Ausstellungsreihe zum Thema Tracht im Bezirk Oberpfalz
Die Heimat auf der Haut

Natürlich ist Tracht vor allem ein Thema für besondere Anlässe und Feiern. Alle Bilder: Bezirk Oberpfalz
Kultur
Kreis Amberg-Sulzbach
14.05.2016
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Das Thema Tracht bietet reichlich Stoff für die Ausstellungsreihe des Bezirks - im wahrsten Sinn des Wortes.
 
Eine Festtagstracht aus der Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem reichen Gäuboden-Gebiet - zu sehen im Historischen Museum Regensburg.
 
Von 1926 stammt diese Aufnahme von der Rosenberger Kirchweih. Das Stadtmuseum Sulzbach-Rosenberg hat eine Ausstellung zum Thema Kirchweih und Tracht zusammengestellt.

Wenn ihn jemand nach der Oberpfälzer Tracht fragt, wird es schwierig. Denn die, sagt Hans Wax, gibt es gar nicht. Trotzdem kann der stellvertretende Bezirksheimatpfleger viel darüber erzählen. Oder gerade deshalb. Denn Trachten hat die Region reichlich zu bieten. Das Plural-"n" ist dabei wichtig.

Amberg-Sulzbach. Hans Wax stammt aus der Straubinger Gegend. Mit seinem Vater, der Lehrer war, zog er als Bub über die Dörfer. Er erinnert sich genau: "Da hat nie jemand Tracht angehabt. Nie." Dabei hätten gerade die reichen Gäuboden-Bauern sicher kostbare Exemplare im Schrank gehabt. "Aber die hat keiner angezogen." Wax zitiert dazu seinen Volkskunde-Professor: "Wer auf gar keinen Fall ins Bauernmuseum geht, ist der Bauer. Weil er froh ist, dass er von dem alten Glump weg ist und neu gebaut hat." Mit der Tracht sei das ähnlich gewesen.

Wer sich ernsthaft mit diesem Thema auseinandersetzen will, muss genau hinschauen - darauf achten, in welcher Zeit, in welcher Gegend er sich bewegt. Und dabei auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen einbeziehen. Das, was viele heute unter der heimischen Tracht verstehen, ist laut Wax eine erneuerte Version, orientiert an Vorbildern aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Betrachte man Aufnahmen einer Generation früher, posiere auf Atelierfotos die Frau noch in klassischer Tracht, mit Bänderhaube, oben weiten, nach unten schmäler zulaufenden Schinkenärmeln - "und der Mann daneben im schönen, städtischen Anzug, also ganz selbstverständlich zwei Kleidungsverhalten nebeneinander". Das zeige auch: "Der Mann hat die Tracht früher abgelegt als die Frau."

Strenge Kleidervorschrift


Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts gilt eine strenge Kleiderordnung, die genau vorschreibt, "bis hin zum Faden, zum Knopf, was ich verwenden darf." Ziel ist es, die Ständegesellschaft zu bewahren und dabei auch die niederen Schichten vor Verarmung zu schützen. "Man will sich ja immer so anziehen wie der Nächsthöhere." Und könnte sich dabei übernehmen. Schriftliche Quellen berichten zur Kleidung jener Zeit meist nur von Verstößen gegen diese Ordnung - oder deren Ahndung. "In Regensburg zum Beispiel ist im 17. Jahrhundert eine Frau abgestraft worden, die einen falschen Gürtel angehabt hat." Dessen goldene Schnalle ist tatsächlich nur ein Imitat. Die Dame muss trotzdem Strafe zahlen.

Steckbrief als Quelle


Die französische Revolution beendet dieses Kapitel. "Die Feudalgesellschaft wird weggewischt - und damit auch die Kleidervorschriften." Nun kann jeder anziehen, was er will. Wax bemüht dazu einen plakativen Vergleich: "Wer sich einen Porsche leisten kann, fährt Porsche, wer sich einen R4 leisten kann, fährt R4. Und übers Kennzeichen sieht man auch, wo ich herkomme." Bei der Kleidung gilt Letzteres übrigens ebenfalls - allerdings erst ab 1900.

