Frauen im Rettungsdienst: In zahlreichen Situationen wichtig für Notfall-Patienten
Und schuld waren die Männer

Keine Angst vor großen Autos: Sandra Diertl aus Auerbach, Christina Klaus und Katharina Fertsch aus Haselmühl (von links) sind gerne aktiv bei der Feuerwehr. Bild: Sandig
 
Die Rettungsassistentinnen Joanna Sladki (links) und Stephanie Schachtel (rechts) finden, dass ihr Beruf der schönste auf der Welt ist. Christina Weiß (Mitte), die derzeit eine Ausbildung zur Notfallsanitäterin macht, pflichtet ihren BRK-Kolleginnen bei. Von den knapp 30 hauptamtlichen Mitarbeitern der Rettungswache in Sulzbach-Rosenberg sind zehn Frauen, darunter drei Auszubildende und eine, die den Bundesfreiwilligendienst absolviert. Im ehrenamtlichen Bereich engagieren sich außerdem sechs Rettungssanit
 
Zeigt her Eure Füße: Stöckelschuh und Sicherheitsstiefel - aber natürlich nur für den Fototermin. Bild: Sandig

Kuchen backen für das Sommerfest. Oder mit dem großen Bruder mal mitgehen. Und schwupp - schon ist man aktiv bei der Feuerwehr. Drei Frauen sind durch Zufall dazugekommen - bereut haben sie es nicht. Zum Weltfrauentag am Dienstag machen sie anderen Frauen Mut, es ihnen gleich zu tun: "Es gibt nichts, was man nicht lernen könnte."

Amberg-Sulzbach. Wer sich mit Christina Klaus (24), Vorsitzende der Feuerwehr Vilseck, Katharina Fertsch (23), Jugendwartin der Feuerwehr Haselmühl, und Sandra Diertl (31), stellvertretende Vorsitzende der Auerbacher Wehr, unterhält, merkt eines sogleich: Den Frauen macht es Spaß, sich zu engagieren. Dass sie den Weg in die Feuerwehr gefunden haben, bereuen sie nicht.

Christina Klaus war einst durch einen Freund zu der Hilfsorganisation gekommen - und übers Kuchenbacken fürs Feuerwehrfest. Später übernahm sie das Amt des Gerätewarts. "Und schwuppdiwupp war ich auch schon Vorsitzende", sagt sie lachend. Katharina Fertsch war zwölf Jahre alt, als ihr großer Bruder sie mal mit zur Feuerwehr nahm. Sie trat der Jugendfeuerwehr bei und durchlief die Ausbildung. "Ich bin auch über die Jugendfeuerwehr dazu gekommen, mit 16", sagt Sandra Diertl. Die drei Frauen müssen plötzlich lachen. Ihnen fällt gerade was auf: "Eigentlich waren die Männer schuld, dass wir jetzt dabei sind."

Lernen müssen sie es alle


Sie alle mögen das Miteinander bei der Feuerwehr. "Wir sind eine große Gemeinschaft", sagt Christina Klaus. Die Damen schätzen den Zusammenhalt. Auch Freundschaften seien dadurch entstanden. Alle drei betonen, dass sie sofort gut aufgenommen worden sind. Alles, was man können muss, haben sie von der Pike auf gelernt - genauso wie damals die Jungs in der Jugendfeuerwehr. "Da wächst man rein", erklärt Katharina Fertsch. Sie selbst ist Atemschutzgeräteträgerin, ihre Ausrüstung wiegt 20 bis 25 Kilo. Auch dies sei eine Sache von Ausbildung und Training. "Daran gewöhnt man sich."

Als Feuerwehrfrau im aktiven Dienst hat man einmal pro Monat eine Übung. "Ist man Maschinist, hat man sechs weitere pro Jahr", erzählt Sandra Diertl aus dem Alltag in ihrer Feuerwehr. Wer sich im Vorstand engagiert, nimmt noch an rund sieben Sitzungen im Jahr teil. "Dann kommen noch die Einsätze hinzu", berichtet die 31-Jährige. "Bei uns sind es rund 100 im Jahr." Sie findet es schön, bei der Feuerwehr zu sein. "Du kannst im Notfall helfen, du siehst einen Sinn deines Tuns, nämlich dass es für was gut ist." Ob Mann oder Frau, das spielt laut Katharina Fertsch aus Haselmühl keine Rolle: "Man ist ein ganzes Team." Die drei Damen ermuntern Frauen, zur Feuerwehr zu gehen. "Man muss sich was trauen", ist die 23-Jährige überzeugt. Denn: "Es gibt nichts, was man nicht lernen könnte." Christina Klaus sieht es ähnlich: "Man wächst ja auch mit den Aufgaben."

