Auf Orgel-Rallye durch den Landkreis Amberg-Sulzbach
Die musikalischen Royals

In Sulzbach steht die größte Orgel des Landkreises Amberg-Sulzbach: Die Evangelische Kirchengemeinde bestellte das Instrument bei der Stuttgarter Firma Weigle. Die 33 Register wurden 1989 von Gerhard Schmid aus Kaufbeuren um 10 ergänzt und in ein neues Gehäuse gestellt. Schön zu sehen: Die spanischen Trompeten in der Bildmitte. Bilder: dok (9)
Kultur
Kreis Amberg-Sulzbach
26.08.2016
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Die Orgel von St. Nikolaus in Etzel-wang bietet nicht nur akustisch, sondern auch optisch einen Genuss. Elias Hößler hat sie 1744 gebaut.
 
Orgelwerke wie das in der 14-Nothelfer-Kirche in Hirschau, gibt es nur noch wenige. Dieses Instrument aus dem Jahr 1764 stammt von Johann Conrad Funtsch. Der Prospekt - also der optische Aufbau der Pfeifen - zeigt die typische Funtsch-Handschrift: Einen überhöhten Mittelturm und abfallende Seitenfelder, die nach innen geschwungen sind.
 
Die Eggenberg-Kirche bei Ensdorf beherbergt ein kirchenmusikalisches Juwel: Das Manderscheidt-Orgelpositiv aus dem Jahre 1645. Dabei handelt es sich um die älteste Kirchenorgel im Landkreis und die zweitälteste Orgel in der Oberpfalz überhaupt. "Sie verkörpert das hohe Niveau und den ausgezeichneten europaweiten Ruf der Nürnberger Handwerker im 17. Jahrhundert", sagt Orgel-Experte Peter K. Donhauser.
 
Perle in einem Schmuckstück: Die filigran gestaltete Orgel in der Ensdorfer Asamkirche.

Sie strahlen Souveränität aus wie Queen Elizabeth II., Lebensfreude wie Silvia von Schweden und Grazilität wie die spanische Hoheit Letizia - die Königinnen der Musik im Amberg-Sulzbacher Land. Wir haben den imposantesten Kirchenorgeln einen Besuch abgestattet.

Amberg-Sulzbach. Die dienstälteste Majestät des Landkreises residiert auf dem Eggenberg bei Ensdorf. Das Werk des Nürnberger Orgelbauers Nikolaus Manderscheidt von 1648 ist die zweitälteste Orgel in der Oberpfalz überhaupt. "Sie verkörpert das hohe Niveau und den ausgezeichneten europaweiten Ruf der Nürnberger Handwerker im 17. Jahrhundert", sagt der Musiker und Orgel-Experte Peter K. Donhauser aus Amberg.

Im 18. Jahrhundert sorgten drei Orgelbauerfamilien für den guten Ton rund um Amberg - bis 1810 Hauptstadt der Oberpfalz: Die katholischen Orgelmacher Funtsch in Amberg und Weiss in Nabburg sowie der lutherische Elias Hößler aus Lauf. Johann Baptist Funtsch (aus Mainfranken kommend, ausgebildet in Mitteldeutschland) holte dann aber 1722 das kurfürstliche Patent der alleinigen Orgelbauerrechte für die Oberpfalz in seine Familie.

Das Pfeifen der Hößlerin


"Das Fürstentum Pfalz-Sulzbach kam erst 1791 zur Oberpfalz, hier dominierte Elias Hößler (1663 bis 1746)", weiß Donhauser. In der evangelischen Kirche St. Nikolaus Etzelwang steht sein letztes Werk, 1744 erbaut und 1984 unter der Federführung von Jürgen-Peter Schindler aus Sulzbach-Rosenberg mustergültig restauriert. "Wie seine beiden Kollegen baute Hößler nur sogenannte Labial-Register - sie funktionieren im Prinzip wie Blockflöten. Typisch ist die kurze tiefe Oktav, bei der die Töne Cis, Dis, Fis und Gis fehlen - die Komponisten wissen das und so lässt sich Material für die großen, tiefen Pfeifen sparen."

