Prozess um Messerstecherei in Seugaster Asylbewerberunterkunft
Ein Zeuge ist verschwunden

Symbolbild: dpa

Die Jugendstrafkammer beim Landgericht nimmt es sehr genau. Sie will exakt wissen, was sich in der Nacht zum 2. April 2015 in Seugast zutrug. Dort hatte ein Kosovo-Albaner (19) einem jungen Mann aus der Ukraine mehrere Messerstiche versetzt. Nun wird ihm wegen versuchten Totschlags der Prozess gemacht.

Amberg-Sulzbach. Die Tat geschah in einem von Asylsuchenden genutzten Wohnhaus, dem aber der Kosovare von den Behörden nicht zugewiesen war. Als er aus offenbar nichtigem Anlass zum Messer griff und sein 17 Jahre altes Opfer schwer verletzte, war wohl auch eine junge Frau aus der Ukraine zugegen. Sie hatte den mutmaßlichen Täter mit Wohnsitz Neusorg (Kreis Tirschenreuth) über einen längeren Zeitraum quasi als Liebhaber illegal bei sich beherbergt. Um sie und ihr Kind drehte sich die Auseinandersetzung, die mit den Stichen endete. Die Frau erschien zwar jetzt vor der Jugendstrafkammer. Doch sie besaß ein Aussageverweigerungsrecht. Davon machte die Ukrainerin Gebrauch.

Unstrittig ist, dass der heute 20 Jahre alte Angeklagte nach dem gewaltsamen Übergriff Hals über Kopf aus dem Anwesen türmte, sich ein vor dem Haus stehendes Fahrrad griff und damit ins benachbarte Freihung fuhr. Dort ließ er das Bike stehen. Als es Kriminalbeamte in der Nähe eines Geschäfts sicherstellten, sahen sie Blutspuren am Lenker.

Ich bin in eine Baustelle gefallen.Erklärung des Angeklagten für Blut- und Schmutzflecke auf seiner Hose

"Nur zum Kaffeetrinken"


Man weiß auch, was der Kosovo-Albaner danach tat. Er rief ein Taxi und ließ sich ins Amberger Asylbewerberheim an der Kümmersbrucker Straße bringen. Dort suchte er einen Landsmann auf, der offenbar sofort bereit war, ihm Unterschlupf zu gewähren. Das hätten die Richter gerne von ihm selbst gehört. Doch er ist, wie eine intensive Suche ergab, "derzeit unbekannten Aufenthalts". Noch in Deutschland? Oder zurück im Kosovo? Keiner weiß es. So musste also eine schriftlich vorliegende Vernehmung verlesen werden. Ihr ließ sich entnehmen, dass der damals 19-Jährige "nur zum Kaffeetrinken" erschienen sei. An der Hose hätten sich Blutspuren befunden, dazu viel Schmutz. Wie es dazu kam, will der jetzt Verschwundene gefragt haben. Die Antwort angeblich: "Ich bin in eine Baustelle gefallen." Nicht lange darauf fuhren Polizeibeamte vor und nahmen den Verdächtigen fest. Die Tatwaffe fanden sie nicht. Das Messer ist bis heute verschwunden. Der Angeklagte schweigt beharrlich. Er lässt seine Verteidiger reden.

Es gab auch Zeugen an diesem Verhandlungstag, die als Kriminalbeamte an den Tatort gekommen waren. Dort müssen Blutlachen gewesen sein, die es zunächst schwierig machten, die eigentliche Stelle der Auseinandersetzung zu finden. Schließlich waren die Ermittler aber überzeugt, dass die Stiche in einem gemeinsam von allen Hausbewohnern genutzten Wohnzimmer erfolgten. Das passte zur Aussage des Opfers. Der 17-Jährige hatte geschildert, dass er in diesem Raum vom Angreifer zu Boden gebracht und dann rücklings auf eine Couch gedrückt wurde. Ohne ergründbaren Anlass und ansatzlos.

Unterdessen haben die beiden Verteidiger Jürgen Mühl (Amberg) und Dagmar Ciccotti (Maxhütte-Haidhof) viele Fragen gestellt. Dieses Insistieren und Nachbohren lässt erkennen, dass sie die Tötungsabsicht vom Tisch bringen wollen. Ob das gelingt, wird sich im Verlauf der kommenden Prozesstage zeigen müssen.

Regensburg wartet ab


Interessant ist: Der heute 20-Jährige stand zur Tatzeit im Verdacht, Mitglied einer Einbrecherbande gewesen zu sein. Das dazu bei der Staatsanwaltschaft Regensburg gegen ihn laufende Verfahren ist einstweilen eingestellt. Die dortigen Juristen wollen abwarten, was jetzt bei dem Verfahren in Amberg herauskommt. Für Beobachter ein Vorgang, der ungläubiges Kopfschütteln auslöste.
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