Kranke nicht überfordern

Wenn Angehörige meinen, sie müssten als Alleinunterhalter pflegen, so lange sie können, werden sie scheitern.

Was heißt es, gut mit Menschen mit Demenz umzugehen. Und was können Pflegende zu ihrer Selbsterhaltung tun? Eine Antwort darauf gibt die international anerkannte Neuropsychologin Dr. Barbara Romero - mit der von ihr entwickelten Selbsterhaltungstherapie.

Schnaittenbach. Ihr erfolgreiches Konzept stellte Romero beim achten Landkreis-Demenzforum vor. Dazu hatten die Volkshochschule, der Verein SEGA, die AOVE, die Katholische Erwachsenenbildung (KEB) und das Seniorennetzwerk Kümmersbruck ins Schnaittenbacher Vitusheim eingeladen.

Stärken statt Schwächen


Die Referentin wartete mit einer überraschenden Erkenntnis auf: Bezugspersonen von demenziell Erkrankten beurteilen deren Lebensqualität sehr viel schlechter als die Betroffenen selbst. Und daran knüpft die Selbsterhaltungstherapie an, denn sie hat nicht zuallererst die Defizite von Alzheimer-Patienten, sondern hat deren Stärken im Blick. "Jeder Patient verfügt über Interessen und Fähigkeiten, die sich über Jahrzehnte entwickelt haben und die seine Person, sein Selbst ausmachen", erklärte sie. Alle Behandlungsansätze sollten darauf ausgerichtet sein, die noch vorhandenen Ressourcen der Kranken zu erkennen und zu fördern. Voraussetzung dafür sei, dass die betreuenden Personen dies erkennen und akzeptieren: Hilfe zur Anpassung an sich verändernde Lebensbedingungen seien wichtiger als wenig Erfolg versprechende Versuche, kognitive Verluste wie Gedächtnisschwierigkeiten oder Sprachstörungen durch ein Training auszugleichen, erklärte die Expertin.

Angst, Scham, Depression


Mit der Zeit verlören die Betroffenen unwiderbringlich selbst basale Kompetenzen wie sich auf einen Stuhl zu setzen oder Schnürsenkel binden. "Das, was der Erkrankte nicht mehr kann, soll nicht geübt werden, da es ihm das eigene Unvermögen demonstriert, was wiederum Gefühle wie Angst, Scham oder Depression auslösen kann", sagte sie.

Ihren Worten nach entwickelten Menschen mit fortgeschrittener Demenz ausgeklügelte Formen des Bagatellisierens und Verleugnens, um nicht ihr Gesicht zu verlieren und ihre Würde zu bewahren. Missgeschicke beim Ankleiden oder Kochen humorvoll kommentieren und nicht etwa mit Bloßstellen reagieren, bei gelungenen Aktivitäten hingegen großzügig loben - das sei der richtige Weg. Keinesfalls sollte man im Beisein der Erkrankten über sie sprechen. Man sollte ihnen auch nicht zu viele Informationen auf einmal geben und Fragen vermeiden, die ein gutes Gedächtnis erfordern.

Wichtig sei, die Aufmerksamkeit auf das zu richten, was der Demenzkranke noch kann: Beweglich sein mit Aktivitäten wie Kegeln, Singen und Tanzen, Enkelkinder erkennen, sich an gute Zeiten erinnern.

Den Pflegenden riet sie, Hilfe von außen anzunehmen. "Wenn Angehörige meinen, sie müssten als Alleinunterhalter pflegen, so lange sie können, werden sie scheitern", so Romeros Erfahrung aus vielen therapeutischen Gesprächen. Demenzkranke sollten weder über- noch unterfordert werden. Oft entstünden die größten Stress-Situationen, wenn Demenzkranke einsam seien. Dieses Problem entstehe oft auch in Krankenhäusern, weil dort wenig Zeit für ständige Bestätigung oder individuelle Betreuung zur Verfügung stehe.

Deshalb seien Tagesstätten so wichtig, weil dort Programmaktivitäten in Gruppen enorm hilfreich sein könnten. "Mit der geeigneten sozialen Unterstützung für die Demenzkranken ist ein neuer, individuell angepasster Platz zu finden", riet die Referentin den Fachkräften und pflegenden Angehörigen. (Hintergrund)

Vielfältige HilfenSEGA-Geschäftsführerin Jutta Streher zeigte mit Georg Pilhofer von der gerontopsychiatrischen Koordinationsstelle Oberpfalz auf, welche zahlreichen Unterstützungsangebote für Angehörige sowie bereits bestehende Helfer-Netzwerke es bereits gibt. Die im Herbst geplanten Demenzwochen würden in allen Gemeinden des Landkreises Amberg-Sulzbach vielfältige Hilfen und Anregungen geben.

Brigitte Bachmann ermunterte als stellvertretende Landrätin die Teilnehmer zur Mitwirkung. Gleiches tat Schnaittenbachs Bürgermeister Josef Reindl, der auch auf das sehr erfolgreiche AOVE-Projekt "Alt werden zu Hause" verweisen konnte. (lf)
Wenn Angehörige meinen, sie müssten als Alleinunterhalter pflegen, so lange sie können, werden sie scheitern.Dr. Barbara Romero
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