Wo im Landkreis Amberg-Sulzbach der Biber haust
Bib, der Baumeister

Putzige kleine Biber, die sich an die Mama kuscheln, die sind in der freien Natur kaum vor die Kamera zu bekommen. Dazu muss man schon in einen Zoo. Diese Aufnahme entstand 2013 im zoologisch-botanischen Garten Wilhelma in Stuttgart. Biber bekommen für gewöhnlich ein bis drei Junge. Sie bleiben etwa zwei Jahre bei der Familie, ehe sie sich eigene Reviere suchen. Die maximale Lebenserwartung der Tiere liegt bei etwas über zehn Jahren. Bild: Thomas Hörner/Wilhelma Stuttgart/dpa
 
Pappeln zählen neben Weiden zu den Leibspeisen des Bibers (er mag vor allem die nahrhafte Rinde). Seinen scharfen Zähnen hält kein Baum lange stand. Bild: wsb
 
Horst Schwemmer, der Biberberater Nordbayern des Bundes Naturschutz, neben einer Biberburg bei Kötzersricht. Durch die Arbeit des Bibers entsteht ein gesteigertes Totholzangebot im und am Wasser, das vielen Insektenarten ideale Lebensräume schafft. An Biberburgen wurde laut BN-Angaben eine gegenüber dem restlichen Gewässer 80-fach erhöhte Fischdichte festgestellt. Der Biber gilt deshalb als "Schlüsselart" für die Artenvielfalt der Gewässerökosysteme.

Angeblich hat er ja schon den ganzen Landkreis besiedelt. Aber versuchen Sie mal, einen vor die Linse zu kriegen. Plötzlich geht es nach dem Motto: der Biber, das unbekannte Wesen. Doch Horst Schwemmer weiß, wo der umstrittene Nager haust.

Amberg-Sulzbach. Schwemmer ist Bibermanager Nordbayern beim Bund Naturschutz. Seine Aufgabe ist es - etwas vereinfacht ausgedrückt -, die Gemüter zu beruhigen, wenn es mal wieder Ärger mit dem Biber gibt. Denn ein Tier, das leidenschaftlich gern Uferböschungen untergräbt, auf denen Landwirte mit ihren Traktoren unterwegs sind, hat natürlich nicht nur Freunde. Auch der Teichwirt, dessen Damm zwischen zwei Weihern plötzlich nachgibt, weil der Biber sich dort austobte, oder der Gartenfreund, dessen Obstbäume über Nacht Spuren von großen Nagezähnen aufweisen, sind nicht gut auf das einstmals in Bayern schon ausgestorbene Tier zu sprechen.

Wer kennt noch Reviere?


Schwemmer soll also für Frieden sorgen. Dazu bildet er örtliche Biberberater aus, berät die Behörden bei besonders verzwickten Biberkonflikten und macht die Vorteile der (Wieder-)Ansiedlung der Tiere deutlich. Kartierung der Vorkommen gehört auch zu seinen Aufgaben, und dabei ist ihm aufgefallen, dass die ausgerechnet in Amberg-Sulzbach, wo der 48-Jährige in Teilzeit als Kreisgeschäftsführer des Bundes Naturschutz tätig ist, noch in den Kinderschuhen steckt. Er hat deshalb in Zusammenarbeit mit unserer Zeitung mal die ihm bekannten Biberreviere im Landkreis in einer Grafik dargestellt (siehe oben). Um die 100 dürften es sein, wobei Schwemmer davon ausgeht, nicht alle zu kennen, und dankbar wäre für Hinweise auf weitere Reviere mit bekannten Burgen (per Mail an Horst.Schwemmer@bund-naturschutz.de). Zum Vergleich: Im Landkreis Ansbach gibt es 411 kartierte Biberreviere.

