Flüchtlingskinder in Grund- und Mittelschulen
Wo der Ernst des Lebens aufhört

Kuscheln kann manchmal wichtiger sein als lernen. Viele Flüchtlingskinder - auf dem Bild ein albanischer Junge - müssten zwar vom Alter her schon in die 1. Klasse, gelten aber als noch nicht schulreif. Das Schulamt darf jetzt für sie in einer Art Pilotprojekt einen Vorkurs einrichten, der ihnen beibringt, was man als Erstklässler können muss - vom Schneiden mit der Schere bis hin zum ruhig Sitzen. Bild: Hartl
 
Die Kinder haben da ohnehin das geringste Problem. Wenn da jemand Probleme hat, sind es in der Regel eher die Eltern.
 
Das ist schon eine wichtige Aufgabe, aber wir vergessen darüber nicht die einheimischen Kinder, die auch eine Förderung brauchen.

Für die einheimischen Kinder beginnt mit der Schule der "Ernst des Lebens". Flüchtlingskinder haben, wenn sie zum ersten Mal die Schwelle eines deutschen Klassenzimmers überschreiten, oft schon Erfahrungen hinter sich, die weit mehr als ernst waren.

Das ist aber nicht der einzige Grund, warum der Zustrom an Flüchtlingskindern die Grund- und Mittelschulen verändern wird. Die AZ sprach darüber mit Peter Junge, dem fachlichen Leiter der Staatlichen Schulämter für Amberg und Amberg-Sulzbach, sowie seinem Stellvertreter Heinrich Koch.

Bei Flüchtlingskindern herrscht vermutlich ein ständiges Kommen und Gehen. Können Sie tagesaktuell sagen, wie viele im Schulamtsbezirk unterrichtet werden?

Peter Junge: Kollege Koch als zuständiger Schulrat hat sich dazu eine Excel-Datei überlegt, mit der wir die Schulen alle 14 Tage abfragen. In diesem Rhythmus haben wir also einen aktuellen Stand, sowohl für die Übergangsklassen als auch insgesamt.

Und wie sieht der für heute aus?

Heinrich Koch: Wir haben neun Übergangsklassen. Vier in der Grundschule, fünf in der Mittelschule. Zuletzt haben wir eine weitere an der Luitpold-Mittelschule aufgemacht, weil wir einen großen Andrang neuer Kinder hatten. Am 1. Oktober haben wir mit 118 Kindern in den Übergangsklassen begonnen, jetzt sind es 134. Bei den Flüchtlingskindern insgesamt hatten wir seit Oktober 73 Zugänge und 46 Abgänge.

Und die Gesamtzahl?

Koch: Die exakte Anzahl der Flüchtlingskinder kann man schlecht sagen, weil unser System da die Antwort "mit Migrationshintergrund" gibt, und dazu zählen etwa auch Kinder mit russischen Wurzeln ...

Junge: ... oder mit französischen oder kanadischen.

Sind die Übergangsklassen die einzige Reaktion auf den Zustrom von Flüchtlingskindern?

Koch: Nein, wir haben auch Deutsch-Förderklassen eingerichtet, vier in Grundschulen in Amberg, eine in der Krötensee-Mittelschule in Sulzbach-Rosenberg. Die sind für Kinder, die länger da sind. Wir haben dort also keine so hohe Fluktuation wie in den Übergangsklassen. Der Schwerpunkt wird dabei neben der sprachlichen Förderung auf die Integration gelegt.

Ist absehbar, ob die Anzahl der Übergangsklassen weiter steigt?

Junge: Das müssen wir davon abhängig machen, wie viele Kinder noch kommen. Und die Voraussetzung ist, dass wir dann auch Personal bekommen. Bisher hat das geklappt, und es ist uns auch weiteres Personal in Aussicht gestellt worden. Das ist zwar erst in Planung, aber es könnte um Kinder zwischen sechs und sieben Jahren gehen, die nicht mehr in den Kindergarten gehen, aber auch noch nicht schulreif sind. Das wäre so eine Art Vorkurs. Da müssen wir aber erst schauen, wie man das an eine Schule angliedert, denn eine richtige Ü-Klasse kann es nicht werden, weil es keine Klassenstruktur hat.

