Winterzählung der Großen Hufeisennasen
Neuer Rekord der Abhänger

 
Zwischen kleinen Tropfsteinen von der Decke hängen: So verbringen die Große Hufeisennasen aus Hohenburg liebend gern den Winter. Die neueste Zählung hat mit 149 einen Höchststand bei den immer noch vom Aussterben bedrohten Tieren ergeben. Bild: Leitl
 

Rudolf Leitl war wieder in den Höhlen, in denen Fledermäuse überwintern. Da geht es oft recht eng und dreckig zu. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie Leitl nach seinen Expeditionen aussah. Aber zum Schluss kam er mit einem Lächeln auf den Lippen wieder ans Tageslicht.

Denn die Großen Hufeisennasen haben ihre Zahl noch einmal gesteigert. Diesen vom Aussterben bedrohten Fledermäusen widmet sich der gelernte Diplom-Forstwirt Leitl als Gebietsbetreuer des Landesbundes für Vogelschutz und als Verantwortlicher für das Hohenburger Fledermaushaus. Dort logieren die fingergroßen Winzlinge im Sommer. Im Winter aber zieht es sie überwiegend in Höhlen auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels, wo sie mehr Ruhe und eine dauerhafte Frostsicherheit haben.

Nachdem Leitl die ersten drei Höhlen im Übungsplatz untersucht hatte, war er zunächst enttäuscht, denn dort überwinterten weniger Große Hufeisennasen als im Vorjahr. Dass die Gesamtzahl dann dennoch von 134 auf 149 sprang, liegt an der vierten Höhle und am Keller des Fledermaushauses, wo sich 13 beziehungsweise 20 Tiere mehr als 2015 ein Winterquartier gesucht hatten.

Im Keller können die Tiere erst seit der Sanierung des Hauses 2010 überwintern. Dass ihre Zahl jetzt so hoch liegt - bei 35 -, "ist aber kein gutes Zeichen", meint Leitl. Denn es halten sich fast nur Jungtiere im Keller auf. "Das ist ein Zeichen, dass sie nach dem Herbst noch nicht so fit waren, dass sie weiter rumfliegen und die Höhlen erkunden konnten."

Auch dadurch sieht Leitl seine Einschätzung bestätigt: "2015 war kein gutes Fledermausjahr." Es brachte zwar sowohl bei der Winter- als auch bei der Sommerzählung neue Höchststände (134 und 142), doch das ist laut Leitl noch eine Folge des "hervorragenden Fledermausjahres 2014", als die Witterung für die Tiere nahezu perfekt war: ein warmes Frühjahr, ein nicht zu heißer Sommer. Ganz anders dann 2015: der Frühling im Mittel drei Grad kälter als im Jahr davor, der Sommer eine einzige Trockenperiode.

Dadurch pflanzten sich die Insekten in viel geringeren Zahlen fort als sonst, was die Großen Hufeisennasen als Mangel an Beutetieren wahrnahmen, so dass weniger Weibchen fortpflanzungswillig waren. Folge: Erstmals seit 2001 gab es im Fledermaushaus 2015 weniger Geburten als im Vorjahr: 49 gegenüber 50. Kein Drama, aber man war eben einen ständigen Anstieg gewohnt, 2014 sogar um 13 Jungtiere gegenüber 2013.

Wenn du nur eine Kolonie hast, kann ein einziges Schadensereignis - etwa eine Krankheit - gewaltigen Schaden anrichten.Rudolf Leitl

Wie müsste jetzt heuer das Wetter werden, um die Gebärfreude der Tiere zu fördern? Sonnige Tage ab Mitte März, wünscht sich Leitl, damit die Hufis schon einmal jagen können. Denn der Mangel an Insekten ließ sie nicht so gut in den Winterschlaf kommen, so dass sie bald ihre Energiespeicher auffüllen müssen. Aber wie merkt eine Fledermaus, die bei gleichbleibenden Temperaturen tief in einer Höhle schlummert, dass draußen die Sonne scheint? "Die Tiere sind hoch sensitiv", klärt Rudolf Leitl auf. "Sie stellen das vermutlich über den Luftdruck fest."