Besonders wenn die Hößlerin mit ruhigem, handgeschöpftem Wind gespielt wird, entfalten Pfeifen einen faszinierenden und berührenden Klang. "Dieser Klang dürfte dem vor 272 Jahren nahe kommen", meint der Orgel-Kenner aus Amberg. Optisch bevorzugt Hößler ein breites halbrund nach vorne gewölbtes Pfeifen-Mittelfeld, in Etzelwang stehen hier gleich elf Pfeifen nebeneinander.

Johann Conrad Funtsch (1710 bis 1792) strebt ein ähnliches Klangideal an. In der 14-Nothelfer-Kirche in Hirschau ist es noch heute zu hören. Die Orgel von 1764 hat ein Register mehr. "Leider sind nur mehr sechs der zehn Register original erhalten." Der Prospekt - also der optische Aufbau der Pfeifen - zeigt die typische Funtsch-Handschrift: Einen überhöhten Mittelturm und abfallende Seitenfelder, die nach innen geschwungen sind. Solche Orgelwerke gibt es nur noch wenige. Die größte und besterhaltene Funtsch stammt aus dem Jahr 1767 und steht auf dem Habsberg im Landkreis Neumarkt.

Mit der "Papst-Orgel"


Andreas Weiss aus Nabburg baute seine Orgeln hauptsächlich in der östlichen Oberpfalz. Der Abt in Ensdorf holte ihn aber 1782 an sein Kloster. Weiss durfte in St. Jakobus einen geradezu luxuriösen Prospekt gestalten und übernahm von früher Schnitzereien und Figuren. Auch Weiss hat ein optisches Markenzeichen: Ein niedriges Mittelfeld mit harfenartig aufsteigenden Seitenfeldern. Seine größte Orgel baute er 1791 für die Alte Kapelle in Regensburg. Der Prospekt dieses Instruments ist noch erhalten, darin steht die "Papst-Orgel", die die Orgelbaufirma Mathis (Schweiz) für den Besuch Benedikts XVI. in Regensburg 2006 angefertigt hat.

Mit der Säkularisation 1803 ereignete sich eine mittlere Katastrophe für die Orgelbauer - nicht nur in der Oberpfalz. Gerade die reichen Klöster fielen als Auftraggeber schon einmal weg. Auch im Kreis Amberg-Sulzbach fanden sich nun weniger Orgelbau-Aktivitäten als im Jahrhundert davor. Eine davon gab es in Hausen, der Funtsch-Lehrling Wilhelm Hepp (1764 bis 1832) aus Amberg baute hier 1816 ein Instrument. Hepp-Orgeln gibt es noch in Velburg und auf dem Rechberg. Bei Hepp lernte Friedrich Specht (1808 bis 1865). Seine besterhaltene Orgel von 1862 finden wir im östlichsten Landkreiseck, in Pittersberg. "Im Laufe der Zeit hatte sich das Klangideal geändert", berichtet Donhauser. Specht trug der neuen Mode Rechnung. Sechs der zehn Register gehören dem 8'-Bereich an und vermitteln füllige, grundtönige Farben. Der letzte Amberger Orgelbauer ist Tobias Beringer, seine einzige bekannte Orgel von 1873 steht in Rieden in der Pfarrkirche St. Georg.

"Bei der Suche nach Orgelbauern mussten sich die Auftraggeber aus dem Landkreis nun notgedrungen auch über die Oberpfalz hinaus umschauen", erläutert Donhauser. Auf katholischer Seite kamen Binder & Siemann aus Regensburg und Ludwig Edenhofer aus Deggendorf ins Geschäft. Eine klassisch schlichte Orgel mit drei Pfeifenfeldern von Edenhofer junior (1889) steht in Adertshausen. Der Orgelbauer belieferte das Lauterachtal auch mit Hohenburg und Kastl. Auf evangelischer Seite begründete Steinmeyer aus Öttingen seinen legendären Ruf. In der Simultankirche St. Vitus in Illschwang ist ein Werk (1878) dieser "Orgelbau- und Harmoniumfabrik" mit Gründungsjahr 1847 noch gut erhalten.

Die Steinmeyers waren eine der Mitte des 19. Jahrhunderts aufkommenden großen Orgelbaubetriebe wie Walcker aus Ludwigsburg (gegründet 1821), die im Zug der Industrialisierung die kleinen Werkstätten ablösten. Neben Steinmeyer arbeitet vor allem Johannes Strebel aus Nürnberg im Landkreis Amberg-Sulzbach (Edelsfeld 1912, Königstein 1905).

