Jäger unter Druck
„Die Rehe schießen sich halt immer schwerer“

Jäger müssen immer mehr Stunden auf dem Hochsitz verbringen, um die geforderten Abschusszahlen erfüllen zu können. Archivbild: Hartl
 
Da ist die Bejagung hart.
 
Dass ein Reh aus dem Wald kommt, wird nach Ansicht von Jägern wegen des wachsenden Freizeitdrucks immer seltener. Archivbild: sr

Pächterwechsel - für ein Jagdrevier eigentlich ganz normal. Ein Pachtvertrag läuft hier für gewöhnlich neun Jahre lang. Wenn dann eine Seite nicht mehr will, kann man sich trennen. Aber gibt es derzeit nicht ungewöhnlich viele solcher Trennungen?

Amberg-Sulzbach. Das Jagdjahr läuft zum 31. März aus, deshalb halten in diesen Tagen die Jagdgenossenschaften ihre Versammlungen ab. Vielerorts mit Pächterwechseln. Wenn man nach den Gründen fragt, hört man von alters- oder gesundheitsbedingten Rückzügen, von langfristig geplanten Übergaben oder dass die Chemie zwischen einzelnen Personen nicht gestimmt habe. Alles eher Einzelfälle, aus denen sich kein genereller Trend ablesen lässt. Und auch die Summe der Pächterwechsel bewegt sich nach Ansicht von Franz Erras, dem Vorsitzenden der Kreisgruppe Amberg des Bayerischen Jagdverbandes, in einer normalen Größenordnung.

Jüngere wollen kein Revier


Aber steckt nicht doch eine langfristige Entwicklung dahinter, die den Jägern die Lust darauf nimmt, ein Revier zu pachten? Die Zahl der Anwärter zur Jägerprüfung steigt, während man Reviere zunehmend schwerer an den Mann bekommt. "Viele jüngere Leute wollen sich nicht mehr so binden", nennt Dr. Günther Baumer einen möglichen Grund dafür. Der Kümmersbrucker ist stellvertretender Vorsitzender des Bayerischen Jagdverbandes und hat die Situation auch über die Landkreisgrenzen hinaus im Blick. "Mit einem Revier übernimmt man schon eine Verantwortung", findet auch Franz Erras. "Viele Jüngere schrecken inzwischen davor zurück."

Eine Ordnungswidrigkeit


"Für beide Seiten sind die Zeiten schwieriger geworden", sagt Kreisjagdberater Ekkehard Zink mit Blick auf Jagdgenossen (Grundeigentümer) wie Jäger. So seien etwa die Abschusspläne häufig kaum noch zu erfüllen. Als Revierinhaber begehe man damit eine Ordnungswidrigkeit. "Aber die Rehe schießen sich halt immer schwerer."

Diese Erfahrung hat auch Lore Kaiser gemacht, die Vorsitzende der Jäger-Kreisgruppe Sulzbach-Rosenberg: "Wir müssen uns abkämpfen, dass wir die Abschusszahlen zusammenbringen." Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie in ihrem Revier bei Neukirchen die geforderten Werte in den vergangenen Jahren nicht mehr erreichte. Und dennoch fordere man nach den Vegetationsgutachten von Forstseite eine weitere Erhöhung der Abschusszahlen, selbst in den "grünen" Hegegemeinschaften, die eigentlich einen tragbaren Verbiss aufwiesen. "Dabei sagen 90 Prozent der Jäger: Das ist unmöglich."

Was macht die Jagd auf Rehe inzwischen so schwierig? "Die werden zum Nachtwild", erläutert Lore Kaiser. "Man kann sie nicht mehr so bejagen wie früher, als abends um 7 alle aus dem Wald kamen." Eine Ursache dafür ist laut der erfahrenen Jägerin der gestiegene Freizeitdruck. "Die Leute sind Tag und Nacht im Wald unterwegs, oft noch mit Hunden, und bleiben dabei nicht auf den Wegen." Die Mountainbiker täten sich hier besonders hervor. "Die Dunkelheit ist da jetzt auch kein Problem mehr", bestätigt Ekkehard Zink. "Die Leute kommen jetzt mit Stirnlampen." Er spricht von einer Fun-and-Joke-Gesellschaft, die nicht willens sei, auf den Lebensraum der Wildtiere Rücksicht zu nehmen.