Insgesamt ist Leitl mit der Entwicklung der Großen Hufeisennasen rund um Hohenburg 2015 "absolut zufrieden". "Wir freuen uns über die Zunahme", sagt er. "Vor zehn Jahren hat das kein Experte zu hoffen gewagt." Nachhaltig gesichert ist das Überleben der seltenen Fledermausart in Deutschland aber erst, wenn sie drei bis fünf weitere Kolonien gegründet haben. "Denn wenn du nur eine Kolonie hast, kann ein einziges Schadensereignis - etwa eine Krankheit - gewaltigen Schaden anrichten." Deshalb hält Leitl die dauernde Überwachung des Bestandes für enorm wichtig. Und darum wird er sich auch im nächsten Winter wieder durch feuchte und schmutzige Höhlen bewegen, um die Häupter seiner kopfüber hängenden kleinen Schützlinge zu zählen.

HintergrundEin Paradies für Fledermäuse
Wie groß müsste die Kolonie der Großen Hufeisennasen in Hohenburg werden, um einen Ableger zu bilden? Früher ging man nach den in Mitteleuropa festgestellten Zahlen davon aus, dass eine Kolonie maximal aus 200 Tieren bestehen kann, sagt Rudolf Leitl. Damit wäre die Größe in Hohenburg schon in einem Bereich, der Neugründungen in den kommenden Jahren wahrscheinlich machte.

Dann kamen allerdings die Briten mit einem Vorzeigeprojekt zur Großen Hufeisennase in Devon und stellten diese Regeln auf den Kopf. Sie bauten ein optimiertes Haus für die Tiere und gestalteten auch die Landschaft drumherum zu einem Paradies für Fledermäuse um. Da wurden etwa viele Hecken gepflanzt oder Verträge mit allen Landwirten abgeschlossen, dass sie keine Spritzmittel verwenden dürfen.

Folge: Den Großen Hufeisennasen gefiel es dort so gut, dass sie sich gewaltig vermehrten, ohne ihre Kolonie zu teilen. 2014 war sie schon auf 1500 Tiere angewachsen, 2015 auf 2000, erzählt Leitl. Da stellt sich die Frage, ob die Hohenburger Bedingungen ebenfalls so gut sind, dass keine Fledermaus auswandern will. Damit meint Leitl durchaus auch die Natur im Lauterachtal: "Man findet weit und breit keine solche Landschaft."

Keine Ruhe im Winterquartier
Einige wenige Große Hufeisennasen aus Hohenburg zählt Rudolf Leitl jeden Winter auch in kleineren Höhlen rund um Königstein und Neukirchen. Heuer waren es tatsächlich nur einzelne Exemplare. Laut dem LBV-Gebietsbetreuer kann das sowohl an der schlechten Konstitution der Tiere liegen als auch an der mangelnden Ruhe in den wenigen geeigneten Höhlen - es sind keine 20 Stück.

Für Unruhe sorgen zum Beispiel Boulderer, Höhlenforscher oder einfach Abenteuerlustige, die mal in einer Höhle übernachten und dabei auch Feuer schüren. "Im Großen Bauernloch im Felsenlabyrinth bei Sackdilling ist deswegen eine Fransenfledermaus an einer Rauchvergiftung gestorben", berichtet Leitl über die Folgen. Er überlegt jetzt, wie man die Leute wenigstens im Winter von den Höhlen fernhält, damit die Großen Hufeisennasen einen guten Grundstock an Quartieren haben. Das Recht hat er dabei auf seiner Seite: Das Bundesnaturschutzgesetz verbietet es, Höhlen, "die als Winterquartier von Fledermäusen dienen, in der Zeit vom 1. Oktober bis zum 31. März aufzusuchen". Leitl: "Das weiß bloß keiner."
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