Glück und Leid nah beieinander
Sie haben wieder einen Enkel

Am Mittwoch lautete die traurige Schlag-zeile der AZ noch: "Vier Enkelkinder ertrunken". Heute heißt sie: Eine neue Enkelin geboren. Die jesidischen Großeltern in Amberg und Kastl, die zusammen mit einem Teil ihrer ebenfalls hier lebenden Kinder die Toten zu beklagen haben, freuten sich in dieser Woche über die Hausgeburt von Yasmin im Kastler Berghof. Opa Yazdin Ali Naemo hält neben Mama Amira und Töchterchen Lara ein Foto des verstorbenen gleichnamigen Enkelkinds Yasmin in die Kamera. Bild: ath

Glück und Leid liegen manchmal nah beieinander: Erst am Mittwoch hat die AZ über zwei jesidische Großelternpaare berichtet, deren vier kleine Enkel auf der Flucht aus dem Nordirak ertrunken sind. Diese Leute freuen sich nun über ein neues Kind, das am Mittwoch geboren wurde - zu Hause in Kastl in der Flüchtlingsunterkunft.

Kastl. Das Baby tritt gewissermaßen an die Stelle der vor rund drei Wochen in der Donau in Bulgarien ertrunkenen Zwei- bis Fünfjährigen. Das drückt auch der Name des Neugeborenen aus. Seine jesidischen Eltern Amira Ferman und Yazdin Ali Naamo haben die Kleine Yasmin getauft. So hieß auch ihre erst vier Jahre alte verstorbene Nichte. Ihr wollte die in Kastl lebende Familie inklusive Großeltern dieses "Denkmal setzen", wie Opa Yazdin Ali Naemo sagt.

Sein fast gleichnamiger Sohn war damit natürlich einverstanden, zumal seine Ehefrau die Tochter des anderen jesidischen Großelternpaars in Amberg ist, das ebenfalls eines der vier Kinder in den Fluten der Donau verloren hat. So sind also beide Seiten, deren schweres Schicksal die AZ erst am Mittwoch dargestellt hatte, noch einmal Großeltern geworden. In ihrer Trauer über die vier ertrunkenen Enkel ist das ein kleiner Lichtblick, sagen sie tapfer.

Sturzgeburt im WC


Tapfer musste auch die Mutter Amira sein. Die 28-Jährige wurde von der Geburt ziemlich überrascht. Sie sollte laut Termin erst um den 10. Oktober herum sein. Doch in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch passierte alles ganz schnell. Amira wollte nach eigener Auskunft gegen 3.45 Uhr eigentlich nur zur Toilette gehen, als die Wehen und fast schon eine Sturzgeburt einsetzten. Die Verwandten wählten den Notruf und schilderten kurz die überraschende Situation, die sie nicht ganz alleine bewältigen wollten.

Die Rettungsleitstelle schickte neben dem Sanka, der aus Amberg anfuhr, auch die Helfer vor Ort in Kastl los. Sie waren innerhalb weniger Minuten als Erste in der ehemaligen Berghof-Gaststätte, die zurzeit als Flüchtlingsheim genutzt wird. Hedwig und Alex Weigert halfen - umringt von etlichen aufgeregten Verwandten - der kleinen Yasmin auf die Welt. Das geschah tatsächlich noch im Badezimmer, weil die 28-Jährige den Weg zurück in ein Bett gar nicht mehr schaffte. Doch Amira, die mit der dreijährigen Lara schon ein Mädchen hat, machte selbst am Fliesenboden liegend tapfer mit, schilderte Hedwig Weigert.

Nach ihrer Auskunft verlief die Geburt ohne Komplikationen, so dass nach nur zehn Minuten Gott sei Dank der berühmte Satz galt: "Mutter und Kind sind wohlauf." Die Helferin vor Ort, die seit zwölf Jahren mit ihrem Ehemann für diesen Noteinsatzdienst tätig ist, kann das beurteilen: Sie arbeitet als Krankenschwester auf der Säuglingsstation im Neumarkter Klinikum.

Premiere für Helfer vor Ort


In dieser Funktion ist sie noch nicht zur Geburtshelferin geworden - diese Premiere verschaffte ihr und ihrem Mann der ehrenamtliche Einsatz als Helfer vor Ort - und Amira und Yasmin. Die beiden kamen zwar noch am Morgen ins Klinikum nach Amberg, wurden dort jedoch schon nach einem Tag als gesund entlassen und sind nun wieder daheim in Kastl. Dort dürfen sie übrigens bald von der Erstaufnahmeeinrichtung im Berghof in eine Wohnung umziehen.
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