Von Armen Seelen und Todesboten im Kreis Amberg-Sulzbach
"Das Sterben ist ein alter Brauch"

Das Saßlhof-Marterl bei Erlheim mit dem Bild von den Armen Seelen im Fegefeuer. Bild: Schmaußer (4)
   
Beispiele für zwei farbenfrohe Sterbebilder aus der Entstehungszeit des Brauches.
 
Die Exemplare stammen aus der Sammlung von Herbert Demleitner aus Hahnbach.

Die Bäume und Sträucher verlieren ihre Farbenpracht. Der Wind heult um die Häuser. Dass es jetzt früher dunkel wird, stört Heimatpfleger Josef Schmaußer nicht. Er ist Experte für Totenbräuche und liebt die Zeit um Allerheiligen.

Amberg-Sulzbach. "Eine eigenartige Stimmung liegt in den Tagen um Allerheiligen und Allerseelen", sagt Josef Schmaußer. "Nicht von ungefähr hat die Kirche das Gedenken an die Verstorbenen in diese Zeit gelegt." Der Lehrer aus Hohenkemnath schätzt diese Hoch-Zeit des Herbstes ganz besonders. "Weil wieder der Blick auf das Wesentliche gelenkt wird. Auf die Tatsache, dass jeder von uns stirbt." Schmaußer sagt diese Worte ganz ohne Traurigkeit, über sein Gesicht huscht stattdessen ein Lächeln.

Warum er lacht? Weil er an die Sprüche denken muss, die sich die Hinterbliebenen früher oft einmal ausgedacht haben, um den Verstorbenen zu charakterisieren. Da stand dann schon mal "Hier ruht Frau Barbara Lentner, sie wog gut dritthalb Zentner. Gott geb' ihr in der Ewigkeit nach ihrem Gewicht die Seligkeit!" Eine schöne Art zu trauern sei das, weil sie verdeutliche, dass das Leben weitergeht und am besten mit Humor zu bewältigen sei.

"In früheren Zeiten hatten die Menschen einen viel natürlicheren Umgang mit dem Tod, der ja damals viel häufiger an die Türen der Leute klopfte", betont Schmaußer. "Leben und Sterben fügten sich fast natürlich in den Lebens- und Jahresablauf ein. Das Sterben wurde von klein auf als zum Leben gehörig erfahren." Heute werde der Tod oft tabuisiert und verdrängt.

Der erste Tote


"Ich erinnere mich noch sehr gut an den ersten Toten, den ich mit sechs Jahren im Gang seines Hauses aufgebahrt sah", erzählt der Hohenkemnather. "Wir beteten vor dem offenen Sarg, gaben Weihwasser und marschierten mit klopfendem Herzen heim." Die Erwachsenen beteten noch den Rosenkranz und hielten Totenwache. Die Rituale rund um das Sterben war allen geläufig. Bärbel Köppl aus Neukirchen habe diesen Umstand einmal treffend in Worte gefasst "Das Sterben, das ist bei uns ein alter Brauch", habe sie gesagt.

Früher konnte man "schön sterben". Das war laut Schmaußer der Fall, wenn man wohlvorbereitet und ganz bewusst ins Jenseits hinüberging, nicht bevor man mit Gott und der Welt seinen Frieden geschlossen und seine irdischen Angelegenheiten noch in Ordnung gebracht hatte. "Nichts fürchtete man mehr, als den plötzlichen, überraschenden Tod, der keine Zeit zur Vorbereitung und zur Einstimmung auf das Sterben hatte." Wer die Sterbesakramente (Beichte, Kommunion, letzte Ölung) nicht mehr empfangen konnte, der musste nach weit verbreitetem Glauben eine gewisse Zeit - je nach Sündenkonto - die Qualen des Fegefeuers erleiden. "Deshalb gibt es relativ viele Allerseelenmarterln, bei denen oft recht anschaulich die Pein der Armen Seelen im Fegefeuer dargestellt ist."

