Urteil im Prozess gegen Messerstecher
Sechs Jahre Haft, dann Ausweisung

Das Urteil traf ihn wie ein Keulenschlag. Wegen versuchten Totschlags bekam ein 20-Jähriger aus dem Kosovo sechs Jahre Haft. Danach muss der Mann "zwingend mit seiner Ausweisung rechnen", wie ihm die Jugendstrafkammer des Landgerichts vor Augen führte.

Amberg-Sulzbach. Die Tat, geschehen in der Nacht zum 2. April 2015 in einem von Asylsuchenden genutzten Zweifamilienhaus in Seugast, ist lückenlos geklärt. Trotzdem blieben Fragen offen. Etwa: Ist der Angeklagte wirklich erst 20 Jahre alt? Er soll, wie im Prozess anklang, während seiner 2013 begonnenen unsteten Reise durch Deutschland den 25. Geburtstag gefeiert haben.

Es bleiben Fragen


Hinzu kommt: War es wirklich so, dass der Kosovare wegen eines Tötungsdelikts aus Albanien flüchtete? Gehörte er tatsächlich zu einer Einbrecherbande, die nordbayernweit ihr Unwesen trieb? Die Staatsanwaltschaft in Regensburg hat die Ermittlungen dazu seltsamerweise eingestellt. All das blieb unklar.

Wohl aber ist nach Meinung der Richter Tatsache, dass der Angeklagte in Seugast hörte, wie seine Freundin (31) mit einem damals 17 Jahre alten Ukrainer in einen Streit geriet. Der Kosovare zog ein Messer und ging brutal vor: Er griff sich den Burschen und versetzte ihm fünf tiefe Messerstiche. Einer davon ging in den Hals und war nach Auffassung der Jugendkammer "besonders gefährlich." Danach flüchtete der Mann und wurde später in einem Amberger Asylbewerberheim festgenommen. Das Messer fand man nie.

Über eine Stunde lang setzte sich Oberstaatsanwalt Dr. Thomas Strohmeier in seinem Plädoyer mit den Geschehnissen auseinander. Das Opfer habe sich nicht gewehrt, war er überzeugt und schilderte, wie der Ukrainer gepackt, geschlagen und gestochen wurde. "Mit seinem Schweigen hat der Täter dem Gericht einen Gefallen getan", ließ Strohmeier anklingen - auf diese Weise habe man sich nicht mit seiner Version des Tatablaufs auseinandersetzen müssen. Die Schilderungen gab es auf dem Papier. Denn vor Kripofahndern und dem Untersuchungsrichter hatte der Angeklagte wissen lassen, dass er selbst der eigentlich Attackierte gewesen sei. Schlichtweg gelogen, wie sich in der Verhandlung ergab.

Der Oberstaatsanwalt forderte wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung sieben Jahre Jugendhaft. Und weiter: "Er soll danach aus diesem Land entfernt werden. Solche wie ihn brauchen wir hier nicht."

Im Verlauf des viertägigen Prozesses hatten die Verteidiger Jürgen Mühl (Amberg) und Dagmar Ciccotti (Maxhütte-Haidhof) versucht, die Tötungabsicht ihres Mandanten vom Tisch zu bringen. Sie taten es auch in den Plädoyers und zeigten sich überzeugt, dass das angeblich wehrlose Opfer "natürlich Widerstand geleistet hat". Eine Auseinandersetzung, die sich nach Meinung der Anwälte irgendwie auf Augenhöhe abspielte. Also kein Totschlagsversuch, sondern ausschließlich gefährliche Körperverletzung. Mühl stellte keinen konkreten Strafantrag, Dagmar Ciccotti sprach sich für vier Jahre aus.

Opfer mit "riesigem Glück"


Die Jugendkammer war völlig anderer Ansicht. Sie schickte den Kosovaren sechs Jahre in Haft und hielt es für erwiesen, dass der Angeklagte den Tod seines Kontrahenten billigend in Kauf nahm. Allein schon die gezielte Vorgehensweise belege dies, sagte der Kammervorsitzende Christian Frey. Er attestierte dem Täter volle Schuldfähigkeit und sprach von "riesigem Glück, fast wie ein Sechser im Lotto, dass das Opfer nicht starb".

Wenn der 2013 nach Deutschland gekommene Kosovo-Albaner seine Strafe abgesessen hat, muss er nach Worten von Richter Frey "zwingend mit seiner Ausweisung rechnen". Das traf den Angeklagten besonders hart. Denn es könnte durchaus sein, dass man ihn in seiner Heimat sucht und auch dort vor Gericht stellt. Doch Genaues wissen die deutschen Behörden bis heute nicht. Ein juristischer Nebel, mitten in Europa.
Mit seinem Schweigen hat der Täter dem Gericht einen Gefallen getan.Dr. Thomas Strohmeier
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