Musikantin aus Ursensollen tritt in Saudi-Arabien auf
Besonders heikler Zwiefacher

Kultur
Kreis Amberg-Sulzbach
08.04.2016
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Sophie Meier-Rastl wohnt in Stockau. Sie ist ist die Frau des "Meier Wastls", eines bekannten Volkmusikanten. Bild: Thomas Duerrfeld
 
Das Hintergrundmotiv ist nicht zufällig gewählt. Zur Infotafel über die Grundrechte gesellte sich die Musikgruppe (hier mit einem Mitarbeiter des Goethe-Instituts) gern. Bild: Abdallah Hachem

Als die Polizei anrief, war es schon zu spät. Sophie Meier-Rastl und ihre drei Bandkollegen standen bereits auf der Bühne. Die 32-jährige aus Ursensollen sollte Deutschland bei einem Kulturfestival in Saudi-Arabien vertreten. Ein heikles Unterfangen.

Mit gemischten Gefühlen ist die Musikerin von der arabischen Halbinsel zurückgekehrt. "Immerhin sind wir auf der Bühne gestanden." Allein diese Tatsache wertet die Violinistin aus Ursensollen schon als Erfolg. Denn wäre es nach der Polizei in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad gegangen, wäre die Band Zwirbeldirn beim Kulturfestival Janadriyah hinter den Kulissen geblieben. "Wir haben erst nachher erfahren, dass unser Auftritt in letzter Sekunde abgesagt werden sollte", erzählt Meier-Rastl. Grund für die plötzlichen Vorbehalte waren die strengen religiösen Regeln, die in Saudi-Arabien gelten. Frauen müssen sich dort nicht nur voll verschleiern. Es ist ihnen auch untersagt, zu singen oder ein Instrument zu spielen, schon gar nicht in einer gemischten Gruppe.

Das einzige Vergnügen


Die Band Zwirbeldirn (zwei Geigen, Bratsche, Kontrabass) besteht aber aus drei Frauen und einem Mann. Mehr als die Hälfte ihres Repertoires machen Gesangsstücke aus. "Wir haben uns natürlich schon gefragt, warum die Saudis das nicht vorher abgeklärt haben." Immerhin war der Auftritt seit zwei Jahren geplant. 2015 musste er abgesagt werden, weil König Abdullah verstarb. Heuer nun wurde er nachgeholt - vermittelt vom Goethe-Institut und der Deutschen Botschaft in Riad. Beim Kulturfestival Janadriyah 2016, der einzigen öffentlichen Vergnügung des streng muslimischen Wüstenstaates, war Deutschland Gastland. Ebenfalls erst kurz vor dem Auftritt ist den Musikerinnen gesagt worden, dass sie nicht singen dürfen. "Wir haben dann unser Programm kurzfristig umgestellt", berichtet Meier-Rastl. Statt Liedern bekam das Laufpublikum vor der Bühne neben Polkas und Walzer einen instrumentalen Zwiefachen, eine Finnische Polka und ein Stück aus Mazedonien zu hören. "Aber am Schluss, da haben wir dann gejodelt. Das haben wir uns nicht nehmen lassen", sagt die Ursensollenerin die aus dem Ausseerland (Steiermark) stammt. "Hätten wir uns rechtfertigen müssen, hätten wir einfach gesagt: jodeln ist nicht singen."

Rund 400 Menschen haben sich die Darbietung angehört und am Schluss begeistert applaudiert. Zu sehen bekam das Publikum aber so gut wie nichts. Als die Musikgruppe die Bühne betrat, knipste die Regie die riesige Leinwand hinter ihr aus, auf der das Geschehen auf der Bühne übertragen wurde. "Natürlich kamen wir uns da minderwertig und diskriminiert vor." Meier-Rastl sagt, sie könne eine solche Demütigung verkraften. Die Frauen vor Ort aber müssten solche Formen der Missachtung ständig ertragen. "Sie kennen das gar nicht anders."

Ein Zeichen setzen


Vor der Reise hat die Band lange über die Teilnahme am Janadriyah-Festival diskutiert. "Auch vor dem Hintergrund, dass es wenige Wochen vor der Abreise erneut massenweise Hinrichtungen gegeben hat." Aber die Gruppe habe sich dafür entschieden, wenigstens zu versuchen, ein Zeichen zu setzen. "Dass Frauen auch Rechte haben, dass sie anderswo auf der Welt Musik machen und auf der Bühne stehen dürfen."

