiger Sänger: Ensemble löst sich nach über 125 Jahren auf

Der Kirchenchor blickt auf eine mindestens 125-jährige Geschichte zurück. Eine Momentaufnahme daraus stellt dieses alte Foto aus dem Jahr 1951 dar. Wegen Überalterung und gesundheitlicher Probleme einiger Sänger muss sich das Ensemble nun auflösen - an Silvester ist es zum letzten Mal zu hören. Repro: Fürk
Vermischtes
Kirchenthumbach
31.12.2015
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Herbert Fraunhofer an der Orgel - ein gewohntes Bild auf der Empore der Pfarrkirche. Es wird sich den Gläubigen auch künftig bieten: Mit der Auflösung des Ensembles hört Fraunhofer zwar als Chorleiter auf, nicht aber als Organist. Bild: ü

Das Ende war abzusehen. Doch dass die Stimmen so schnell verstummen, war nicht zu erwarten. Der Kirchenchor, der mindestens seit dem Jahr 1890 zum Lobpreis des Herrn und zur Ehre Mariens singt, wird im Jahresabschlussgottesdienst an Silvester (18 Uhr) zum letzten Mal auf der Empore stehen. Mit der Auflösung des Ensembles geht eine wenigstens 125-jährige Musikgeschichte zu Ende.

Zwei Gründe für das Aus nennt Chorleiter Herbert Fraunhofer: Überalterung und gesundheitliche Probleme einiger Sänger. "Junge Menschen waren und sind für den Chorgesang nicht mehr zu begeistern."

Im Gegensatz zu Projektchören sei der Kirchenchor das ganze Jahr über gefordert, macht der ehemalige Leiter deutlich. Im Kirchenjahr 2015 sei das Ensemble 34 Mal bei Messen und Andachten im Einsatz gewesen. Hinzu seien 29 Proben gekommen: "Ein Ehrenamt wie das Singen im Kirchenchor bringt schon eine enorme Belastung mit sich."

Nur noch 17 Sänger


Bereits im vergangenen Jahr sei er gezwungen gewesen, kleinere Brötchen zu backen und das Repertoire entsprechend zu kürzen, standen doch nur mehr 17 Mitwirkende zur Verfügung, berichtet der langjährige Chorleiter. Die Zeiten, in denen das Ensemble noch mit 35 Sängern Mozart-Messen oder das "Halleluja" von Händel gemeistert habe, seien vorbei. Fraunhofer, für den der Kirchenchor sein Leben war, nimmt es mit Galgenhumor: "Der Chor lebt noch und wird noch weiter leben, nur jubilieren wird er nicht mehr. Er ist halt in Rente gegangen."

"Das Ende des Kirchenchores bedeutet auch, dass es bei Gottesdiensten und Beerdigungen keinen Kirchengesang in der bisherigen Form mehr geben wird", informiert er. "Künftig wird Volksgesang mit Orgelbegleitung die Regel sein." Pater Dr. Benedikt Röder schmerzt das Ende ebenfalls. Die Gruppe "Augenblicke" und der Kindersingkreis könnten den Ausfall etwas kompensieren, den Kirchenchor jedoch nicht ersetzen.

Herbert Fraunhofer hat eine Chronik des Kirchenchores zusammengestellt, die drei DIN-A4-Ordner füllen. Seit wann es auf der Empore der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt Chorgesang gab, ist nicht exakt nachweisbar. Die ersten verlässlichen Aufzeichnungen von Hans Schreglmann belegen, dass Willibald Schriml von 1890 bis 1925 Chorleiter war. Der Lehrer und Gemeindeschreiber in Kirchenthumbach wurde aufgrund seiner Verdienste zum Ehrenbürger ernannt.

Ein hauptamtlicher Leiter


Auf Schriml folgte bis 1933 Lehrer Dyonis Hofmann, ehe Hans Schaller bis 1939 am Dirigentenpult stand. Schulschwester Karoline leitete den Chor von 1939 bis 1945. Ein Lehrer namens Regal fungierte bis Februar 1951 als Chorleiter, danach übernahm Hans Zenker von Januar 1947 bis Februar 1951 den Posten. Auf ihn folgte bis Ostern 1955 hauptamtlich Edmund Kellner. Im Anschluss leitete Rosa Seitz (Böhm) den Chor bis 1956 - und nach einem kurzen Intermezzo durch Lehrer Josef Schöffel - von April 1957 bis 1959.

Lehrer Karl Meiler hatte den Dirigentenstab von 1959 bis August 1962 in der Hand, Kaplan Wilhelm Schraml - späterer Weihbischof von Regensburg und Bischof von Passau - von 1962 bis August 1963.

Sein Nachfolger war Lehrer Karl Endres (August 1963 bis August 1965), danach fungierte Lehrer Sigi Beyer von September 1965 bis 1969 als Leiter des Ensembles. Herbert Fraunhofer übernahm den Chor am 1. Januar 1970.

Neue Orgel die "junge Geliebte"Trotz der Auflösung des Kirchenchores zum 1. Januar 2016 wird Organist Herbert Fraunhofer weitermachen: "Meine junge Geliebte, die neue Orgel, werde ich nicht im Stich lassen", sagt der 78-jährige Vollblutmusiker.

Seit 1. Januar 1970 steht der ehemalige Lehrer an der Kirchenthumbacher Grund- und Hauptschule auf der Empore und dirigiert den Kirchenchor. Seitdem spielt Fraunhofer auch die Orgel - sowohl in der Pfarrkirche wie auch in der Bergkirche und der Filialkirche Sassenreuth.

Aufgrund seines Könnens wurde er 1987 zum Dekanatskirchenmusiker des bis 2001 selbstständigen Dekanats Kemnath ernannt. Der damalige Bischof Manfred Müller überreichte ihm die Ernennungsurkunde. Bei den Rosenkranzfesten in der Speinsharter Klosterkirche hat der Kirchenthumbacher viele Jahre mit großem Erfolg den Gemeinschaftschor des Dekanats dirigiert. (ü)
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