Imposante Freipfeifen


Eine Weiterentwicklung der pneumatischen Traktur ist deren elektrische Ansteuerung, die es erlaubt, den Spieltisch auch ohne ein fettes Bündel Bleirohre weiter entfernt von den Pfeifen oder gar beweglich zu positionieren. Eduard Hirnschrodt (Regensburg) hat das 1960 in Ehenfeld umgesetzt und einen imposanten Freipfeifen-Prospekt gestaltet - die Pfeifen stehen hier nicht in einem Gehäuse.

In Sulzbach, der größten Stadt im Landkreis, baute 1960 Gustav Gsaenger (1900 bis 1989) die Christuskirche. Die Orgel bestellte die Evangelische Kirchengemeinde bei der Stuttgarter Firma Weigle. Die 33 Register wurden 1989 von Gerhard Schmid aus Kaufbeuren um 10 ergänzt und in ein neues Gehäuse gestellt. 2003 folgte eine Neuintonation und abermalige Erweiterung auf nunmehr 46 Register. "Damit ist das die größte Orgel im Landkreis", stellt Organist Donhauser fest.

Die größte katholische Orgel (44 Register) tönt gleich nebenan in St. Marien. "Da stutzen und staunen die Orgelkenner. Aus Hößlers leider mehrfach verändertem Barockgehäuse von 1701 dringen nun französisch-romantische Klänge, inspiriert von dem Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll." Erbauer war die international renommierte Firma Rieger (Dom zu Regensburg 2009, Philharmonie Paris 2015) aus Vorarlberg. Donhauser: "Spätestens mit dem 21. Jahrhundert ist auch der Orgelbau im Landkreis international geworden."

In Schlicht und München


Eine farbenfrohe Orgel besitzt die 1970 von Karljosef Schattner (1924-2012) entworfene katholische Kirche St. Martin Etzelwang: 1975 baute hier Georg Jann aus Allkofen sein zweites Werk, das aber das erste von ihm vollständig geplante Projekt darstellt. Opus 1 (noch vom Werkstatt-Vorgänger Hirnschrodt begonnen) steht in Schlicht. "Die nur sieben Register zeigen, welche Klangvielfalt ein hervorragend gebautes und intoniertes Instrument bieten kann." Die Orgel für den Liebfrauendom München war 1994 Georg Janns letztes Werk. Insgesamt hatte er 199 Orgeln gebaut. Seither führt Sohn Thomas die Firma weiter.

Aus dem 21. Jahrhundert stammen noch zwei weitere Orgeln im Landkreis: Als kompletten Neubau mit modernem Prospekt die ausgesprochen vielseitige Orgel (2004) in Ammerthal der Firma Sandtner aus Dillingen an der Donau. In Rieden gibt es noch die feinsinnig intonierte Orgel der Familie Mathis aus Näfels in der Schweiz, die übrigens schon 1990 ein Werk nach Wutschdorf geliefert hat. Diese Orgel ist auf einigen CDs dokumentiert.

Spezielle Technik11 der 14 ausgewählten Instrumente verbindet die Konstruktion des Wind- und Spielwerks: Sie basiert auf dem Prinzip der Tonkanzellen mit Schleifladen. Jede Taste zieht dabei ein einziges Pfeifenventil auf. Dieses Prinzip finden wir im Landkreis Amberg-Sulzbach bei Orgeln von 1648 bis 1880 und dann wieder etwa ab 1960. In Illschwang hat Orgelbauer Steinmeyer 1878 ein neues Prinzip angewendet: Die Registerkanzelle nach dem Prinzip der Kegellade. Jede Taste hebt hier neun Kegel. Dieses System liefert mehr Wind und damit Fülle. Es muss aber mehr Masse bewegt werden, die Spielart ist schwerer. Die pneumatische Traktur öffnet diese Kegel mit Luftdruck (wie in Ensdorf, St. Jakobus). Es spielt sich mühelos, aber mit Verzögerung zwischen Anschlag und Ton.