Das Sauenproblem


Das andere große Probleme sind die Wildschweine. Oder genauer: die Schäden, die das Schwarzwild anrichtet. Vor allem im Mais. Das sind ganz andere Dimensionen als früher. Franz Erras kennt die Zahlen: Anfang der 80er Jahre hat man in ganz Bayern 2500 Sauen pro Jahr geschossen. Heute sind es 70 000. Die intensive Landwirtschaft mit riesigen Maisflächen bereitet den Wildschweinen nicht nur einen gedeckten Tisch, sondern auch ein willkommenes Versteck vor den Jägern. "Da ist die Bejagung hart", sagt Erras mit Blick auf die großen Maisfelder ohne Schuss-Schneisen.

Also werden die Sauen in bestimmten Revieren immer mehr und dadurch auch die Schäden, die sie anrichten.

Folge 1: Unmut unter den Jagdgenossen. "Unser Pächter ist zu wenig draußen, der schießt zu wenig", hört man von ihnen laut Erras dann oft.

Folge 2: Unmut beim Jagdpächter, weil die Summe an Wildschäden, die er begleichen soll, immer höher wird, und die Anforderungen durch die Jagdgenossen immer mehr. Man könne aber nicht seine ganze Zeit im Revier verbringen, sagt Ekkehard Zink. "Die Jagd ist irgendwie kein Hobby mehr", leitet er aus einer solchen Inanspruchnahme ab.

Folge 3: Viele Reviere sind zu den alten Konditionen nicht mehr zu vergeben. "Früher kamen regelmäßig fünf bis zehn Bewerber auf eine freie Jagd", erzählt Lore Kaiser. "Und heute bringt man sie bei einer Neuvergabe mitsamt Ausschreibung nicht mehr los." Also müssen die Jagdgenossen mit ihren Hektar-Preisen runter - das ist bei Neuverpachtungen zu 90 Prozent der Fall, schätzt Franz Erras - und eine Deckelung bei den Wildschäden akzeptieren.

Folge 4: neuer Unmut.

Was hilft dagegen? "Das A und O ist, dass Jagdgenossen und Revierinhaber vernünftig miteinander reden", sagt Franz Erras. So ließe sich auch Verständnis für die Situation des jeweils anderen wecken. Und möglicherweise fallen dann auch Gründe für Trennungen einfach weg.
Da ist die Bejagung hart.Franz Erras zu den großen Maisfeldern


HintergründeDer Pachtpreis sinkt

Die Pachtpreise für ein Jagdrevier sind nach Auskunft des Landratsamtes in Amberg-Sulzbach in den vergangenen 20 Jahren um etwa einen Euro pro Hektar gesunken. Für Hochwildreviere (mit Rotwild) liegen die Preise zwischen 5,90 und 6,90 Euro. Für Niederwildreviere, die im Landkreis die überwiegende Masse darstellen, ist der Durchschnittspreis derzeit 4,60 Euro.

280 Reviere

Laut Kreisjagdberater Ekkehard Zink gibt es rund 280 Reviere im Landkreis. Davon seien etwa 250 verpachtet. Bei den restlichen handle es sich meistens um "Eigenjagdbesitzer", also große Grundbesitzer, die auf ihrem Besitz das Jagdrecht selbst ausüben, oder den Freistaat in Gestalt der Bayerischen Staatsforsten. Einige wenige würden aber auch von den Jagdgenossenschaften selbst bewirtschaftet. Das heißt, dort dürfe jagen, wer von ihnen jeweils die Erlaubnis erhalte. Das seien oft wechselnde Jäger. Gründe für eine Selbstbewirtschaftung können sein, dass die Jagdgenossen mit den Abschusszahlen des Pächters nicht zufrieden waren oder dass ihnen der gebotene Pachtpreis zu niedrig war oder dass sich überhaupt kein Interessent für das Revier fand.

Jagdgenossenschaft

Rechtsanwalt Ekkehard Zink erläutert, dass in einer Jagdgenossenschaft alle Grundeigentümer des betreffenden Sprengels Zwangsmitglieder seien. Ihr Zweck: die Jagd organisieren. Für Wildschäden ist zunächst einmal die Jagdgenossenschaft verantwortlich. Für gewöhnlich übernimmt aber der Revierpächter per Vertrag die Verpflichtung, für Schäden, die das Wild verursacht, einen Ersatz zu leisten. Seit die Wildschweine immer mehr Äcker heimsuchen, wird dabei die Schadenssumme, die der Pächter insgesamt zu leisten bereit ist, zunehmend gedeckelt. (ll)
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