Helfer vor Ort und First Responder verkürzen das "therapiefreie Intervall"
Ihr Tempo rettet Leben

In immer mehr Gemeinden des Landkreises stehen solche Teams zur Verfügung: Unser Bild zeigt die Helfer vor Ort in der Gemeinde Ursensollen mit (hinten von links) Stefan Götz, Alexander Streher, Josef Graml, Andreas Färber, Marco Preißler sowie (vorne von links) Vanessa Schmaußer und Corinna Schuster. Bild: brü
 
Die HvO in Kastl sind die älteste Einrichtung ihrer Art. In Schmidmühlen existiert die Helferorganisation erst seit Mai 2016 als Mischform aus HvO und First Responder. In Freudenberg gab es seit 2006 die HvO, die 2015 in eine First-Responder-Gruppe überführt wurden. Im Jahr 2015 leisteten die insgesamt 81 Helfer weit über 1000 Einsätze.
 
"Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand sinkt die Überlebenschance des Patienten pro Minute um zehn Prozent. Wer reanimationsbedürftig ist, ist also nach zehn Minuten schon tot, wenn keiner mit einer Herzdruckmassage beginnt." Zitat: Niklas Obermeier zur Notwendigkeit von schneller Erster Hilfe

Sie alle retten Leben, weil sie bei Unfällen häufig die Ersten sind, die sich um Verletzte kümmern. Doch sie tragen verschiedene Namen. Mal heißen sie Helfer vor Ort (HvO), mal First Responder (FR). Was steckt hinter dieser Unterscheidung?

Amberg-Sulzbach. Die AZ befragte dazu Niklas Obermeier, den Verantwortlichen für die Helfer-vor-Ort-Gruppe Vilseck. Da er auch im Rettungsdienst und der Feuerwehr aktiv ist, erwies sich der 24-Jährige als idealer Ansprechpartner.

Herr Obermeier, was ist denn eigentlich der Unterschied zwischen Helfern vor Ort und First Respondern?

Niklas Obermeier: Von der Art und Weise, wie wir helfen, gibt es keinen. Aber von der Organisation her sind die HvO dem Roten Kreuz angegliedert, während die FR über die örtliche Feuerwehr laufen. Da trägt also letztlich der jeweilige Kommandant die Verantwortung. Die Anschaffung weiterer Ausrüstung ist dadurch wohl einfacher als beim BRK.

Warum haben die First Responder (wörtlich übersetzt: zuerst Antwortender) einen englischen Namen?

Weil diese Idee in den USA entstanden ist. Im Grunde bedeutet HvO und FR aber das Gleiche.

Zuerst gab es bei uns ja nur HvO. Wie kam es dazu?

Das System wurde entwickelt, weil man erkannt hat, dass die Überlebensrate deutlich steigt, wenn bei Unfällen oder Herzinfarkten rechtzeitig Helfer da sind.

Aber die professionellen Helfer der Rettungsdienste müssen doch auch innerhalb von zwölf Minuten vor Ort sein.

Das ist die gesetzlich festgelegte Hilfsfrist, ja. Aber bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand sinkt die Überlebenschance des Patienten pro Minute um zehn Prozent. Wer reanimationsbedürftig ist, ist also nach zehn Minuten schon tot, wenn keiner mit einer Herzdruckmassage beginnt. Man nennt das therapiefreien Intervall, und die HvO verkürzen das oft entscheidend. Bereits nach vier Minuten können irreversible Schäden am Gehirn auftreten. Wichtig ist deshalb auch: Der Einsatz von professionellen Ersthelfern ersetzt nicht die Pflicht des einzelnen Bürgers, im Notfall Erste Hilfe zu leisten.

Wie stellt man denn sicher, dass immer ein HvO oder FR einsatzbereit ist?

Zu 100 Prozent kann man es nicht sicherstellen, weil ja alles ehrenamtlich ist. Aber an vielen der Standorte gibt es einen Rettungswagen, der bloß nicht mehr immer besetzt ist, zum Beispiel in der Nacht. Diese freie Zeit decken dann die HvO ab. Sie überbrücken Zeit und retten damit Leben. Dafür gibt es einen Dienstplan, so dass immer ein HvO alarmiert werden kann. Auch außerhalb dieser Rettungsdienst-freien Zeit wird der HvO alarmiert. Es kann aber sein, dass er dann nicht einsatzbereit ist, weil es ja eigentlich nicht sein Zeitfenster ist. Der HvO-Einsatz ist also keine Selbstverständlichkeit.