Die Orgel-RallyeWollte man die Außengrenzen des Landkreises Amberg-Sulzbach auf kleinsten Straßen entlangfahren, würde ein Tag gerade ausreichen. Auch wenn wir etwas weiter im Inneren bleiben und bei 14 ausgesuchten Kirchen und Orgeln Station machen, sind locker zwei Tage für diese "Orgel-Rallye" einzuplanen. Das GPS setzt für diese Rundreise 150 Kilometer an, die ausgewählten Instrumente (es gäbe laut Peter K. Donhauser knapp 100 im Landkreis) überspannen einen Zeitraum von 364 Jahren Handwerkskunst, von 1648 bis 2012. Die auf dieser Doppelseite dargestellte Orgel-Rallye macht Station in Ensdorf, Adertshausen, Hausen, Ammerthal, Götzendorf, Illschwang, Etzelwang, Sulzbach, Ehenfeld, Hirschau, Pittersberg, Rieden und wieder Ensdorf. Die kreisfreie Stadt Amberg hat der Orgel-Experte aus Platzgründen außen vor gelassen.

Der Experte

Peter K. Donhauser ist gebürtiger Amberger. Nach dem Abitur am Erasmus-Gymnasium studierte er an der Hochschule für Musik und Theater München. Er war in Würzburg und Amberg als Gymnasiallehrer für Musik tätig, zuletzt als Leiter der Fachschaft Musik am musischen Max-Reger-Gymnasium Amberg. Als Mitglied der Gesellschaft der Orgelfreunde (GdO) beschäftigt er sich mit Orgelbau und Orgelforschung und nimmt an internationalen Tagungen teil. Donhauser publiziert zum Thema Musik in diversen Zeitschriften und Zeitungen, darunter "Ars Organi" (GdO), das Ostbayerische Magazin "lichtung" (Viechtach), die Amberger Zeitung und der Neue Tag Weiden. Er musiziert als Cellist im Streichquartett "Ensemble Con Brio" und im Bruckner Akademie Orchester München. (upl)


Orgel-RekordeDie größte Orgel

46 Register zählt die größte Orgel im Landkreis Amberg-Sulzbach, das Instrument in der Christuskirche Sulzbach.

Die tiefsten Töne

Die beiden 32'-Register der Orgel in St. Marien, ebenfalls in Sulzbach, geben die tiefsten Töne von sich.

Spanische Trompeten

Die beiden einzigen horizontalen spanischen Trompeten finden sich in der Christuskirche Sulzbach und in St. Antonius Kümmersbruck.

Französischer Stil

Die einzige Orgel im französisch-romantischen Stil nach Cavaillé-Coll: St. Marien, Sulzbach.

Die einzige Chororgel

Verborgen hinter dem Hochaltar befindet sich die einzige Chororgel des Landkreises in Lintach.

Rückpositiv und Brüstung

Eine besondere Bauart ist in Großschönbrunn zu bewundern: Die einzige Orgel mit Rückpositiv in der Brüstung steht hier.

Wechselschleifen

Die einzige Orgel mit Wechselschleifen nennt die Berufsfachschule für Musik in Sulzbach-Rosenberg ihr Eigen.

Originalst erhalten

Die originalst erhaltene historische Orgel findet sich in Götzendorf. Es ist ein Werk von Johann Heinssen aus dem Jahr 1836.

Garantiert stromfrei:

Die Nenninger-Orgel auf dem Johannisberg bei Freudenberg kann mangels Stromanschluss ausschließlich mit handgeschöpftem Wind von einem Blasbalgtreter betrieben werden.

Orgelbauer aus Amberg und Umgebung:

Drei Absolventen des Max-Reger-Gymnasiums sind Orgelbauer: Norbert Bender (Chef der Firma Sandtner in Dillingen, Rainer Kilbert (Lappersdorf), Christoph Schindler, Mitinhaber der Firma Hoffmann & Schindler in Ostheim /Rhön.

Kollegenschelte

Speziell der Vorgänger von Johann Baptist Funtsch, Conrad Vogel, 1656 in Schwabach geboren und lutherisch getauft, scheute keine Mittel, sein Geschäft zu befördern: Er konvertierte und erhielt 1693 im katholischen Amberg das Orgelbauermonopol für die Obere Pfalz. Vogel zog alle Register, wenn ein Kollege zum Zug kommen könnte: "Ausländischer Stümper" (1693 gegen Johann Sebastian Wild aus Kirchenrohrbach), "nicht einmal ausgelernter Orgelbauer, lutherischer Fretter und Kötzer" (1721 gegen Elias Hößler). (dok)
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