Übertritt zum Islam
Moschee statt Kirche

Symbolbild: dpa
Vermischtes
Kirchenthumbach
22.02.2016
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Sandra Yagoub war gläubige Christin. Bis zu ihrem 16. Lebensjahr ging die junge Frau in die Kirche, war römisch-katholisch getauft. Dann begann sie ihren Glauben zu hinterfragen und ihr Leben änderte sich.

Vor 12 Jahren ist die gebürtige Schlammersdorferin Sandra Yagoub zum Islam konvertiert, am Mittwoch stellt sie ihre Religion bei der VHS vor (siehe Kasten). Ihr ist aber wichtig: Sie wolle niemanden "bekehren" oder zum Islam führen. "Ich lebe nach der Sure 'Dir dein Glauben, mir mein Glauben'." Yagoub distanziert sich vehement von jeglicher Art von Radikalismus. Kann sie sich erklären, warum sich so viele Menschen - vor allem auch junge Menschen - radikalisierten Gruppierungen anschließen?

"Das ist ein sehr schwieriges Terrain, als Muslim kann man nur was Falsches sagen." Sie betont, dass sie den Terror, der von islamistischen Gruppen ausgeht, nicht nachvollziehen und auf keinen Fall gutheißen kann. "Das ist nicht der Islam. Das ist nicht, was ich kenne, lebe und gelernt habe." Im Islam gehe es um die Absicht, mit der man etwas tut. "Wenn ich jemanden zum Islam zwinge, dann ist er kein Muslim."

Auch eine Eins-zu-eins-Übersetzung des Korans sei nicht möglich, wie es radikale Islamisten predigen. "Den Koran darf man nicht wörtlich nehmen, man muss ihn interpretieren. Und das ist es auch, was ich am Islam so mag: man kann den Koran für sich selbst individuell interpretieren. Das ist dann aber nicht allgemeingültig." Yagoub will auch ihrem Sohn nicht ihre Interpretation des Korans "aufdrücken". Sie erzieht ihn aber durchaus im islamischen Glauben. Der Vierjährige geht in einen katholischen Kindergarten. Yagoub ist dankbar dafür, dass die Einrichtung ihren Glauben respektiert und die junge Frau unterstützt. "Im Kindergarten sind alle super, es wird immer Rücksicht genommen."

Gemischte Gefühle


Die aktuelle Flüchtlingsdebatte verfolgt Yagoub mit gemischten Gefühlen. "Es geht darum, Barrieren abzubauen und gegenseitiges Verständnis zu erreichen. Vertraut werden in Distanz, das ist das Stichwort. Es ist wichtig, sich in der Mitte zu treffen, ohne zu verschmelzen." Flüchtlinge könnten nicht sofort Deutsche sein, wenn sie über die Grenze gehen. Yagoub rät zu Sensibilität, auf beiden Seiten. "Araber können sich nicht vorstellen, was und wie Deutsche denken. Nur im Austausch mit anderen können sich die Kulturen untereinander kennenlernen und gut miteinander leben." Übergriffe von Flüchtlingen will die junge Frau nicht pauschalisieren: "Das liegt nicht an der Herkunft oder am Glauben, da geht es um die Erziehung. So etwas dürfte nicht vorfallen."

"Ich habe meinem Verstand vertraut und bin meinem Herzen gefolgt", sagt Yagoub heute über die Entscheidung zu konvertieren. Die 33-Jährige begann in der Pubertät an ihrem katholischem Glauben und dem Christentum zu zweifeln. "Früher wurde mir immer erzählt, dass Jesus für die Kinder zuständig ist. Als ich dann langsam erwachsen wurde, habe ich mich gefragt, wer denn jetzt für mich zuständig ist." So beginnen die ersten Zweifel in der jungen Frau zu keimen. Sie lernt im Studium Arabisch und recherchiert für ihre Bachelorarbeit über die Müllsammler von Kairo in Ägypten. Dazu reist sie über zwei Jahre hinweg immer wieder in das Land am Nil und lernt die Menschen und die Kultur kennen. Und natürlich den Glauben, mit dem sie vorher schon sympathisiert hat.

Das ist ein schwieriges Terrain, als Muslim kann man nur was Falsches sagen.Sandra Yagoub über radikalen Islamismus

Vor 12 Jahren ist Yagoub dann "nach reiflicher Überlegung" konvertiert. "Ich finde es befremdlich, dass sich manche Menschen Videos im Internet anschauen - und zack, sind sie Muslime." Die junge Frau hat sich lange mit dem Islam auseinandergesetzt, es war ein Prozess von mehreren Jahren, bis sie sich für den Glauben entschied. "Mich hat das Konzept überzeugt. Der Islam ist eine logisch aufgebaute Religion."

Ihre Familie hat das akzeptiert. Yagoub hat es aber auch eine Zeit lang geheim gehalten. Yagoubs Mutter aber wusste schnell Bescheid. "Sie hat gesagt, sie wäre dagegen, hätte sie nicht gesehen, dass es mir damit besser geht." Im Moment macht Yagoub ihren Master in Interkultureller Germanistik, kümmert sich um ihren Sohn und erwartet ihr zweites Kind. Ihr Mann ist Algerier, ebenfalls Muslim und arbeitet als Ingenieur. Sie hat ihn in Berlin kennengelernt. Da war sie schon zum Islam konvertiert, hatte begonnen, ihren Glauben zu festigen. Wenn Sandra Yagoub über den Islam spricht, argumentiert sie schlüssig und sachlich, man merkt, dass sie Wissenschaftlerin ist. Man merkt ihr aber auch an, sie ist überzeugt von dem was sie glaubt und was sie tut, gefestigt in ihrem Charakter.

Als sie nach Kirchenthumbach zog, wurde sie dort nicht als Einheimische erkannt. "Viele Muslime müssen sich anhören, sie sollen zurück in ihr Heimatland gehen. Dann denke ich mir: 'Ja, wo soll ich denn hin? Ich bin schon daheim. Ich bin Deutsche!'"

Hintergrund
Kopftuch – ja oder nein?

Trägt Sandra Yagoub von Anfang an ein Kopftuch? „Nein! Ich konnte das nicht, hab mir das überhaupt nicht vorstellen können.“ Sie hat Angst, dass sie nicht stark genug ist, will erst ihren Charakter formen. „Das ist eine große Verantwortung. Auf der Straße wird man nur noch auf das Kopftuch reduziert, wenn ich meinen Sohn schimpfe, denken die Leute: ‚Schau nur hin, diese muslimischen Frauen, wie die sich benehmen!‘“. Dafür ist sie lange nicht bereit. Nach einigen Jahren entscheidet sie sich dazu, ein Kopftuch zu tragen.

„Mein Mann sagte zu mir: ‚Willst du das wirklich? Überleg es dir nochmal.‘ Ich war enttäuscht und deprimiert und habe dann einige Jahre gebraucht, bis ich das Kopftuch aufsetzte.“ Entgegen der verbreiteten Meinung trägt sie ihr Kopftuch nicht für ihren Mann, sie tut es für sich und eine höhere Sache. „Ich hoffe , das ist nur ein Gerücht, dass Männer ihre Frauen dazu zwingen.“
Yagoub spricht über ihre Erfahrungen. Am Mittwoch, 24. Februar, von 19 bis 20.30 Uhr lautet im Malzhaus in Eschenbach ihr Thema „Muslime in Deutschland – Bedrohung oder Bereicherung?“. Der Eintritt ist frei.
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