Jede Familie war auf den Tod vorbereitet, deshalb gehörte zum Haushalt eine Versehgarnitur. Sie bestand aus einem Standkreuz, einem kleineren Sterbekreuz, einem Tablett und drei Schalen, oftmals auch einem Behältnis für Weihwasser. Der Pfarrer wurde zum Versehgang gerufen und von zwei Ministranten begleitet, die, wenn man auf Passanten traf, mit den Glöckchen läuteten. Im Haus des Sterbenden warteten schon die Angehörigen.

War der Tod eingetreten, wuschen die Hinterbliebenen den Toten, deckten ihn mit Wäsche ein und riefen den Leichbeter. Seine Aufgabe war es, die Öffentlichkeit über den Tod und die anstehende Beerdigung zu informieren. Die Verwandten übergaben dem Leichbeter eine Liste mit den Familien und Orten, bei denen "eingesagt" werden musste. Dabei tat der Bote den Name des Verstorbenen, den Tag der Beerdigung und die Uhrzeit des Sterberosenkranzes und des Trauergottesdienstes kund. Üblicherweise erhielt der Leichbeter ein Ei, ein Stück Geräuchertes oder Bratwürste als Lohn für seine Dienste.

Lieblose Sterbebilder


"Die Sterbebilder sind ein relativ neuer Brauch", weiß Schmaußer. "Bei Geistlichen gab es bereits anfangs des 19. Jahrhunderts Todesanzeigen und Totenzettel. Ab dem Krieg 1870/71 tauchen die ersten Sterbebilder für Gefallene auf." Als besonders schön, liebevoll und kunstfertig beschreibt der Heimatpfleger die Sterbebilder aus der Zeit bis 1930. So kühl wie die Gesellschaft heute mit dem Thema Tod umgeht, so nüchtern sind oft auch die Sterbebilder. "Manchmal einfach lieblos."

Der Verstorbene wurde, wenn er zu Hause aufgebahrt wurde, auf ein sogenanntes Bahrbrett gelegt. Auf ihm ruhte der Leichnam die drei Tage vom Sterben bis zum Begräbnis. "Dieses Totenbrett gab man früher, da der Tote ja noch ohne Sarg in das Grab gelegt wurde, dem Verstorbenen mit in die Erde. Man deckte es über den Leichnam, um ihn vor Verletzungen beim Einschaufeln zu schützen." Nachdem später die Särge aufkamen, wurde das Totenbrett überflüssig. Die heilige Scheu verbot es, das Bahrbrett noch irgendwie für häusliche Zwecke zu nutzen. So kam man auf den Gedanken, das Totenbrett als Andenken aufzustellen.

Ein Gebäck als Opfer


Im November hat das Totengedenken Tradition. Dazu gehört auch das Allerseelen-Gebäck. "Seelenwecken" heißen die Hefezöpfe in der südlichen Oberpfalz, "Allerheiligen-Spitzl" etwas weiter nördlich. "Dass das Gebäck einst als Opfer für die Armen Seelen gedacht war, haben wir vergessen", sagt Schmaußer. Er kennt aber noch den Hintergrund: "Im katholischen Glauben haben die Lebenden für die Seele eines Verstorbenen Sorge zu tragen. Sie sollen möglichst kurz im qualvollen Fegefeuer leiden müssen."

Früher herrschte der Glaube, dass den verstorbenen Verwandten die Tür zum Himmel eher offensteht, wenn man Arme und Schwache mit Almosen bedenkt - etwa einem "Seelenwecken". "Die Gläubigen beschenkten am Allerseelentag immer sozial Schwächere. Zu diesen zählten Dienstboten, die Leute, die im Armenhaus lebten oder Kinder. Vom "Seelenwecken" leitet sich auch der besonders im Amberg-Sulzbacher Land bekannte Brauch des Spießwecken-Tragens bei Hochzeiten ab. Früher war es so, dass der Firmpate seinem Firmling im Jahr der Firmung ein etwa 1,20 Meter langes "Allerheiligen-Spitzl" schenkte. Im Jahr darauf musste das Spitzel nur noch 1 Meter lang sein. Im dritten Jahr reichte eine Länge von 80 Zentimetern.

