Messerattacke in Asylbewerberunterkunft
"Ich hatte keine Chance"

Symbolbild: dpa

Er fackelte nicht lange. Plötzlich zog der Kosovo-Albaner ein Messer und fügte einem 17-Jährigen stark blutende Wunden zu. Die Tat in einem von Asylbewerbern genutzten Haus in Seugast kam nun vor die Jugendkammer des Amberger Landgerichts - als versuchter Totschlag.

Amberg-Sulzbach. Wen haben die Richter da vor sich? Der Mann aus dem Kosovo ist vor wenigen Tagen 20 Jahre alt geworden, und er schweigt. Durch den Sitzungssaal geisterten am ersten Prozesstag Vermutungen, er habe sein Heimatland wegen eines Tötungsdelikts fluchtartig verlassen. Es war ferner am Rande des Prozesses zu vernehmen, dass er nach dem Vorfall in Seugast flüchtete und eine SMS über sein Handy absetzte. Darin stand sinngemäß, er habe eine schwere Straftat begangen.

Als das in der Nacht zum 2. April 2015 geschah, wurde das Telefon des Kosovaren von der Kripo Erlangen abgehört. Die Fahnder ermittelten gegen den Mann, weil er mutmaßlich Mitglied in einer Einbrecherbande war. Sie verständigten sofort ihre Kollegen in Amberg und teilten mit, in ihrem Bereich liege womöglich eine Leiche. Daraufhin rückten Ermittler aus. Es gab keine Leiche. Wohl aber einen Schwerverletzten, der mehrere Messerstiche am Hals, an der Schulter und an einem Bein erlitten hatte.

Den mutmaßlichen Täter, mit einem Fahrrad getürmt, nahm die Kripo nicht lange darauf in einer Amberger Asylbewerberunterkunft fest, wo er Unterschlupf gefunden hatte. Seither sitzt der Mann in U-Haft, aus der man ihn nun vor die Jugendstrafkammer führte.

Angeklagter schweigt


Die Beweisaufnahme konnte sofort beginnen. Denn der Angeklagte mochte nichts sagen. Also holte die Kammer unter Vorsitz von Richter Christian Frey den Geschädigten herein und vernahm ihn zweieinhalb Stunden lang. Dabei offenbarte sich: Er ist erst 17 Jahre alt, kam mit seiner Mutter aus der Ukraine und fand über das Aufnahmelager Zirndorf Unterkunft in einem Seugaster Zweifamilienhaus. Dort lebten im Frühjahr mehrere Ausländer. Darunter auch eine junge Frau mit ihrem Kind. Bei ihnen soll sich der angeklagte Kosovare über längere Zeit hinweg aufgehalten haben, obwohl ihm ein Wohnsitz im Kreis Tirschenreuth zugewiesen worden war.

Was am späten Abend des 1. April 2015 geschah, entzündete sich an einer Nichtigkeit. Der 17-jährige Ukrainer war wohl in einen kurzen und heftigen Wortwechsel mit der jungen Kindsmutter geraten, es sollen beleidigende Ausdrücke gefallen sein. Das geschah in einem Wohnzimmer, das alle Bewohner des Hauses nutzten. Der Kosovare trat hinzu und fackelte offenbar nicht lange. Er griff sich den 17-Jährigen, der rücklings auf ein Sofa fiel. Dann stach der Täter mehrfach mit einem Messer zu, das er später wegwarf. "Warum haben Sie sich nicht gewehrt?", wollte Oberstaatsanwalt Dr. Thomas Strohmeier wissen. "Ich habe keine Chance gehabt", hörte er. Das Opfer hatte noch ein weiteres Argument. Er sympathisiere mit den Zeugen Jehovas und sei wie diese entschlossen, zu keiner Zeit Gewalt anzuwenden. "Ich habe geglaubt, dass ich jetzt wohl sterben werde", fügte der Ukrainer hinzu.

Ich habe geglaubt, dass ich jetzt wohl sterben werde.Das Opfer

Mutter rettet 17-Jährigen


Irgendwann im Verlauf der Messerstecherei schritt die Mutter des stark blutenden Opfers ein. Sie stürzte sich auf den Kosovo-Albaner, zog ihn von ihren Sohn weg. Stiche hatte sie nicht bemerkt. "Aber da blitzte etwas auf, das er in der Hand hielt", erinnerte sich die 38-Jährige. Das Opfer kam ins Krankenhaus und musste 13 Tage bleiben. "Seither ist nichts mehr so, wie es einmal war", unterstrich der 17-Jährige bei seiner Zeugenaussage.

Im Prozess werden drei Gutachter aussagen: ein Rechtsmediziner aus Erlangen, ein Angestellter des Jugendamtes beim Kreis Tirschenreuth und ein Psychiater.
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