Prozess um Messerstecherei in Asylbewerberunterkunft in Seugast
Klinge saust haarscharf an der Halsschlagader vorbei

Amberg-Sulzbach. "Ich habe niemals zugestochen", versicherte der mutmaßliche Täter vor Monaten einem Ermittlungsrichter. Der schickte den 19-Jährigen trotzdem in U-Haft. Denn in der Konsequenz dieser Behauptung hätte sich das Opfer mehrere heftig blutende Wunden selbst beibringen müssen.

Der Erlanger Rechtsmediziner Peter Betz schilderte am Mittwoch vor der Jugendkammer des Landgerichts seine Erkenntnisse und resümierte über die Geschehnisse in einem Haus für Asylsuchende in Seugast: "Es passt alles so zusammen, wie es vom Opfer geschildert wurde."

Der seinerzeit 17-jährige Ukrainer war in der Nacht zum 2. April 2015 von einem Kosovo-Albaner attackiert worden. Erst mit Fäusten, dann mit einem Messer, dessen Klinge laut Betz eher kurz war. Das Opfer bekam fünf Stiche: Den ersten in den Hals, danach krachend an den Schädel, anschließend in die Schulter und Sekunden später zwei ins linke Bein. Besonders den stark blutenden Halsstich bezeichnete der Rechtsmediziner als "äußerst gefährlich". Der Ukrainer habe ein Glück gehabt, "das fast schon einem Sechser im Lotto gleicht". Denn die Klinge ging an Kehlkopf und Halsschlagader haarscharf vorbei.

"Gibt es einen Anhaltspunkt dafür, dass sich das Opfer die Verletzungen selbst beigebracht hat?", fragte Oberstaatsanwalt Dr. Thomas Strohmeier. Die Antwort des Professors: "Nein". Damit war widerlegt, was der wegen versuchten Totschlags angeklagte Kosovare dem Ermittlungsrichter erzählt hatte: Er habe niemals zugestochen, sei selbst angegriffen worden und dann aus dem Haus geflüchtet. Vor dem Landgericht mag er jetzt aber nichts mehr sagen.

Der Jugendstrafkammer ging es darum, die Rolle des 17-jährigen Ukrainers zu klären, der sich so gut wie nicht gegen die Attacke wehrte. Sicher ist, dass er vor dem Messerangriff mit der 31 Jahre alten Freundin des Beschuldigten in eine Meinungsverschiedenheit geraten war. Dabei soll das russische Wort für "Hure" gefallen sein. Augenblicke darauf kam ihr 19-jähriger Liebhaber dazu und regelte die Dinge auf seine Weise.

Seit Mittwoch wissen die Richter, dass der Angeklagte 2013 aus dem Kosovo kam und eine Art Odyssee hinter sich brachte: Erst Frankreich, dann Holland, später sechs Monate bei seinem in Köln lebenden Vater, danach in Zirndorf und zum Schluss als Dauerbesucher seiner Freundin in Seugast. Gemeldet aber war er da im Kreis Tirschenreuth.

Dem Psychiater Thomas Lippert hatte der Beschuldigte erzählt, dass er über einen längeren Zeitraum hinweg Drogen und Alkohol konsumierte. Für die Tatnacht aber gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass er in dieser Weise beeinträchtigt war. Der Mann sei wohl psychisch nicht krank, es habe aber eine "psychische Aufladung" vorgelegen, meinte der Gutachter. Schuldausschließungsgründe fand Lippert nicht.

Die Beweisaufnahme wurde am Mittwoch geschlossen. Am Montag werden die Plädoyers gehalten. Danach kommt es zum Urteil. Wesentlich dabei wird sein, ob die Strafkammer den Angeklagten als Jugendlichen oder Erwachsenen einstuft.
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