Trotz allem sei das eine starke Botschaft gewesen, die zu platzieren gelungen sei, meint die 32-Jährige. Ein Stein sei ihr vom Herzen gefallen, als der rund 45-minütige Auftritt zu Ende war. Doch nicht nur ihr. "Ich glaube, die Leute vom Auswärtigen Amt hatten noch mehr Schiss als wir."


Die Gruppe Zwirbeldirn bei ihrem Auftritt in Riad. Video: Simon Milne

Ich glaube, die Leute vom Auswärtigen Amt hatten noch mehr Schiss als wir.Sophie Meier-Rastl


Aber am Schluss, da haben wir dann gejodelt. Das haben wir uns nicht nehmen lassen.Sophie Meier-Rastl


Janadriyah-Festival und ZwiebeldirnDas Janadriyah-Festival
Das Auswärtige Amt wertet das Janadriyah-Festival in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad als vollen Erfolg: "Zukunftsorientiert, vielfältig und sympathisch - so erlebten 400 000 Besucher Deutschland als attraktiven Kultur-, Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort", heißt es in einer Pressemitteilung des Ministeriums. Das Kulturprogramm des Goethe-Instituts habe die Zuschauer begeistert.

Das Janadriyah-Festival findet seit 1985 alljährlich im Frühjahr statt. Es zieht regelmäßig mindestens eine Million Besucher an, 2013 sollen es sechs Millionen gewesen sein. Bestandteil des von der Nationalgarde organisierten Festes sind unter anderem Wettbewerbe im Kamelreiten und Pferderennen, Darbietungen folkloristischer Tänze, Musik- und Theateraufführungen, ein Markt für Kunst und Kunsthandwerk, eine Buchmesse und eine Leistungsschau der saudi-arabischen Wirtschaft. Seit einigen Jahren präsentiert sich zudem ein Gastland mit seiner Kultur und Wirtschaft, im Jahr 2016 war dies Deutschland. Im deutschen Pavillon (Bild) stellten unter anderem die Firmen Volkswagen und Airbus aus.

Nach Angaben des Außenministeriums präsentierten sich 15 deutsche Künstler und Künstlergruppen in mehr als 80 Aufführungen im Pavillon und auf der Außenbühne.

Zwirbeldirn

Als "Geigengroove mit Dreigesang" umschreibt die Band Zwirbeldirn ihre Musik. Die Gruppe, die traditionelle Volksmusik aus dem bayerisch-alpenländischen Raum neu interpretiert, besteht aus Sophie Meier-Rastl (Geige, Bratsche), Evi Keglmeier (Geige, Bratsche), Maria Hafner (Geige) und Simon Ackermann (Kontrabass). Meier-Rastl wohnt in Stockau bei Ursensollen. Die anderen Bandmitglieder kommen aus Ober- und Niederbayern.

Zwirbeldirn ist bereits mehrmals in der Region aufgetreten. Ein umjubeltes Konzert gab es im März vergangenen Jahres im Capitol in Sulzbach-Rosenberg. "Mehrfach erklären sie ihre Liebe zur Heimat, greifen auf altüberliefertes Liedgut zurück, heben aber auch ganz andere musikalische Schätze, wie Balladen, Schrammel-Klänge oder echte Jodler. An ihren Instrumenten macht ihnen so schnell keiner was vor, sie beherrschen ihr Metier voll und ganz", schrieb unsere Zeitung damals. "Dennoch kommen sie stets sympathisch daher - ja manchmal richtig bescheiden."

Auch als Solisten sind die Bandmitglieder regelmäßig in der Region unterwegs. Evi Keglmeier zum Beispiel gestaltete eines der Asphaltkapellenkonzerte in Etsdorf mit. Die nächsten Auftritte: Donnerstag, 21. April, 20 Uhr, Stadttheater Ingolstadt; Freitag, 22. April, 20 Uhr, Jans-Bistro Ismaning, Samstag, 23. April, 20 Uhr, Wirtshaus beim Füchsle in Siebnach bei Augsburg.

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Die Homepage der Band:

www.zwirbeldirn.de
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