Bund-Naturschutz-Kreisvorsitzender Peter Zahn zum Bundesverkehrswegeplan
Die falsche Richtung

Die bestehenden Verkehrsprobleme können nicht mit den Methoden, die sie verursacht haben, gelöst werden.
Politik
Kreis Amberg-Sulzbach
30.04.2016
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Wie eine Mischung aus Bibel und Guiness-Buch der Rekorde kommt einem der Bundesverkehrswegeplan vor: Alle Straßenbau-Fans wollen mit ihren Projekten rein, denn wer drin ist, hat einen Ewigkeitsanspruch. Peter Zahn aber zieht das Werk grundsätzlich in Zweifel.

Amberg-Sulzbach. Wobei der Kreisvorsitzende des Bundes Naturschutz schon sieht, dass der BVWP positive Seiten hat: Er erfasst die notwendigen Reparaturen von Straßen, macht sich Gedanken um die Beseitigung von Engpässen, empfiehlt den Ausbau einzelner Schienenwege und den Donauausbau ohne Staustufen.

Prognosen "unrealistisch"


Aber Negatives fällt Zahn viel mehr ein. Regierung und Parlament machten hier aus einem wirklichkeitsfremden Wunschzettel der Kommunen mit Hilfe von ungenauen Angaben, unrealistischen Prognosen und problematischen Vergleichsmöglichkeiten ein gigantisches Bauprogramm, das die Probleme in keiner Weise löse. Als "Beschäftigungsgarantie für Straßenbaufirmen" sieht Zahn einen Katalog, der 910 Straßenbauprojekte in die beiden höchsten Dringlichkeitsstufen einreiht ("fest disponiert" und "vordringlicher Bedarf"). "Bei Autobahnen ist E8 - also vier Spuren in jede Richtung - heute der Standard." Statt einer Verkehrswende setze man also stur weiter auf das Auto und den Straßenneubau.

Dahinter sieht Zahn eine Überzeugung am Werk, wie sie auch Verkehrsminister Alexander Dobrindt vertrete: Neue Straßen schaffen mehr Mobilität und dadurch mehr Wohlstand. Der wiederum erzeuge mehr Mobilität und damit das Bedürfnis nach Straßen. "Aufschaukelkreis" nennt Zahn das. Dieses blinde Vertrauen in das unbegrenzte Wachstum ist für ihn unrealistisch. Zudem blende es begrenzende Effekte wie die Belastung von Boden, Luft und Wasser, die Verknappung von Energie, Rohstoffen und Flächen vollkommen aus. Ebenso Belastungen durch den Verkehr - Lärm, Stau, Schadstoffe.

Zahn betrachtet die Lage unter einer anderen Überzeugung: "Lokaler Straßenbau löst ein Problem nur kurzfristig und führt lediglich zu Verlagerungen." Oft erzeuge er sogar zusätzlichen Verkehr. Nachhaltig sei das sicher nicht. Für ihn ergibt sich daraus die Schlussfolgerung: "Die bestehenden Verkehrsprobleme können nicht mit den Methoden, die sie verursacht haben, gelöst werden."

Zahns Gegenentwurf heißt "Verkehrswende". Er sieht dramatische Veränderungen und ein "langfristig angelegtes Gesamtkonzept für eine nachhaltige Mobilität" vor. Die harten Eingriffe lassen sich für Zahn damit begründen, dass der Verkehrssektor bisher für die Einsparung von Energie und einen geringeren CO2-Ausstoß "null leistet". Verkehrswende bedeutet in Zahns Sicht:

Verkehr vermeiden

Motto: Fußgängerzone statt Durchgangsverkehr. Die Vermeidung könne etwa geschehen, indem man alternative Verkehrsträger (Güterverkehr) optimiere, oder auch über den Spritpreis. Nur in einem speziellen Fall möchte Zahn sich nicht auf diese Art der Verbrauchslenkung verlassen: "SUVs müsste man vom Gesetzgeber her verbieten."

Verkehr verlagern

Von der Straße auf Schiene oder Wasser. Vom Auto hin zum Fahrrad oder gar auf Fußwege.

Alternativen schaffen

Etwa einen ÖPNV, bei dem jede Fahrt - egal, wie lang - zwei Euro kostet. Oder andere Antriebsarten, ein neues Nutzerverhalten (Mitfahrer). Bereits die Planung von Siedlungen müsste berücksichtigen, dass man damit nicht unweigerlich neue Verkehrswege erzeugt: Also zuerst die Innenstadt besiedeln, ehe man mit dem Baugebiet im Grünen die Bewohner zum Auto geradezu zwinge.

Für fünf Minuten?


Ein solches Problembewusstsein kann Zahn im BVWP nicht erkennen. Sonst würde man dort endlich die Bewertungskriterien hinterfragen, wie etwa den Zeitgewinn - "fünf Minuten am Tag bringen doch keinem etwas". Oder auch "Nullvarianten" prüfen: Ob ohne zusätzlichen Straßenbau nicht vielleicht mit Flüsterasphalt für die Anlieger konkretere Verbesserungen zu erzielen wären als mit einer Umfahrung, die den Verkehr nicht weniger werden lasse. Die Sulzbacher Nordumfahrung ist für ihn hier ein unrühmliches Beispiel. Klimaschutz, Flächensparen, Erhalt der Biodiversität - wird laut Zahn im BVWP alles nicht berücksichtigt. "Und das Nutzen-Kosten-Verhältnis wir schöngerechnet, indem man den Nutzen besonders hoch ansetzt und die Kosten künstlich reduziert." Das ist für den Naturschützer nicht zukunftsträchtig: "Wir müssen endlich andere Schwerpunkte setzen."

"Das ist lächerlich"Für den BVWP waren laut Peter Zahn ursprünglich über 2300 Projekte angemeldet - 1700 für die Straße, 400 für die Schiene, 50 auf dem Wasser. Mit einer Umsetzung bis 2030 eingestellt wurden 1002, davon 910 Straßenbauprojekte. Sie verbrauchen 15 792 Hektar Fläche und zerschneiden auf 1949 Kilometern Großräume. Dafür seien 26 "Tierquerhilfen" vorgesehen, also im Schnitt alle 75 Kilometer eine Brücke: "Das ist lächerlich." Rein von den Zahlen her sieht Zahn auch schlechte Chancen für die Ortsumfahrung von Tanzfleck: Der tägliche Durchgangsverkehr liege hier bei 7000 Fahrzeugen - genau der bayerische Durchschnitt. Da lasse sich eine Umgehung für den kleinen Ort schwer begründen.
Die bestehenden Verkehrsprobleme können nicht mit den Methoden, die sie verursacht haben, gelöst werden.Peter Zahn
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1 Kommentar
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Udo Richter aus Roding | 30.04.2016 | 11:11  
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