Nach Terror und Amok
Gefühl der kollektiven Angst

Blumen und Kerzen zum Gedenken an die Opfer: Nach dem Amoklauf von München, als am 22. Juli ein 18-Jähriger am und im Olympia-Einkaufszentrum im Norden der Stadt neun Menschen erschoss, war es vielen Bürgern ein Bedürfnis, ihre Anteilnahme, ihr Mitgefühl und ihre Betroffenheit zum Ausdruck zu bringen. Bild: dpa
 
"Wenn ein Katholik einen Amoklauf verübt, heißt es ja auch nicht, dass die Kreuzzüge wiederkommen." Zitat: Peter Bublitz

Erst der Angriff auf Touristen aus Hongkong in einem Zug bei Würzburg. Dann ein Amoklauf in München. Und noch Ansbach, wo ein Syrer einen Selbstmordanschlag verübte. Viele Menschen fürchten sich jetzt - vor Tod und Terror, vor Anschlägen und dem IS. Ist die Angst konkret oder abstrakt? Diffus ist sie allemal.

Amberg-Sulzbach. "Je näher Ereignisse sind, umso mehr identifizieren wir uns damit, umso mehr betrifft es uns", sagt Peter Bublitz, Diakon und Notfallseelsorger. Gerade, weil Würzburg, München und Ansbach so nahe sind, "wirkt es bedrohlicher als wenn es in der Ferne passiert wäre."

Grundvertrauen nötig


Betroffenheit, das sei zunächst einmal nichts schlechtes, betont der 55-Jährige aus Sulzbach-Rosenberg. Doch daraus erwächst häufig ein Gefühl der Angst, der Hilflosigkeit. "Jetzt muss sich der Verstand überlegen: Ist was wirklich eine Gefahr für mich oder nicht." Würde man sich diese Frage stellen, wäre die Antwort darauf, dass "wir doch fernab sind". Dass also Würzburg, München und Ansbach weit weg sind. Peter Bublitz warnt davor, alles unter dem "großen Schleier des islamistischen Terrors" zu sehen. "Wenn ein Katholik einen Amoklauf verübt, dann heißt es ja auch nicht gleich, dass die Kreuzzüge wiederkommen."

Peter Bublitz vergleicht es mit den Menschen, die bei Unfällen ihr Leben verlieren. "Jeden Tag sterben zehn Menschen auf der Straße." Doch niemand käme auf die Idee, deshalb nicht mehr Auto zu fahren. Auch nach Würzburg, München und Ansbach brauche man ein ähnliches Grundvertrauen, wie die Menschen es in den Straßenverkehr hätten.

Peter Bublitz spricht von diffusen Ängsten. Je mehr das menschliche Gehirn sie projizieren könne, zum Beispiel auf Menschen mit einer anderen Hautfarbe, desto beruhigter sei man. "Für das reine Gefühl ist das besser, weil man dann die Ängste eingrenzen kann." Durch die Projektion müsste jede Situation nicht immer neu bewertet werden. Sonst müsste man sich ja jedes Mal neu fragen, ob man hier sicher sei - im Kaufhaus zum Beispiel. Oder im Bus. Der Mensch sei ein Gewohnheitstier, erklärt Bublitz das Phänomen.

Nachdem ein 27-jähriger Syrer sich in der Nähe eines Musikfestivals in Ansbach selbst in die Luft gesprengt und die selbstgebaute Bombe in einem Rucksack versteckt hatte, würden bei vielen Veranstaltungen jetzt plötzlich Rucksäcke geächtet. Auch das sei im Endeffekt eine Projektion, ein vermeintliches Wiegen in Sicherheit: Wenn keine Rucksäcke mit auf das Gelände genommen werden dürfen, passiert nichts. Doch ein Rucksack-Verbot banne mitnichten die Gefahr: "Wenn jemand das machen will, dann wickelt er eben den Sprengsatz in eine Decke ein."

Die größten Freiheiten


Dass Terroristen es gezielt auf Massenveranstaltungen (Feier zum Nationalfeiertag am 14. Juli in Nizza) oder auf das Fliegen (Anschlag am Brüsseler Flughafen am 22. März)abgesehen haben, treffe die Menschen besonders. "Das sind ja auch Angriffe auf unsere größten Freiheiten", sagt Bublitz. Die Menschen würden dadurch häufig sehr eingeschränkt, auch in ihrem individuellen Wohl. "Wenn jemand gerne heuer in die Türkei geflogen wäre, aber es jetzt wegen des Putschversuches nicht mehr tut, dann ist er natürlich damit anders konfrontiert als jemand, der 14 Tage die Ferien im Waldbad verbringt. Der fühlt sich nicht so eingeschränkt."

Gehirn löscht auch wieder


Die Frage, ob das Gefühl der Hilflosigkeit und der Angst auch wieder nachlasse, bejaht der langjährige und erfahrene Notfallseelsorger. "Unser Gehirn löscht das wieder, jede schlechte Erfahrung." Bublitz vergleicht es mit Prügel: Würden diese einmal verabreicht, sei dies natürlich schlimm, doch umso traumatisierender werde es, je öfters sich das fortsetze. Oder: Ein Lokführer, der einen Menschen, der in suizidaler Absicht auf den Gleisen steht, überfährt, werde selten beim ersten Mal traumatisiert. Passiere dies aber zwei oder drei Mal, dann "ist das traumatisch und macht krank". Fatal ist laut Bublitz, dass das Gehirn Bilder eines Amoklaufs oder eines Bombenabwurfs im Irak mit etwas verknüpfen kann, was damit offensichtlich nichts zu tun hat. "Für ein psychisches Trauma gibt es keine Schublade."