Abwechselnd ausrücken


Die drei Frauen kennen Situationen, wo ihre Kollegen an Grenzen geraten: "Nicht jeder steigt auf eine Feuerwehrleiter, da gibt es auch Männer, die das nicht tun", weiß Sandra Diertl. Manche Einsätze sind belastend, für Männer wie Frauen gleichermaßen. "Wir fahren danach ins Gerätehaus und besprechen den Einsatz nach", erläutert Katharina Fertsch. Das sei hilfreich. "Wenn du bei einem Unfall bist, arbeitest du nacheinander ab, was zu tun ist, das Nachdenken kommt später", ergänzt Sandra Diertl. Gleichberechtigung herrscht auch bei (Ehe-)Paaren, die sich durch die Feuerwehr gefunden haben. Da kann es durchaus vorkommen, dass die Frau ausrückt und der Mann daheim bei den Kindern bleibt. Oder man abwechselnd ausrückt. "Da herrscht wirklich Gleichberechtigung", sagt Christina Klaus.

Der Freundeskreis der drei Frauen hat sich an vieles gewöhnt - dass sie von einer Geburtstagsfeier zum Brand ausrücken, dass die Gastgeberin während des Mädels-Frühstücks verschwindet, weil der Funkwecker losgeht. "Viele finden es gut, dass wir das machen", schildert Katharina Fertsch ihre Erfahrung.

Amberg-Sulzbach. Seit 16 Jahren arbeitet Joanna Sladki beim Rettungdienst, sie gehört zum Team der BRK-Wache in Sulzbach-Rosenberg. Ihr Beruf: Rettungsassistentin. Sie macht ihn ebenso gerne wie ihre Kollegin Stephanie Schachtel, ebenfalls Rettungsassistentin.

Und Christina Weiß findet, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hat: Sie absolviert derzeit eine dreijährige Ausbildung zur Notfallsanitäterin. "Es macht wahnsinnig viel Spaß", urteilt Stephanie Schachtel über ihre Arbeit. Abwechslungsreich sei die Tätigkeit, fügt Christina Weiß hinzu. "Es ist einer von wenigen Berufen, die so breit gefächert sind in ihren Aufgaben", sagt Joanna Sladki.

Dass man nie weiß, was einen erwartet, sieht die Rettungsassistentin durchaus als Herausforderung. Sie erinnert sich zurück an ihre Anfänge im Jahr 2000. Zu dieser Zeit war der Rettungsdienst noch eine Männerdomäne. "Ich war als Praktikantin eine der ersten Frauen auf unserer Wache." Ein gängiger Chauvi-Spruch von damals: "Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass Frauen im Rettungsdienst sind, wäre das Blaulicht rosa." Heute ist das anders. Joanna Sladki führt die Bewerbungen an: "Es gibt immer mehr Frauen, die sich für diesen Beruf entscheiden." In manchen Situationen fühlen sich Notfall-Patienten wohler, wenn Frauen kommen. "Bei Kindern ist das so", sagt Christina Weiß. Stephanie Schachtels Erfahrung ist, dass aggressive Männer zurückhaltender sind. "Und den Frauen ist es lieber, wenn wir ihnen das EKG aufkleben", erklärt sie. Joanna Sladki verweist auf Damen aus dem arabischen Raum: "Die würden sich nicht entkleiden, damit ihnen ein Mann das EKG kleben kann."

Der Dienst sei physisch anstrengend und mitunter psychisch belastend. "Aber es gibt so viele Situationen, die uns dafür entschädigen", freut sich Christina Weiß. Wenn ältere Menschen vor Glück weinen, weil ihnen geholfen wurde. Wenn Leute auf die BRK-Wache kommen, um sich zu bedanken. Wenn Kinder für den Rettungsdienst malen und ihre Bilder dann im Flur der Wache aufgehängt werden. Momente wie diese bestärken die drei Frauen, den richtigen Beruf gewählt zu haben.
Hätte der liebe Gott gewollt, dass Frauen beim Rettungsdienst sind, wäre das Blaulicht rosa.Chauvi-Spruch aus der Zeit, als der Rettungsdienst noch eine Männerdomäne war


Ganz schön schwer"Was, zwei Mädels?", entfährt es mitunter Patienten, wenn im Notfall zwei Frauen als Rettungsdienst-Team anrücken. Die Betroffenen oder deren Angehörige sorgen sich nicht, die Damen könnten nicht kompetent genug sein, sondern befürchten eher, sie könnten die Last nicht tragen. Denn: Muss der Betroffene in die Klinik, holen die BRK-Mitarbeiterinnen die Trage, um ihn in den Rettungswagen zu bringen. Allein sie ist 74 Kilo schwer. Hinzu kommt noch das Gewicht des Patienten. Und das können durchaus mal 140 Kilo sein.

