Politikerinnen werben für gleiche Bezahlung im Beruf
Deutschland fehlt Mut, querzudenken

Ganz vollzählig sind sie auf diesem Bild nicht - aber man erkennt trotzdem: Die Bürgermeisterinnen aus dem Raum-Amberg Sulzbach sind inzwischen sehr wohl eine Größe in der Kommunalpolitik (von links): Brigitte Bachmann (Birgland), Gertrud Weigl (Poppenricht), Brigitte Netta (Amberg), Lydia Zahner (Etzlwang), Evi Höllerer (Hahnbach), Alexandra Sitter (Ammerthal) und Birgit Singer-Grimm (Kümmersbruck). Bild: Hartl
Politik
Kreis Amberg-Sulzbach
11.03.2016
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Die einen hatten keine Probleme als Frau und Mutter im Berufsleben. Einige mussten aber auch richtig hart kämpfen. Die unterschiedlichen Erfahrungen in der Runde der Bürgermeisterinnen einte eine Forderung: Frauen müssen endlich gleich viel verdienen wie ihre männlichen Kollegen.

Amberg-Sulzbach. Die Amberg-Sulzbacher Mandatsträgerinnen treffen sich unregelmäßig zum Meinungsaustausch. Diesmal hatten sie dabei den Equal Pay Day im Blick: den internationalen Aktionstag für Entgeltgleichheit zwischen Männern und Frauen, der am Mittwoch, 16. März, begangen wird.

Andere Prioritäten


Ambergs Bürgermeisterin Brigitte Netta hatte diesmal als Gastgeberin ihre Kolleginnen an ihren Arbeitsplatz, das Kinderhaus Siekids, eingeladen, um auf die Herausforderung aufmerksam zu machen, Familie, Beruf und Ehrenamt unter einen Hut zu bringen. Diese sei für Frauen immer noch besonders groß - auch in Hinblick auf Karrierepläne, "weil Frauen da andere Prioritäten setzen". Bei Bezahlung und Rahmenbedingungen seien viele von ihnen nach wie vor männlichen Kollegen gegenüber benachteiligt. Netta nannte ihre Mitarbeiterinnen im Kindergarten als ein typisches Beispiel: "Für eine pädagogische Fachkraft als Alleinverdienerin ist es schwierig, eine Familie zu ernähren."

Die LohnlückeIn Deutschland verdienten Frauen aktuell 22 Prozent weniger als männliche Kollegen: Auf diese sogenannte geschlechtsspezifische Lohnlücke verwies Kümmersbrucks Bürgermeisterin Birgit Singer-Grimm.

Bei diesem "unbereinigten" Wert spiele auch eine Rolle, dass der Frauenanteil in schlechter bezahlten Branchen (wie Pflege, Erziehung und Handel) überdurchschnittlich hoch ist. Außerdem seien mehr Frauen teilzeit- oder geringfügig beschäftigt als Männer und weniger in Führungspositionen vertreten.

Rechne man diese Faktoren heraus, komme man auf den "bereinigten" Wert, der aber immer noch aussage, dass Frauen bei vergleichbarer Qualifikation und Tätigkeit pro Stunde im Schnitt sieben Prozent weniger verdienen als Männer. "Nur wegen ihres Geschlechts - das kann eigentlich nicht sein", betont Birgit Singer-Grimm.

Die Frauenberufe


Gerne sähe Netta in ihrer und ähnlichen Branchen mehr Männer: "Aber in solche ,Frauenberufe' gehen Männer nicht rein - wegen der Bezahlung." Mit dem Thema gleiche Bezahlung für beide Geschlechter könne man "keine Sympathiepunkte sammeln, ohne tiefer einzusteigen", diese Erfahrung hat Birgit Singer-Grimm, 2. Bürgermeisterin Kümmersbrucks, gemacht.

