Landrat Richard Reisinger im AZ-Jahresgespräch zu Energiefragen
5H hätte es auch getan

Wappersdorf (Gemeinde Ursensollen) ist ein Beispiel für Windräder nahe bei der Wohnbebauung. Ein Abstand von 690 Metern wurde 2013 durch eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts Regensburg gutgeheißen. Archivbild: Huber
Politik
Kreis Amberg-Sulzbach
11.01.2016
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Dass es im Landkreis Windräder mit deutlich unter 1000 Metern Abstand zu Ortschaften gibt, das bedauere ich, aber es war von der Genehmigungssituation her nicht anders möglich.

Richtige Fortschritte in Energiefragen - hat es die 2015 im Landkreis gegeben? Irgendwie klingt alles, was Landrat Richard Reisinger im Jahresgespräch mit der Amberger Zeitung dazu einfällt, noch so wie 2014. Wäre da nicht die neue Kraft, "die anfängt, uns nachhaltig zu behelligen".

Amberg-Sulzbach. Damit man ihn nicht missversteht, kleidet der Landkreis-Chef seine Meinung über Klimaschutzkoordinatorin Katharina List - seit Februar 2015 im Dienst - sofort noch einmal in eine positive Wendung: "Sie sorgt dafür, dass sich was rührt." Er macht keinen Hehl daraus, dass er schätzt, wie professionell die junge Ensdorferin ihre Aufgabe angeht.

Deutlich zugeknöpfter ist Reisinger bei der Frage, ob jetzt neue Aufgaben auf Katharina List zukommen, da die Stadt Sulzbach-Rosenberg den Vertrag ihres Klimaschutzmanagers Vincent Clarke nicht verlängert hat. Frau List wirke vom ZEN aus "strahlenförmig" in den Landkreis, sagt Reisinger. Soll wohl heißen: auch nach Sulzbach-Rosenberg. Sie brauche aber überall Ansprechpartner vor Ort, zum Beispiel (aber nicht nur) in der Verwaltung.

Um die Position der Amberg-Sulzbacher Klimaschutzkoordinatorin richtig einzuordnen, erzählt der Landrat, wie sich auf dem Energiesektor in der Region die Dynamik hin zu diesem Posten entwickelt habe: von der Institutionalisierung des Zentrums für erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit; vom Klimaschutzkonzept 2020; von der Erkenntnis, dass man für die darin formulierten Ziele auch eine Umsetzungsebene braucht; von den zusätzlichen Mitteln, die der Kreistag für diese Aufgaben genehmigte; vom Bemühen, das Ehrenamt auf diesem Weg nicht verloren gehen zu lassen; und schließlich von der Erkenntnis, dass es eine professionelle Kraft braucht, um hier wirklich vorwärtszukommen.

Reisingers Satz, bei größeren Einheiten bräuchte man wohl eher eine professionelle Betreuung dieses Themas, kann man sowohl als Plädoyer für die Notwendigkeit eines Klimaschutzmanagers lesen als auch als Weigerung, sich in die Kommunalpolitik seiner Heimatstadt einzumischen. Jedenfalls weist er den professionellen Klima-Experten die Aufgabe zu, das Umweltbewusstsein der Verbraucher zu schärfen, damit es gegen den individuellen Energiehunger nicht ständig den Kürzeren zieht.

Zwischen diesen Polen bewegen sich auch die Ein- und Aussichten Reisingers zu den anderen Themen auf dem Energiesektor, um die es zuletzt etwas ruhiger geworden war:

Photovoltaik

"Die Resonanz ist da", interpretiert Reisinger die Reaktionen auf die PV-Eigenverbrauchsinitiative der drei Klimaschutzmanager. Der Landkreis selbst tue sich allerdings schwer mit der Umsetzung auf seinen eigenen Liegenschaften. "Vor allem beim Landratsamt im Kurfürstlichen Schloss sind die Möglichkeiten doch sehr begrenzt." Dagegen sei es beim Parkdeck des St.-Anna-Krankenhauses geradezu vorbildlich gelungen. Und in Sachen E-Mobilität gibt der Landkreis jetzt auch Gas: Das erste Elektroauto als Dienstwagen ist bereits bestellt, ein E-Golf.