"Dann wurde mit dem Geschenk bis zur Hochzeit des Patenkindes ausgesetzt. Das letzte Spitzl war dann bei der Hochzeit der überdimensionale Spießwecken. Dann hatte das Patenkind seinen eigenen Hausstand und die treusorgende Aufgabe des Paten war erfüllt." Das Thema Tod und Sterben war bis zum Wirtschaftswunder allgegenwärtig im Leben der Menschen - und war gerade deswegen nicht angstbeladen. Im Gegenteil. Die Gläubigen begegneten der Tatsache, dass das Leben endlich ist, durchaus mit Humor. Wie etwa die Mutter Josef Schmaußers. Von ihr stammt der Spruch: "Das Sterben, das heb ich mir zuletzt auf!"

Ein Feuer für die Armen SeelenDas Bild von den Armen Seelen im Fegefeuer ist bei den Flurdenkmälern im Landkreis Amberg-Sulzbach weit verbreitet. Der Überlieferung nach wurde das Marterl oben im Bild aus Anlass eines Unglücksfalles errichtet. Ein aus dem Saßlhof (um 1800 verlassener Hof südöstlich von Erlheim) stammender Bauer soll von scheuenden Ochsen zu Tode geschleift worden sein. Die Arme-Seelen-Darstellung malte 1991 der vor vier Jahren verstorbene Kunsterzieher Herbert Warzecha aus Sulzbach-Rosenberg.

Der Verunglückte war ohne Empfang der Sterbesakramente verstorben und deswegen im Fegefeuer gelandet. Daran erinnert das Bildmotiv. Durch die Fürsprache der Betenden am Marterl soll die Wartezeit des "ohne die Tröstungen der Kirche" Verstorbenen verkürzt werden. Mit diesem Denkmal war bis 1962 ein heute nur noch älteren Erlheimern bekannter Brauch verbunden.

Früher hielt an dieser Stelle der Totenwagen, wenn ein Verstorbener von Garsdorf zum Friedhof nach Erlheim überführt wurde. Die Trauergesellschaft hielt kurz inne und betete, denn der Tote "sah" zum letzten Mal auf seine Heimat zurück. Auf der Rückfahrt von der Beerdigung wurden an derselben Stelle die Strohbüschel, auf denen der Sarg gestanden hatte, damit er nicht hin- und herrutschte, abgeworfen und verbrannt. In der Gemeinde Ursensollen ist dieser Brauch noch für den Weg von Thonhausen nach Hausen, beim "Gelbmüller-Marterl", und für den Weg von Oberhof nach Ursensollen, am "Oberhofer Kreuz", bezeugt. (schß)


Von Todesboten und der Ausschütt-TruheDie Vorstellung, dass sich der Tod ankündigen kann, war auch im Kreis Amberg-Sulzbach weit verbreitet. Der Volksglaube kannte viele verschiedene Anzeichen für einen bevorstehenden Tod.

Der Nachtkauz ruft, Krähen sammeln sich um das Haus, eine Krähe setzt sich ans Fenster, Haustiere benehmen sich merkwürdig, im Haus ertönen unergründliche Klopfzeichen, eine Wanduhr bleibt stehen, ein Bild fällt von der Wand, während der Wandlung bei der Messe schlägt die Turmuhr oder eine Kerze erlischt - all das deuteten viele Menschen als Anzeichen dafür, dass ein Nahestehender sterben muss. "Besonders während der beiden Weltkriege glaubte man oft, die Vorboten des Todes vernommen zu haben, wenn der Vater oder der Sohn gefallen war", erzählt Josef Schmaußer. Er kennt auch die Herkunft der Redewendung "jemand hat es vom Stangerl gehauen". "Damit sind die Stangen gemeint, die früher über das offene Grab gelegt wurden. Auf sie wurde der Sarg gestellt, bis die Stricke unter der Truhe durchgezogen waren, an denen der Sarg in die Tiefe gelassen wurde."

Erst um das Jahr 1800 seien in der Region Särge aufgekommen. "Früher waren an vielen Orten sogenannte Ausschütt-Truhen üblich. Am Grab wurde der Deckel dieser wiederverwendbaren Särge aufgeschlagen und die Leiche in das Grab geschüttet." (upl)
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