Interessant findet Wax in diesem Zusammenhang eine Doktorarbeit, die Steckbriefe untersucht hat. Für Volkskundler eine wichtige Quelle, die auch beschreibt, was der Straftäter anhat: "Zwischen 1816 und 1916, also über 100 Jahre, ist nur zweimal der Zusatz Oberpfälzisch dabei" - als Oberpfälzer Weste oder Janker. "Es hat keine regionale Zuordnung gegeben. Das war eine Hose - keine Oberpfälzer Hose." Zum Oktoberfest 1810 werden zehn Kinderpaare aus ganz Bayern in Tracht gekleidet und dem König vorgeführt. "Bayern entsteht damals neu", erläutert Wax dazu. Mit Franken, Altbayern, Schwaben werde es "ein ganz neues Staatsgebilde. Da muss man auch die Kultur neu definieren." Erneuerungsbewegungen seitens des Königshauses gipfeln in 27 Vorgaben, um das Bayerngefühl, das Zusammenwachsen, zu fördern. Dazu gehört die Aufforderung, Tracht zu tragen.

Wax richtet den Blick an dieser Stelle aber auch auf die Industrialisierung im 19. Jahrhundert: "1800 gibt es acht Großstädte in Deutschland, 1900 sind es 40." Menschen aus Schmidmühlen oder dem Landkreis Tirschenreuth ziehen nach Nürnberg und München, weil sie keine Arbeit haben. "Und zugleich kommt die Obrigkeit und sagt, ihr müsst so tun, als wärt ihr seit 1000 Jahren Schmidmühlener."

Eine Oberpfälzer Idee


In den 1880er-Jahren entstehen Trachtenvereine in Oberbayern. "Ganz streng - die wissen, wie die Welt tickt", sagt Wax. Angeregt wird diese Entwicklung ausgerechnet von einem Lehrer namens Vogel aus Arnschwang im Landkreis Cham. "Die Trachtenvereins-Idee ist also eine Oberpfälzische."

Mit der regionalen Zuweisung und den Trachtenvereinen verstärke sich das regionale Denken. Schmidmühlens Trachtler beispielsweise gründen ihren Verein 1929 - und orientieren sich mit ihrer Kleidung an ihrer Umgebung.

Nach dem Ersten Weltkrieg gibt es eine erste große Welle - Wax spricht von rund 30 Trachtenvereinen, die sich etablieren in den 20er-Jahren. "Nach 1945 sind es dann 40 oder 50 Gründungen, also wirklich flächendeckend." Der Begriff Verein sei hier entscheidend- "eine Gruppe, die demokratisch bestimmt, was sie macht, egal, ob Schnupftabak oder Tracht".

Der älteste Trachtenverein, 1898 Regensburg Stamm, nenne sich im Lauf seines 118-jährigen Bestehens siebenmal um: "Das zeigt, dass es Diskussionen gibt, was machen wir, was wollen wir? Das ist spannend." Und es zeige: "Die sind ganz normal in der Geistesströmung - wie alle anderen auch. Man kann also wunderbar 100 Jahre Geistesgeschichte anhand der Trachtenvereine nachvollziehen."

Nach 1945 werden Jugendgruppen aufgebaut. "Die hat es vorher nicht gebraucht, weil die Gründerväter noch gelebt haben." Viele von ihnen sind gefallen: Nachwuchs muss her. Deshalb gibt es laut Wax nach beiden Weltkriegen "auffallend viele Vereinsgründungen". Er erkennt darin noch einen Beweggrund: "Ich nehme an, die Menschen wollen sich auch wieder beheimaten."

Dann entdecken plötzlich Oberbürgermeister, Landräte, Ministerpräsidenten diese Vereine und ihre gewaltigen Trachtenfeste in den 1950er- bis 70er-Jahren - mit Tausenden Teilnehmern. 1969 feiern die Schmidmühlener Trachtler ihr 40-Jähriges mit 35 000 Besuchern und Ministerpräsident Alfons Goppel. "Das wäre vor 1945 nicht denkbar gewesen." An der Vereinskleidung scheiden sich heute noch die Geister: Regionale Volks- oder oberbayerische Gebirgstracht? Hans Wax sieht das entspannt. "Wenn sich ein Verein 1929 gründet und sich für die Gebirgstracht entscheidet - warum soll ich ihm die nehmen? Die Mitglieder haben eine fast 100-jährige Geschichte, die wissen, was sie tragen. Und sie sagen nicht, wir tragen Oberpfälzer Tracht."

Jeder, wie er will


Da ist sie wieder, die Tracht, die es nicht gibt. Manch einer, der den Heimatpfleger um Rat fragt, hätte sie trotzdem gern. Wax empfiehlt dann, sich für eine bestimmt Zeit zu entscheiden. Und Bilder oder Stiche als Vorbild zu nehmen. Er bemüht erneut den Porsche - sinnbildlich für den Stoff, aus dem die Tracht sein soll. "Nehme ich einen groben, ist es ein Alltagsgewand, nehme ich was Feines, kommen Sie top daher. Wenn Sie's richtig krachen lassen, sind Sie da mit 4000 Euro dabei."