Windkraft

Hier wertet es Reisinger als Glück, dass Amberg-Sulzbach relativ früh mit dem Bau von Windrädern angefangen hat. Dadurch habe man jetzt mit 25 Anlagen nach dem Landkreis Neumarkt die zweitmeisten in der Oberpfalz. Das schreibt Reisinger vor allem dem "Einfluss der Energie-Akteure" zu. Wobei diese Entwicklung aber einige Zeit am seidenen Faden hing, nachdem 2008 Pläne eines Windkraftanlagen-Bauers bekannt geworden waren, 34 Windräder im Wald zwischen Freihung und Vilseck aufzustellen. Reisinger: "Beinahe hätte uns das alles kaputtgemacht - einfach über Nacht ein Investor im Staatsforst." Noch heute schmunzelt er über die "plötzliche explosionsartige Zunahme an interessierten Vogelschützern", nachdem man erkannt habe, dass über die artenschutzrechtliche Prüfung ein Windrad am ehesten zu verhindern sei.

10H

Dass ein Windrad gleich das Zehnfache seiner Höhe von der nächsten Bebauung entfernt sein muss, hat Reisinger schon immer für zu viel gehalten, auch wenn er sich dafür parteiinterne Kritik eingehandelt hat. Inzwischen hat die Praxis seiner Ansicht nach gezeigt, dass möglicherweise 5H der goldene Mittelweg gewesen wäre. Denn bei 1000 Metern Abstand würden die Anlagen fast überall akzeptiert oder zumindest toleriert. Dass es im Landkreis einige Windräder mit deutlich unter 1000 Metern Abstand zu Ortschaften gibt, "das bedauere ich", sagt Reisinger, "aber es war von der Genehmigungssituation her nicht anders möglich". Auch er nehme die "ein bisschen bedrängende Wirkung" der sehr nahen Anlagen wahr. Unter der Geltung der 10H-Regelung sei im Landkreis nach dem für 2016 angekündigten Bau des letzten Freudenberger Windrads nicht mehr mit weiteren Anträgen zu rechnen. Sollte die 10H-Regelung vor Gericht kippen, tauchten aber möglicherweise neue Interessenten auf.

Fracking

In Sachen Fracking sieht Reisinger derzeit keinen Grund für Alarmismus. Es lägen keine Erkenntnisse zu eventuell beabsichtigten Erkundungsbohrungen vor. Die Primärzuständigkeit liege zwar bei den Bergämtern, doch sei ein Schulterschluss der gesamten Oberpfalz gegen diese Art der Ölgewinnung erkennbar, die unklare Folgen für das Grundwasser habe. Und ein weiterer Faktor lässt Reisinger die Ruhe bewahren: "Der Ölpreis ist derzeit zu niedrig." Das bremse das kostenaufwendige Fracking aus.

Gleichstromtrassen

Während der Journalist vermutet, dass bei diesem Thema 2015 nur Nebelkerzen geworfen wurden, hat der Landrat inzwischen doch eine zuverlässigere Information: "Der Netzbetreiber bei uns wird wohl Tennet sein." Auch der neue Endpunkt Landshut sei inzwischen offensichtlich festgemauert. Was für den Landkreis bedeutet: "Wir sind im Erkundungsraum für die neue Trassenführung." Bei Vorrang für Erdverkabelung sei da alles möglich. Wenn man die Leitungen im Boden verlegt, "müsste das in Deutschland schon noch realisierbar sein", meint Reisinger. "Irgendwo sind wir ja auch ein Industriestandort." Er glaubt, dass bei dieser Frage sogar mehr möglich gewesen wäre, wenn man die Bürger von Anfang an stärker beteiligt hätte.
Dass es im Landkreis Windräder mit deutlich unter 1000 Metern Abstand zu Ortschaften gibt, das bedauere ich, aber es war von der Genehmigungssituation her nicht anders möglich.Landrat Richard Reisinger
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