In dem Krankenhaus, in dem sie Personalreferentin ist, spiele bei Einstellungen das Geschlecht keine Rolle - dank Richtlinien, die einem Tarifvertrag entsprechen. Bei außertariflichen Stellen werde es allerdings schon schwieriger. Dass Frauen immer noch bis zu 20 Prozent weniger verdienen als Männer, hält Singer-Grimm für "ein absolutes No-Go, das wir uns im 21. Jahrhundert nicht erlauben dürfen". Das will die Bürgermeisterin nicht als Vorwurf an die Männer verstehen. Sie sieht die Gesellschaft insgesamt in der Pflicht, aber auch die Frauen selbst. Diese müssten viel "forscher, selbstbewusster auftreten", denn sie seien zum Beispiel "bei Gehaltsverhandlungen viel zu zurückhaltend".

Bezeichnend sei in diesem Zusammenhang, dass weibliche Teilnehmer, vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung nach ihrer Vorstellung eines gerechten Lohns befragt, um 25 Prozent niedrigere Summen nannten als Männer. "So lange wir unseren Wert selber so einschätzen, wird sich nichts ändern", ist Singer-Grimm überzeugt.

Wichtige Kinder-Jahre


Ihre Ammerthaler Kollegin Alexandra Sitter berichtete, sie selbst habe das Glück gehabt, zu Hause bleiben zu können, bis ihr Sohn acht Jahre alt war. In ihrer Gemeinde gebe es "eine tolle Krippe". Trotzdem beneide sie viele Frauen nicht, die darauf angewiesen seien: Gerade diese frühen Jahre "sind so unschätzbar schön", dass sie selbst sehr froh gewesen sei, diese Zeit mit ihrem Nachwuchs gehabt zu haben. Nicht nur, wer der Kinder wegen eine Zeit lang zu Hause bleibe, habe es schwer, meinte Brigitte Netta: Auch die Reduzierung von Arbeitszeit bringe Karriere-Einschränkungen mit sich.

Vorbild Skandinavien


Netta denkt bei diesem Thema auch an die Pflege von Angehörigen oder auch einfach an "Zeit zum Miteinander-Leben".

Die skandinavischen Länder seien auf diesem Gebiet vorbildlich, auch bei der Möglichkeit des Home Office, also des Arbeitens von zu Hause aus. Deutschland brauche hier noch viel mehr Vielfalt und auch "den Mut, querzudenken".

Frauen im Beruf: Persönliche ErfahrungenBrigitte Bachmann, stellvertretende Landrätin und Birgland-Bürgermeisterin, hat als Speditionskauffrau nur deshalb gut verdient, weil sie nach Hamburg ging und viele Fortbildungen machte. Als sie dann ins Birgland zog, hatte sie Mühe, überhaupt Arbeit zu finden - "weil ich im familienfähigen Alter war".

Dass sie dadurch "so runterfallen würde", hätte sie nicht gedacht: Das habe sie sehr getroffen. Deshalb ist es ihr auch "ganz wichtig", das ihre beiden Töchter "ihr Auskommen haben, auf eigenen Beinen stehen, denn ich habe lange darunter gelitten". Dennoch hat sie es nie bereut, ihre Kinder zu Hause erzogen zu haben: Diese Zeit sei einfach unbezahlbar. Allerdings fand sie sich danach beruflich "in einer ganz neuen Welt" wieder, in der plötzlich der Computer die zentrale Rolle spielte. "Der Karriereknick war schon da." Als Bürgermeisterin ist sie nun "am Ziel meiner Träume angekommen". Alexandra Sitter geht es genauso - trotz des durch den Wasserstreit vergifteten Klimas in ihrem Gemeinderat. Sie habe als Bürgermeisterin auf jeden Fall "viel gelernt".

