31-Jähriger lässt 377000 Euro, die er für Autokäufe erhielt, in Aserbaidschan verschwinden
Das Euro-Grab in Vorderasien

Symbolbild: dpa

Die visuelle Tagesreise im Landgericht führte in ferne Länder: Dänemark, Türkei, Serbien und Bulgarien. Zum Schluss gar Aserbaidschan. Ein Kriminalfall von internationaler Tragweite musste abgeurteilt werden. Ungewöhnlich, teils erheiternd, mitunter aber auch tragisch.

Amberg-Sulzbach. Vorhang auf: An die Rampe traten drei Männer als Hauptprotagonisten. Ein um viel Geld gebrachter Autohändler (50) aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach, ein Fahrzeugvermittler (35) aus der Nähe von Nürnberg und ein in Mittelfranken ansässiger Kartonfalzer. Die beiden Erstgenannten als Zeugen, der andere auf der Anklagebank. 31 Jahre alt, dreifacher Familienvater und quasi im Mittelpunkt des Geschehens.

Der Kartonfalzer, so erfuhr man, besaß eine Kleinfirma. Sie warf eher schlecht als recht Gewinne ab. Der gebürtige Türke aber bekam plötzlich eine Art Glückssträhne. Sie nahte 2013 in Gestalt eines Freundes, der spezielle Kontakte im Fahrzeughandel besaß und sich mit einem Anliegen an ihn wandte. Genauer: Der Vermittler hatte keine eigene Steuernummer und wollte, dass größere eingehende Geldbeträge über das GmbH-Firmenkonto des Kartonfalzers laufen sollten. Der willigte ein. Und so begann die internationale Wanderung von unerhört viel Knete.

Der Fahrzeugvermittler hatte günstige Angebote eines dänischen Unternehmens. Die Skandinavier wollten sogenannte Re-Importe liefern. Nun kam der Autohändler aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach ins Spiel. Er interessierte sich dafür, buchte zunächst acht neuwertige Audi A4 und zahlte 214 000 Euro auf das Konto des Kartonfalzers, den er gar nicht kannte und jetzt im Gerichtssaal erstmals sah. Der gebürtige Türke nahm sich ungenehmigt 20 000 Euro und schickte den Rest nach Dänemark. So kamen statt der acht nur sieben Audi A4 in die Oberpfalz. Das sorgte für Irritationen.

Der Deal aber lief trotzdem weiter. Nicht lange darauf ging es um 16 Audi A4- und A6-Modelle, die aus Dänemark in die Oberpfalz kommen sollten. Dafür wurden 377 600 Euro fällig. Der Händler bekam Geld von seiner Bank und überwies den sechsstelligen Betrag erneut auf das Konto des 31-jährigen Türken. Danach begann das große Warten. Vergeblich. Die Limousinen blieben in Dänemark. Denn dort traf kein Cent ein.

Alles nach Aserbaidschan


Was geschehen war, schilderte der 31-Jährige in seinem Geständnis vor der Ersten Strafkammer. Noch nie mit so viel Geld auf seinem Konto konfrontiert, räumte er alles ab. "Was passierte damit?", fragte die Kammervorsitzende Roswitha Stöber. Plötzlich kam die Rede auf Aserbaidschan und auf Bekannte, die der Kleinunternehmer dort hatte. Sie gaukelten vor, neuwertige Lkw-Ersatzteile aus Deutschland zu importieren und offerierten bei Beteiligung ein Millionengeschäft. Da wanderte die eigentlich zur Überweisung nach Dänemark gedachte Summe teilweise in bar und zum Teil auch über eine Bankverbindung in die aserbaidschanische Metropole Baku. Dort verschwand alles spurlos. Wie im Refrain eines Ulk-Songs der EAV: "Aberi, Kadaberi - und fort war'n sie."

Das ließ den 31-Jährigen nach eigenen Angaben nicht ruhen. Er will mehrfach die lange Reise nach Vorderasien angetreten und die Urheber der für ihn fatalen Finanzkatastrophe wie im Heuhaufen gesucht haben. Erst zusammen mit dem allein schon wegen seiner Reputation zürnenden Autovermittler, dann mehrere Monate lang allein. Erfolglos allerdings.

Am 11. Dezember vergangenen Jahres wollte das Landgericht schon einmal in dieser Sache verhandeln. Damals grüßte der Angeklagte höflich aus Aserbaidschan und ließ übermitteln: "Ich suche das Geld." Daraufhin gab es einen internationalen Haftbefehl. Der wurde vollzogen, als der Mann heuer im August an der bulgarisch-türkischen Grenze auftauchte. Seither saß er hinter Gittern. Dort bleibt er auch.

Vier Jahre Haft


Die Strafkammer schickte den 31-Jährigen wegen eines schweren Falls der Untreue für vier Jahre in Haft. Sechs Jahre hatte zuvor Oberstaatsanwalt Dr. Thomas Strohmeier beantragt und von "erheblicher krimineller Energie" gesprochen. Verteidiger Wolfgang Pasch hielt drei Jahre für ausreichend. So endete die Geschichte vom Betrüger, der selbst zum Betrogenen wurde. Für den Autohändler aus dem Kreis Amberg-Sulzbach hatte die ganze Sache fatale Konsequenzen: Er schlitterte in die Insolvenz. Obgleich er Partner in einem Geschäft wurde, das rechtlich nicht zu beanstanden war.

Amberg-Sulzbach. Murat Dubajev ist Richter im aserbaidschanischen Baku. Er trat in seinen Sitzungssaal und fand ihn leer. Dabei hätte es in einer Zivilklage um knapp 400 000 Euro gehen sollen, die ein Kleinunternehmer aus Mittelfranken von zwei Männern einforderte. Doch weder der Kläger noch die Beklagten erschienen. Daraufhin schloss Dubajev die Akten und ließ in einer Notiz niederschreiben: "Es konnte nicht verhandelt werden."

Kein Anwalt


Weshalb blieb der 31-Jährige aus Mittelfranken damals dem Prozess fern, obwohl er angeblich das von ihm ergaunerte Geld direkt vor Ort suchte? Warum erhob er Klage in Aserbaidschan? Sein Argument, als nun in Amberg die Erste Strafkammer des Landgerichts über den Fall zu befinden hatte: "Mein Anwalt dort hat mich im Stich gelassen." Zurück blieben Ungereimtheiten: Weshalb ging er nicht allein hin, wenn ihm die Suche nach den in dunklen Kanälen verschwundenen Geldbeträgen ein Anliegen war? Hielt sich der Mann tatsächlich in Vorderasien auf, um persönlich zu fahnden?

Murat Dubajev hat den Vorgang längst geschlossen. Sein Kurzprotokoll lag der Ersten Strafkammer vor. Ein Reim darauf ließ sich nicht machen. Aber es blieb der Verdacht, dass 377 000 Euro womöglich doch noch irgendwo gebunkert sind. Das Gegenteil ist nach Lage der Dinge nicht beweisbar.

Merkwürdig bei alledem: Offiziell ist nie Strafanzeige bei der Polizei in Baku erstattet worden.

Ich suche das Geld.Der Angeklagte erklärt, warum er in Aserbaidschan und nicht bei der Verhandlung ist
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