Aber davon brauche er einem jungen Mädchen nicht zu erzählen, das ein Dirndl für seine Kirwa haben möchte - und es für 20 Euro im Internet kauft. Für Wax kein Problem: "Ihr geht's um was anderes: Sie will Bayern spielen." Und der Heimatpfleger hat "keine Lust, die ganze Welt aufzuklären: ,Ihr müsst' oder ,ihr dürft nicht' - die Kleiderordnungen sind vorbei. Und zwar seit 220 Jahren. Mir sagt keiner, wie ich mich anziehen muss."

Alle spielen Bayern"Für mich ist Tracht etwas sehr Individuelles" , sagt stellvertretender Bezirksheimatpfleger Hans Wax. Ein Trachtenverein dagegen schreibe Kleidung fest, wenn auch unterschiedlich streng. "Ich erlebe schon, dass manche mitunter sehr engstirnig denken - warum, verstehe ich manchmal nicht." In vielen Gesprächen mit individuell Ratsuchenden kommt der Heimatpfleger bei diesem Thema "immer auf einen grünen Zweig". Kämen dagegen Gruppen, die nahezu uniform auftreten, "widerspricht das, finde ich, dem menschlichen Denken, wie ziehe ich mich an - Ich will mich ja unterscheiden von meinem Nachbarn". Trotzdem habe er die Trachtenvereine inzwischen "ganz neu schätzen gelernt: Ohne sie wäre die Tracht nahezu ganz weg, dann würde das nur noch die Industrie liefern. Und die gibt's auch in Mönchengladbach und Hamburg: Alle spielen ja Bayern". (eik)


Im BlickpunktDas Stadtmuseum Sulzbach-Rosenberg greift als Beitrag zur Ausstellungsreihe des Bezirks das Thema Kirchweih und Tracht auf. Eröffnet wird diese Schau am Donnerstag, 19. Mai, um 19.30 Uhr. Gäste sind dazu willkommen. Das gilt auch für die weitere Dauer der Ausstellung (bis Sonntag, 18. September) und das Begleitprogramm (Führungen nach Absprache):

Sonntag, 22. Mai, Internationaler Museumstag: Eintritt frei; kostenlose Führungen;

Mittwoch/Donnerstag, 7./8. September: Kinder- und Jugendmalwettbewerb des Fördervereins (mit Anmeldung);

Sonntag, 11. September, Tag des offenen Denkmals: Eintritt frei; kostenlose Führungen;

Sonntag, 18. September: Finissage. (eik)


Tracht im BlickTracht sei ein spannendes Thema, sagt stellvertretender Bezirksheimatpfleger Hans Wax. Und ein ergiebiges dazu. Reichlich Stoff - im wahrsten Sinn des Wortes - für eine eigene Ausstellungsreihe im Bezirk. "Tracht im Blick - Die Oberpfalz packt aus" heißt das Thema, das neun Museen der Region aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln präsentieren und zu dem unter dem selben Titel auch ein umfangreiches Begleitbuch erscheint. (Alle Infos zur Reihe im Internet: www.tracht- im-blick.de). (eik)


Im falschen GewandWie knifflig es zuweilen ist, eine Tracht einer bestimmten Region zuzuordnen, erläutert Hans Wax an einem Beispiel:

Als 1842 Thronfolger Maximilian heiratete, wurden aus allen Kreisen Bayerns Paare gesucht, die ebenfalls die Ehe eingehen mussten. Aus der Oberpfalz waren drei Paare dabei - mit Hochzeitslader, Brautjungfern, Kammerwagen. "Aus Amberg sind Bergleute dabei, in Arbeits-tracht, auch die Fischerzunft. Das wird richtig zusammengestellt", listet Wax auf.

Eine eigene Richtlinie, wie die regionalen Paare zu suchen sind, wird von München nach Regensburg geschickt. Dort verfolge man "das recht streng", betont Wax. Und prompt gibt es in Neunburg vorm Wald Probleme: Das Paar muss einen guten Leumund haben - deshalb darf es noch nicht zu lange verlobt sein. Die Auserwählten sollen in teuerer Tracht auftreten - haben dafür aber kein Geld. All das geht dem Verantwortlichen zu langsam, deshalb bestimmt er, dass die beiden Neunburger Nabburger Kleidung tragen. Man zeichnet ein Bild von ihnen - "und darunter steht dann wunderbar Neunburg vorm Wald. Wenn man diese Geschichte nicht kennt, weiß man nicht, dass die Neunburger eigentlich Nabburger Tracht getragen haben." (eik)
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