Angeklagter beteuert:
"Ich hatte es wirklich nicht eilig"

Das hat jeder Kraftfahrer schon mal erlebt: Flüssiger Verkehr auf der Autobahn, bis plötzlich von hinten ein "Sprinter"-Lieferwagen naht, der auf Biegen und Brechen die Überholspur beansprucht. Daraus entstehen mitunter hoch gefährliche Situationen.

Amberg-Sulzbach. Der Mann aus Frankfurt war Dachdecker, wurde berufsunfähig und bekam einen Vollzeitjob als Kraftfahrer. Der Auftrag für den heute 59-Jährigen: Mehrfach in der Woche eine Tour vom Main an die Moldau. Zeitschriftenlieferungen nach Prag, auf der Rückfahrt Fracht in Klatovy (Klattau) abholen und nach Frankfurt bringen. Mit 1200 Euro nicht eben gut bezahlt. Aber eine sichere Stellung. Nun drohte sie zu kippen und damit ein Fall in die Erwerbslosigkeit.

"Ich hatte es wirklich nicht eilig", versicherte der Mann jetzt der 3. Strafkammer beim Landgericht. Doch irgendwie sollte es wohl doch flott vorangehen. Auf der A6 im Bereich von Illschwang fuhr der 59-Jährige mit seinem "Sprinter" dicht an ein Auto heran, das mit Tempo 120 auf der Überholspur unterwegs war. Weil der Fahrer nicht sofort die Fahrbahn räumte, startete der 59-Jährige ein waghalsiges Manöver.

Er überholte rechts, scherte sofort wieder auf die Überholspur ein und sorgte dafür, dass der Autofahrer samt seiner mit ihm im Wagen sitzenden Familie nach rechts ziehen musste und erst auf dem Standstreifen zum Stehen kam. Die Staatsanwaltschaft stufte das als Straßenverkehrsgefährung ein, holte den Mann aus Hessen vor das Amtsgericht und bekam dort ein Urteil, das wie von ihr beantragt ausfiel: 1200 Euro Geldstrafe und sechs Monate Führerscheinentzug. Diese Ahndung hätte aber, wie sich jetzt in der Berufungsinstanz zeigte, die berufliche Existenz des Berufskraftfahrers zerstört. Denn der Arbeitgeber stellte eine Entlassung in Aussicht.

Darum ging es jetzt vor der 3. Strafkammer des Landgerichts. Der Schuldspruch aus erster Instanz war unbestritten. Zur Debatte stand nur der halbjährige Führerscheinentzug. "Man kann ihn auf drei Monate verringern", sagte Staatsanwalt Tobias Kinzler in seinem Plädoyer. Doch auch in diesem Fall wäre der 59-jährige Mann seinen Job los gewesen. Während der Verhandlung stellte sich heraus: Er hatte noch nie, auch nicht verkehrsrechtlich, eine Vorstrafe erhalten.

Die Kammer unter Vorsitz von Richter Gerd Dreßler zeigte sich gnädig. Sie verhängte 1200 Euro Geldstrafe und außerdem einen Monat Fahrverbot. Nun kann der Hesse den Führerschein während seines Jahresurlaubs abgeben und behält damit seine Stelle. "Was da auf der Autobahn passiert ist, war übel", ließ Richter Dreßler erkennen. Andererseits aber sei zu berücksichtigen gewesen, "dass es sich wohl um einen einmaligen Fehler handelte und der Angeklagte bei einem halben Jahr Führerscheinentzug sicher keine Arbeit mehr gefunden hätte."
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