Aber auch eingebüßt - weil sie im Gegensatz zu vielen männlichen Amtskollegen ehrenamtlich arbeitet und entsprechend weniger verdient. "Da lacht mich jede Erzieherin aus." Sitters Fazit: "Wir Frauen brauchen noch mehr Ausdauer, um uns durchzusetzen." Sich in ihrem Job zu behaupten, sei hart: "Ich glaube nicht, dass man es Männern so schwer machen würde."

Brigitte Bachmann kennt aber auch Frauen, die im Beruf richtig "reingrätschen": Neid und Eifersucht spielten hier oft eine Rolle. "Männer arbeiten anders zusammen, die netzwerken mehr." Lydia Zahner, 2. Bürgermeisterin von Etzlwang, kommt als Bauzeichnerin und -Technikerin aus einem Männerberuf. Ihre Erfahrung: "Der Freistaat zahlt Frauen und Männer gleich." Sie hat aber auch erlebt, dass Männer bei der Stellenbesetzung bevorzugt wurden, mit dem Hinweis: "Die müssen eine Familie ernähren - du nicht."

Evi Höllerer, 3. Bürgermeisterin von Hahnbach, kennt das auch umgekehrt: "Da musste ein Mann gehen, weil seine Kollegin zwei Kinder bekommen hat." Männer hätten es leichter, Karriere zu machen, findet Zahner: "Wenn du als Frau weiterkommen willst, musst du mehr dafür tun." Bei familienfreundlichen Arbeitgebern wie dem von Birgit Singer-Grimm ist vieles möglich, von reduzierten Wochenstunden bis zur Telearbeit: "Das ist machbar, du musst es aber einfordern."

In solche "Frauenberufe" gehen Männer nicht rein - wegen der Bezahlung.Brigitte Netta


So lange wir unseren Wert selber so einschätzen, wird sich nichts ändern.Birgit Singer-Grimm


Frauen verdienen immer noch bis zu 20 Prozent weniger als Männer: Das ist ein absolutes No-Go, das wir uns im 21. Jahrhundert nicht erlauben dürfen.Birgit Singer-Grimm

Wenn die Farbe egal ist

Angemerkt von Heike Unger

Um die unsägliche Quote ging es nicht. Gott sei Dank. Die kann man nämlich - selbst als Betroffene - aus gutem Grund auch rigoros ablehnen. Dagegen fällt die Zustimmung zur Forderung "gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit" sogar der überzeugten Nicht-Quotenfrau leicht.

Wobei das eigentlich Bemerkenswerte beim Bürgermeisterinnen-Treffen das harmonische Miteinander war - quer durch den Parteien-Garten: Da saßen tatsächlich Rote, Schwarze und Sonstfarbige zusammen, um gemeinsam etwas voranzubringen.

Für einige in der Runde ist das, wie sie versicherten, in ihrem politischen Alltag ganz normal. Glückwunsch! Denn in vielen Parlamenten ist das fast unvorstellbar. Man denke nur an das Asylbewerber-Hickhack in der Großen Koalition oder an den Ton in manchem Gemeinderat. Und zwar nicht nur in Ammerthal.

In solchen Wahlgremien scheint es zuweilen vor allem darum zu gehen, dem politisch Andersfarbigen eins mitzugeben: Ja nicht den Anschein erwecken, die andere Partei könnte auch eine gute Idee haben! Die müsste man sonst ja womöglich gemeinsam weiterverfolgen. Zum Wohle alle Bürger. Dass es eigentlich genau darum geht, verlieren manche Mandatsträger aus den Augen. Weil sie auf die nächste Wahl schielen. Deshalb streiten sie sich lieber um das Urheberrecht an einer Idee. Man muss ja punkten beim Wähler. Den das ewige Gezänk längst zum Politiker-Verdrossenen gemacht hat.

Vielleicht täte manchem dieser Streithansln die Teilnahme an einem der nächsten Bürgermeisterinnen-Treffen gut. Da könnten sie noch was lernen. Egal, in welcher Farbe. Und ganz ohne Quote.

Linktipp:
Equal Pay Day
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