Koch: Das sind Kinder, die zwar vom Alter her schulpflichtig wären, aber noch keine Chance bekommen haben, in eine Schule zu gehen. Da geht es um grundlegende Dinge: etwas schneiden können, etwas kleben können, sich mal eine halbe Stunde wo hinsetzen. Das konnten sie noch nicht lernen. Die Schulen sagen: Wir tun uns sehr schwer mit diesen Kindern. Die Kindergärten sagen: Wir können niemand mehr aufnehmen. Wir haben schon etliche Anrufe bekommen: Was soll ich mit diesen Kindern machen? Die Regierung hat uns jetzt freie Hand gegeben, wir können das einrichten. Das gibt es bisher noch nicht, wir probieren es einfach mal aus.

Wenn man viele dieser Kinder in die Regelklassen aufnimmt, befürchten möglicherweise einige Eltern, dass es dadurch für ihre Kinder mit dem Stoff nicht schnell genug vorwärts geht.

Junge: An uns sind solche Beschwerden nicht herangetragen worden. Wir haben Flüchtlingskinder in den Regelklassen. Das schultern die Kollegen sehr professionell durch verstärkte Differenzierung, soweit es geht. Da hat aus unserer Sicht kein Kind Nachteile, weil sich der Lehrer mit den Flüchtlingskindern besonders intensiv beschäftigen muss. Aber eine Herausforderung ist es natürlich.

Koch: Es gibt vielfältige Systeme, mit denen Flüchtlingskinder gefördert werden können. Je nach individueller Biografie oder Traumatisierung brauche ich da professionelle Hilfe und zusätzliches geschultes Personal.

... das Sie auch kriegen?

Junge: Uns ist zugesagt worden, wenn noch Bedarf wäre, könnten wir es noch bekommen.

Bisher sind Ihre Anforderungen erfüllt worden?

Junge: Ja, jüngstes Beispiel ist die weitere Übergangsklasse an der Luitpoldschule. Einen Tag nach dem Gespräch mit der Regierung kam schon die Zusage, dass wir einen Kollegen bekommen, um dort die vorgesehene Lehrerin einsetzen zu können.

Haben Sie für die Flüchtlingskinder mehr Stunden von Schulpsychologen, Sozialpädagogen oder Ähnlichem bekommen?

Koch: Im Oktober hatten wir da etwa 175 Stunden für ausländische Kinder. Zum Vergleich: Für ganztags haben wir 350 Stunden. Das ist schon eine wichtige Aufgabe, aber wir vergessen darüber nicht die einheimischen Kinder, die auch eine Förderung brauchen. Das Bemühen um die Flüchtlinge geht nicht zulasten dieser Kinder, sondern ist ein Extra-Etat, den wir zusätzlich haben.

Wie läuft denn die Übergangsklasse in Ganztagsform?

Koch: Ganztags hat für die Flüchtlingskinder den großen Vorteil, dass sie mehr Zeit zum Lernen haben, in Bezug auf Sprache, aber auch beim gemeinsamen Essen oder beim musischen Angebot. Diese gemeinsame Lernzeit im deutschen Sprachraum - bis 16 Uhr - ist viel wert.

Manchmal hört man, dass sich muslimische Flüchtlingsbuben von Frauen nichts sagen lassen, was zu einem Autoritätsverfall der Lehrerinnen führe.

Koch: An einer Schule gab es Schwierigkeiten wegen unterschiedlicher Religionen. Die haben dann ein Gespräch mit den Eltern geführt, auch den Schulpsychologen eingeschaltet.

Junge: Die Kinder haben da ohnehin das geringste Problem. Wenn da jemand Probleme hat, sind es in der Regel eher die Eltern.