"Da ist es dann aber egal, ob man ein Mann oder eine Frau ist", gesteht Joanna Sladki. Die BRK-Rettungsassistentin ist aber auch stolz: "Wir holen selten eine Tragehilfe zur Unterstützung." Dies wäre ein weiteres Rettungsdienst-Team oder die Feuerwehr.

Alles andere als leicht ist die Ausrüstung des Rettungsdienstes: Notfallrucksack (11,2 Kilo), Beatmungsgerät (11,5), EKG mit Defibrillator (14) und Absauger (5,3). Macht in der Summe 42 Kilo. Die Frauen schleppen das mitunter mehrmals in ihrer 12-Stunden-Schicht, je nachdem wie oft sie ausrücken. Nicht jeder Einsatzort ist ebenerdig erreichbar. "Viele Stufen, enge Treppenhäuser, manchmal richtige Hühnerleitern", zählt Christina Weiß auf, die zur Notfallsanitäterin ausgebildet wird. "Oder unwegsames Gelände", ergänzt Rettungsassistentin Stephanie Schachtel. "Die Frage, ob wir das überhaupt alles schleppen können, hören wir mehrmals am Tag", sagt sie. Aber das nehmen die drei Damen längst mit Humor. (san)

"Es kommen mehr Mädchen nach"

Amberg-Sulzbach. (san) Im Kreisfeuerwehrverband Amberg-Sulzbach engagieren sich 4858 Aktive. 479 davon sind weiblich - Tendenz steigend. "Es kommen immer mehr Mädchen nach", wissen die drei Feuerwehrfrauen Christina Klaus aus Vilseck, Katharina Fertsch aus Haselmühl und Sanddra Diertl aus Auerbach. Mit 18 Jahren wechselten die drei jeweils in die aktive Wehr - und rückten zu Einsätzen aus. "Da willst du dann auch mitfahren, nicht nur üben", sagt Sandra Diertl. "Das steht außer Frage."

Doch für einige ihrer einstigen Mitstreiterinnen war nach der Jugendfeuerwehr auch schon wieder Schluss mit dem freiwilligen Dienst. Ausbildung, Studium, Heirat, Wohnungswechsel oder Elternzeit: Die Gründe sind vielfältig und persönlicher Natur. Christina Klaus, Katharina Fertsch und Sandra Diertl würden sich über Quereinsteigerinnen in der Feuerwehr freuen. Dies könnten Hausfrauen sein, deren Nachwuchs in Kindergarten oder Schule ist und die tagsüber ausrücken könnten.

Teamwork und Freundschaften

Amberg-Sulzbach. (san) Sie haben 12-Stunden-Schichten, arbeiten an Wochenenden genauso wie an Feiertagen, sind Ostern im Dienst, aber auch an Weihnachten oder Neujahr: All das macht den Rettungsassistentinnen Joanna Sladki und Stephanie Schachtel sowie Christina Weiß, Auszubildende zur Notfallsanitäterin, nichts aus. Der Rettungsdienst habe eben auch seine Vorteile. Zum Beispiel, dass man ein paar Tage am Stück arbeitet, dann wieder länger frei hat. Keine der drei Frauen kann sich vorstellen, einen Bürojob zu haben. "Ich bereue keine einzige Minute", sagt Joanna Sladki über ihre nunmehr 16-jährige Tätigkeit beim BRK in Sulzbach-Rosenberg.

Die Damen schätzen das gute Klima auf der Rettungswache. Man verbringt viel Zeit miteinander, da entstehen auch Freundschaften. "Wir unternehmen viel gemeinsam", freut sich Stephanie Schachtel. "Es ist ein bisschen wie Familien-Ersatz", gesteht Joanna Sladki. "Bei einer 45-Stunden-Woche verbringst du eben mehr Zeit auf der Wache als mit deinen Angehörigen."
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.