Bublitz weiß nicht, warum viele Menschen Flüchtlingen ablehnend gegenüberstehen. Ist es nur das Fremde, der andere Kulturkreis? "Ich denke, es spielt auch mit rein, dass die Menschen meinen, ihnen werde etwas weggenommen." Denn eines hat er festgestellt: Die Tugend, zu teilen, sei früher viel verbreiteter gewesen. Als er Ministrant war und mit den Sternsingern um milde Gaben bat, gaben die Menschen, die in den Baracken am Sulzbach-Rosenberger Schlackenberg lebten, fünf Euro. "Die armen Leute haben am meisten gespendet." Peter Bublitz bedauert, dass eines ein bisschen verloren gegangen ist in der heutigen Zeit: Solidarität. (Hintergrund)

Mitgefühl ausdrückenIn den Tagen nach dem Amoklauf von München kamen viele Menschen an den Tatort, legten zum Gedenken an die Opfer Blumen nieder und stellten Kerzen auf. Sie taten dies aus ihrer eigenen Betroffenheit heraus. "Es ist immer gut, Mitgefühl zu zeigen." Dies könne auch ein stilles Gebet sein, erklärt Peter Bublitz. Vielleicht aber seien die Blumen und Kerzen auch ein Ausdruck von Hilflosigkeit, der "Ohnmacht, nichts dagegen tun zu können".

Es möge ein Trost sein, dass man trotz allem gehalten werde: von Menschen ("Das ist am spürbarsten"), aber auch von Gott. Wer dies wieder fühlt, der brauche keine Angst mehr zu haben. "Das ist ein schönes Gefühl." Möglich wäre auch, die Trauer oder das Mitgefühl in Taten umzumünzen: "Wenn ich helfen möchte, warum dann nicht durch Mitarbeit in einem Trauercafé oder einem Hospizverein?", schlägt Peter Bublitz vor. (san)


Tod ein Tabu-ThemaFür Peter Bublitz, Diakon und Notfallseelsorger, ist die Gesellschaft einerseits viel offener und redet heute wie selbstverständlich über Themen wie Sexualität, was vor Jahrzehnten noch nicht der Fall war. Andererseits gebe es immer noch Tabu-Themen: Tod und Trauer gehören dazu. Nach Anschlägen gehe es nicht nur um Terror oder Islamismus. Vielmehr kratzen laut Bublitz solche Ereignisse auch an etwas ganz Wesentlichem: "Mein Leben - mein Tod".

Vieles könne man sich heute erkaufen, sogar Liebe und Sex, nur eben weder das Leben noch die Gesundheit: Vielleicht sei gerade das der Grund dafür, warum sich Menschen vor Terroranschlägen und Amokläufen so sehr fürchten. (san)


Wenn ein Katholik einen Amoklauf verübt, heißt es ja auch nicht, dass die Kreuzzüge wiederkommen.Peter Bublitz

Gewalt gab es schon immer

Amberg-Sulzbach. (san) Hat die Gewalt in letzter Zeit zugenommen? Peter Bublitz, Diakon und Notfallseelsorger, verneint dies. "Die hat es schon immer gegeben, auch bei uns." Einen Unterschied zu früher hat er ausgemacht: "Man hat das nicht gesehen." Durch die heutige Berichterstattung bekomme man mit, was auf der ganzen Welt passiert. "Die Medien haben auch ein berechtigtes Interesse", erklärt er. Doch diese seien nicht die einzigen auf dem Markt. Bublitz erwähnt auch die sozialen Netzwerke. "Die Medien filtern, das tun soziale Medien überhaupt nicht", betont er. Man könne alles ins Netz stellen, ob es nun wahr sei oder nur ein Gerücht. "Doch es wird als wahr angenommen."

So bekämen oft fiktive Geschichten den Charakter, dass sie wirklich so passiert seien. Peter Bublitz bringt ein Beispiel: So soll ein islamischer Junge in einem Freibad zwei Mädchen angegrapscht haben. Die Geschichte tauchte zuerst für Würzburg auf, später für München, schließlich für Kaufbeuren im Allgäu.

Es gibt nicht nur gute Menschen

Amberg-Sulzbach. (san) "Von Menschen, die Amok laufen oder Attentate verüben, hätten wir gerne, dass sie aussehen wie Schlägertypen", sagt Peter Bublitz. Sie tun es aber nicht. "Es sind eher 08/15-Typen, die nicht auffallen", erklärt der Sulzbach-Rosenberger. Irgendwo in ihrer Lebensbiografie muss es einen Bruch gegeben haben, womit sie nicht mehr zurechtgekommen sind und dann nur noch einen Ausweg gesehen haben. Doch nicht jeder werde zum Amokläufer oder zum Terroristen, erklärt der Diakon und Notfallseelsorger. "Die meisten bewältigen das, nur einigen wenigen bleibt vermeintlich kein anderer Ausweg."

Peter Bublitz denkt auch an die Angehörigen derjenigen, die zu Amokläufern und Massenmördern werden. Auch sie erleiden einen Verlust, auch sei trauern um einen Menschen, den sie geliebt haben. "Für sie ist es viel schwieriger, zu trauern, denn sie werden oftmals direkt geächtet."

Der Sulzbach-Rosenberger denkt zum Beispiel an die Pflegefamilie, die den 17-Jährigen Flüchtling aufgenommen hat, der bei Würzburg in einem Zug wahllos auf Menschen einschlug und später dann auf der Flucht von der Polizei erschossen wurde. "Auch seiner Pflegefamilie ist er ein Stück weit ans Herz gewachsen", sagt der Diakon. Eines müsse einem bewusst sein: "Wir werden nie 100 Prozent nur gute Menschen haben. Und wir werden nie zu 100 Prozent immer geliebt werden."
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