Gedanken von Landrat Richard Reisinger zur Lage Asylsuchender
Flüchtlingsströme nicht beachtet

In der Notunterkunft in der Turnhalle der Walter-Höllerer-Realschule in Sulzbach-Rosenberg leben aktuell knapp 140 Menschen, unter ihnen auch mehrere Kinder - hier bei der Essensausgabe. Bild: Gebhardt

Die Weltströme der Flüchtlingsbewegungen kann Landrat Richard Reisinger nicht lenken. Das weiß er auch. Im Gespräch mit unserer Zeitung ließ er sich dennoch in die Karten schauen, wie er zu den Problemen mit Menschen steht, die hier um Asyl nachsuchen. Aus christlicher Grundüberzeugung heraus zählt dies zu seinen sich selbst gesetzten Aufgaben.

Amberg-Sulzbach. Im Landkreis sind zur Monatsmitte annähernd 1200 Flüchtlinge untergebracht: 955 dezentral und in Gemeinschaftsunterkünften, 85 unbegleitete Jugendliche sowie 138 in der Notunterkunft in der Turnhalle der Walter-Höllerer-Realschule in Sulzbach-Rosenberg. Diese soll Ende Januar geräumt werden und danach wieder für den Sportbetrieb zur Verfügung stehen. Ersatz dafür wird derzeit an der Berufsschule in Sulzbach- Rosenberg (Bauhallen) mit einer Kapazität von 140 Plätzen vorbereitet.

Über ganzen Landkreis


Im Gespräch mit unserer Zeitung freute sich Reisinger, die Turnhalle in absehbarer Zeit wieder Schülern und Vereinen zurückgeben zu können. Flüchtlinge seien nahezu flächendeckend über den gesamten Landkreis verteilt. Als "Musterknabe in Sachen Willkommenskultur" bezeichnete er seine Heimatstadt Sulzbach-Rosenberg. Dies komme nicht von ungefähr, schließlich habe deren Bevölkerung nach Kriegsende rund zur Hälfte aus Flüchtlingen bestanden. Auch die Herausforderung von 2500 Spätaussiedlern habe die größte Kreiskommune gemeistert.

"Das läuft schon"


Dass es damals durchaus Probleme gegeben habe, verschwieg Reisinger nicht. Es laufe zwar noch immer die Phase der Integration, allerdings würden bereits erste Früchte geerntet: "Die Stadt profitiert schon davon", egal ob dies an Supermarktkassen, bei Hausmeisterstellen, in der Industrie oder im medizinischen Bereich sei. "Das läuft schon jetzt", ist sich der Landrat sicher, wenngleich Aussiedler mit deutsch-kulturellem Hintergrund nicht mit den heutigen Asylbewerbern zu vergleichen seien.

Wenn nun verschiedentlich über den enormen Zulauf an Flüchtlingen geklagt werde, dann liege das wohl daran, dass man nicht auf eingeweihte Spezialisten und Migrationsforscher hören wollte. "Da nehme ich den Landrat nicht aus", so Reisinger selbstkritisch.

Und er ergänzte: "Die Experten haben lange schon darauf hingewiesen, dass da was in Bewegung ist auf dieser Welt. Und diese Ströme können wir nicht lenken." Vor diesem Hintergrund sei zu beachten, dass sich der afrikanische Kontinent hier überwiegend noch sehr zurückhaltend darstelle.

Lob, Dank, Anerkennung


Dass das Aufkommen in der Region bewältigt wurde, sei vielen Freiwilligen und Ehrenamtlichen zu verdanken. Lob, Dank und Anerkennung sprach Reisinger aber auch seinem Team aus dem Landratsamt aus. "Das sind alles Pragmatiker. Das wäre nichts für Theoretiker", betonte er.

Man habe zwar zu keiner Zeit im rechtsfreien Raum gearbeitet. Oft aber habe es rascher Entscheidungen bedurft, ohne vorher fünfmal prüfen zu können.

Auf den Markt


Schwer abzuschätzen sei, welche der hier lebenden Flüchtlinge in der Region bleiben: "Die hier sind, warten auf die Anerkennung ihres Asylantrags." Wenn jedoch das Bundesamt für Migration auf Touren komme, müssten Hunderttausende aus den Gemeinschaftsunterkünften heraus und strömten auf den Markt der Wohnungs- und Arbeitssuchenden. Die Frage werde dann sein, ob es die große Masse in die Metropolen ziehe oder viele Menschen hier blieben, weil sie sich wohlfühlen.

Einen Hinweis, dass auch Letzteres eintreten könnte, ist für Reisinger die Tatsache, dass von den über 100 Flüchtlingen, die vor einigen Wochen quasi über Nacht aus der Realschul-Halle verschwunden waren, ein Teil nach Sulzbach-Rosenberg zurückgekehrt ist.
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