Koch: Man muss auch sagen, dass bei den Lehrkräften in den Übergangsklassen sehr viel Herzblut mit dabei ist. Die Kinder erfahren Zuwendung; die versuchen, ihnen mit ein Heim zu geben.

Ein anderes Gerücht: In Auerbach soll die Polizei die Mittelschule abgesperrt und eine Razzia durchgeführt haben, weil die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die in der Schule sind, angeblich Rauschgift verkaufen.

Koch: Das geht vermutlich auf etwas anderes zurück: Ein jugendlicher Flüchtling, der nicht mehr schulpflichtig ist, hat sich geweigert, das Schulgelände zu verlassen. Deshalb kam die Polizei. An den anderen vier Schulen, die Übergangsklassen haben, war in diesem Zusammenhang noch nie was mit der Polizei.

Junge: In Auerbach ist der Junge aufgefordert worden, das Schulgelände zu verlassen. Dem ist er nicht nachgekommen. Dann hat man nur die Chance, die Polizei zu informieren. Er hat also einen Platzverweis bekommen, ist aber am nächsten Tag wiedergekommen, hat auch auf dem Schulgelände geraucht. Der Schulleiter hat noch einmal versucht, mit ihm zu reden. Das hat nichts gebracht. Darauf bekam der Junge einen schriftlichen Platzverweis, in Englisch und Deutsch. Als er mit den anderen Schülern wieder ins Gebäude rein wollte, musste die Schulleitung einschreiten und die Polizei informieren. Das war alles, von Drogen haben wir da gar nichts gehört.

Was macht die Schule, wenn Flüchtlingskinder unentschuldigt nicht zum Unterricht kommen?

Junge: Da haben wir einen runden Tisch gehabt, mit Polizei, Jugendamt, Stadt Amberg und weiteren Betroffenen. Da gibt es jetzt einen Verfahrenskatalog, wie man handelt. Man will ja nicht immer gleich die Polizei schicken, aber die hat gesagt: Natürlich müsst ihr uns informieren. Wir fahren vorbei und klären das. Einfach zur Sicherheit auch der Kinder.

Wir sehen den Flüchtlingszustrom sehr stark unter dem Blickwinkel einer Belastung für die Schulen. Er hat aber womöglich auch positive Aspekte: Kinder lernen Weltoffenheit, können im Unterricht aus erster Hand von anderen Kulturen, Ländern oder Religionen hören.

Koch: Grundsätzlich stehen die Schulen den Kindern mit anderen Kulturen positiv gegenüber. Kinder, die nicht Deutsch gesprochen haben, hat es ja schon immer gegeben, in der Stadt mehr als auf dem Land, ob das nun türkische oder italienische Kinder waren. Das ist nichts Neues.

Aber jetzt in einer neuen Qualität.

Koch: Die Schulen sind offen für gemeinsame Unternehmungen von Übergangs- und Regelklassen. Das geht dort, wo die Sprache nicht die übergeordnete Rolle spielt, etwa beim Sport. Oder in Freihung, da haben sie miteinander Plätzchen gebacken. Ein Schulleiter hat mir geschrieben: Unsere Kinder erfahren plötzlich, dass es Kinder gibt, die wesentlich schlechter dran sind als sie, die sehr viele negative Erfahrungen gemacht haben, etwa auf Flüchtlingsbooten. Die Schulen sehen, dass Flüchtlingskinder eine Bereicherung sind. Das heißt nicht, dass wir unsere abendländisch-christliche Kultur aufgeben. Das wollen wir nicht. Ich sag es mal demonstrativ: Es muss den Nikolaus weiterhin geben.

Junge: Die positiven Einflüsse für einheimische Kinder werden sich noch verstärken, wenn die Flüchtlingskinder sich so weit auf Deutsch ausdrücken können, dass sie sich im Privaten austauschen. Das wird eine Bereicherung sein. Die Schule muss diese positiven Ansätze nutzen, wo es im Unterricht möglich ist.
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