Mit Zweijähriger im Gerichtssaal
Nicht ohne meine Tochter

Symboldbild: dpa

"Nicht ohne meine Tochter", hieß ein Filmdrama, das 1991 lief. Es wiederholte sich nun, eher in kurzweiliger Form, vor dem Landgericht. Denn dort erschien Mama mit Kind. Weil ansonsten auf die Kleine keiner aufpassen wollte.

Amberg-Sulzbach. Die 22-Jährige saß daheim, bekam keinen Babysitter für ihre zweijährige Tochter und hatte eine Ladung zum Landgericht. Also rief sie an und ließ verlauten: "Kann nicht kommen. Muss auf mein Kind aufpassen." So einfach aber ging das nicht. Die Jugendstrafkammer unter Vorsitz von Richter Christian Frey mochte die ins Feld geführten Argumente nicht akzeptieren. Also wurde geprüft, ob denn eine Vorführung der wegen Betrugs angeklagten jungen Frau durch die Polizei machbar sei. Möglich schon. Aber es erhob sich die Frage: Verfügt die Exekutive in ihren Funkstreifenwagen über einen Kindersitz? Nein, lautete die Antwort. Also wurde dieser Plan nicht weiter verfolgt.

Mit Anhang und Buggy


Es gab eine Lösung: Die Angeklagte wurde von einer Verwandten nach Amberg gebracht. Aber - und dies war die Bedingung - nur samt Tochter und Kinderwagen. Mit Anhang und Buggy fuhr sie zweieinhalb Stunden später als terminlich geplant am Landgericht vor und rollte samt Tochter im Sitzungssaal ein. Was sich dort abspielte, war ungewöhnlich. Während Mama zugab, dass sie ein sogenanntes Babyset für 25 Euro ins Internet stellte, zu diesem Preis verkaufte und nie lieferte, stellte ihr leiblicher Anhang die Jugendstrafkammer auf eine Art Bewährungsprobe. Die Kleine, zwei Jahre alt und zum Knuddeln, tapste ungelenk durch den eher sehr ernsthaften Auseinandersetzungen vorbehaltenen Raum, krähte fröhlich, erfreute sich durch Juchzer am mitgebrachten Bilderbuch und nuckelte mit zufriedenem Grunzen an ihrer Flasche.

Indessen versuchten Richter Frey und der Leitende Oberstaatsanwalt Joachim Diesch, die Sachlage zu erörtern. Das war nicht einfach angesichts des keineswegs zu absoluter Ruhe aufgelegten und am Fortgang des Verfahrens völlig uninteressierten Mädchens. Doch schließlich bekamen sie ein Geständnis und konnten dem Recht Genüge tun. 400 Euro Geldstrafe beantragte Diesch gegen die mehrfach vorgeahndete Frau.

Zufriedenes Lächeln


Die Jugendkammer beließ es bei 300 Euro und der Mahnung, den Schaden gutzumachen. Als dies geschah, lächelte die Zweijährige zufrieden und stülpte sich eine mitgebrachte Wintermütze übers Gesicht. So, als ob gerade eben das Christkind eingeschwebt sei. Gemeinsam mit Mama durfte sie gehen. Hinausgebracht im Buggy und unter Ausbringung eines höchst erheiterten Gestammels, das keiner so recht verstand.
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