Wer alarmiert den HvO?

Die Integrierte Leitstelle. Das geschieht sowohl über Funkmeldeempfänger (Piepser) als auch durch SMS.

Wie kommt der HvO oder FR dann zum Einsatzort?

Einige Standorte haben ein Fahrzeug mit entsprechender Ausrüstung. Die meisten fahren aber mit dem Privat-Pkw, also auf eigene Kosten. Die haben dann einen professionellen Notfallrucksack dabei oder eine Notfalltasche.

Müssen denn die Leute, denen die HvO helfen, etwas bezahlen?

Nein, der Einsatz ist für die Leute völlig kostenlos, selbst für die Krankenkassen. Wenn man so will, bleibt der Standort auf den Kosten sitzen, aber es wird viel durch Spenden finanziert. Die kommen von Privatleuten oder oft auch von Vereinen.

Wie sieht die Unterstützung etwa durch das BRK aus?

Es stellt bei den HvO die Grundausrüstung. Das Weitere muss sich dann der Helfer oder der Standort selbst anschaffen. Viele haben deshalb auch Fördervereine.

Wie klappt die Zusammenarbeit mit dem professionellen Rettungsdienst?

Gut. Es ist nicht so, dass der Ersthelfer rausgeschickt wird, wenn die Profis eintreffen, sondern er wird aktiv mit eingebunden.

Was muss jemand mitbringen, der HvO oder FR werden will?

Einen Kurs als Sanitätsdienstleister, das ist eine Art erweiterte Erste Hilfe. Das ist die Grundvoraussetzung.

Welche Motivation haben die Leute, die sich hier engagieren?

Sie wollen Menschen in Not helfen und können Leben retten. Das ist durch nichts aufzuwiegen. Viele haben diese Einstellung, weil sie auch beruflich auf diesem Gebiet tätig sind. Manche arbeiten sogar hauptamtlich im Rettungsdienst, andere ehrenamtlich. Arzthelferinnen und Krankenpfleger sind dabei, aber auch Leute aus ganz anderen Berufsfeldern.

Wie ist das bei Ihnen?

Ich arbeite hauptberuflich im Krankenhaus in Sulzbach-Rosenberg, nebenbei aber auch in der Leitstelle als Telefonist und im Team für die Öffentlichkeitsarbeit. Bei der Feuerwehr Vilseck bin ich auch noch aktiv. Bei den HvO in Vilseck bin ich seit 2011, weil ich durch meine berufliche Tätigkeit im Rettungsdienst mitbekommen habe, wie sinnvoll diese Einrichtung ist.

Sinnvoll in welcher Art?

Zum Beispiel ist professionelle Erste Hilfe auch für die Psyche der Leute an einem Unfallort ganz wichtig. Und bei den lebenserhaltenden ersten Maßnahmen ist es so, dass die HvO dadurch in 20 bis 25 Prozent der Fälle tatsächlich Leben retten. Und die Zahl ihrer Einsätze nimmt ja ständig zu.

Die Karte zeigt, dass es im Landkreis noch Gebiete ohne HvO oder FR gibt. Wie kann man denn eine solche Gruppe ins Leben rufen?

Die Initiative muss von den Leuten vor Ort kommen. Wenn die sich mit der Idee beim BRK oder der örtlichen Feuerwehr melden, werden sie sicher überall mit Freude aufgenommen.

Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand sinkt die Überlebenschance des Patienten pro Minute um zehn Prozent. Wer reanimationsbedürftig ist, ist also nach zehn Minuten schon tot, wenn keiner mit einer Herzdruckmassage beginnt.Niklas Obermeier zur Notwendigkeit von schneller Erster Hilfe


Arbeitskreis HvOSeit heuer sind alle HvO-Standorte im Landkreis unter dem Dach des "Arbeitskreises HvO" im BRK Amberg-Sulzbach organisiert.

Koordinatoren sind Erwin Gräml (hauptamtlich) und Thomas Renner (ehrenamtlich). Der Arbeitskreis organisiert Fortbildungen und die Beschaffung der Digitalfunkgeräte. Er bietet die Möglichkeit, auch Leute, die nicht Mitglied im BRK sind, als HvO einzusetzen und ihnen dennoch volle Absicherung im Einsatz zu gewährleisten. (ll)
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