Weil der Biber nur am Wasser leben kann, verbreitet er sich auch im Landkreis entlang von Flüssen und Bächen. "Ein Weiher ist ihm als Lebensraum aber genauso recht wie ein Fluss", sagt Schwemmer. "Er braucht aber Gehölze außen rum." Denn als reiner Vegetarier schätzt der Biber Knospen, Blätter, Zweige und die Rinde von Pflanzen. "Weiden und Pappeln sind seine Lieblingsnahrung", weiß Schwemmer. Birken oder Haselnuss verschmäht der Feinschmecker auch nicht. "Aber an die Schwarzerle zum Beispiel geht er nicht ran." Wobei der fleißige Nager selbst vor größeren Bäumen nicht zurückschreckt. "In zwei bis drei Nächten legt er auch stärkere Bäume um", hat Schwemmer festgestellt. Des Bibers eigentliches Leibgericht ist aber die Zuckerrübe. "Um an die zu kommen, baut er auch mal eine 20-Meter-Röhre."

Meisterwerk Biberburg


Wenn es nicht zu kalt ist, sind die Tiere sogar im Winter aktiv. Sollte es draußen ungemütlich sein, bleiben sie aber lieber im Bau und bedienen sich von den "Nahrungsflößen", die sie vorsorglich anlegen. Von außen sieht die Biberburg oft wie ein Haufen achtlos hingeworfener Äste aus. Von innen ist sie aber ein Meisterwerk tierischer Architektenkunst. Der Eingang ist immer unter Wasser, damit kein unerwünschter Besuch hineinfindet. Die gute Stube, in der der Nachwuchs aufgezogen wird, ist ein Kessel mit etwa einem Meter Durchmesser. Damit der Wasserstand rund um sein Heim immer passt, legt der Biber Dämme an. Damit staut er oft Bäche und schafft neue Teiche oder auch größere Wasserlandschaften - Bib, der Baumeister, sozusagen. Was den Besitzern dieser Areale oft nicht gefällt, hat nach neuen Untersuchungen sehr positive Auswirkungen auf die Artenvielfalt (siehe "Bibers Bilanz").

Das Todesurteil


"Biber sind eine besonders und streng geschützte Art", sagt Horst Schwemmer. Dieser Schutz gilt auch für ihre Burg und ihre Dämme. Was aber, wenn die Tiere Schäden anrichten? Das kommt durchaus vor, weiß Schwemmer. Zum Beispiel können ihre Röhren die Dämme zwischen Weihern zerstören und so der Teichwirtschaft Verluste bescheren. "Dann dürfen sie mit einer Genehmigung entnommen werden." Das heißt, man fängt und tötet die Tiere. Auch von Traktoren, die an Ufern in Biberbauten einbrechen, hört man gelegentlich. "Da ist mehr Abstand zum Ufer die Lösung", findet der Bibermanager. Einen Gewässerrandstreifen hält er angesichts des geforderten Greenings ohnehin für das Richtige.

Biberburgen werden in der Regel von einer ganzen Familie (bis zu sechs Tiere) bewohnt. Wenn die Jungtiere zwei Jahre alt und geschlechtsreif sind, müssen sie aber das elterliche Revier verlassen und sich ein eigenes suchen. Haben sie Glück, finden sie freie Gewässer - wie den Hirschbach, an dem erst seit etwa drei Jahren Biber siedeln. Haben sie Pech, treffen sie auf einen kräftigen und grantigen Artgenossen, der sein Revier mit Zähnen und Klauen verteidigt. "Viele Tiere kommen bei diesen Kämpfen ums Leben", sagt Horst Schwemmer. "Oft durchbeißen sie sich mit den starken Zähnen die Bauchdecke."

Dieses tödliche Reviersystem (Verbeißen von Jungtieren) ist nach Angaben des BN dafür verantwortlich, dass in Landkreisen, die schon 30 Jahre und mehr besiedelt sind, der Bestand irgendwann stagniert, weil keine weiteren Reviere mehr zur Verfügung stehen.

1867 schon ausgerottet


In Bayern war der Biber seit 1867 ausgestorben. Besser gesagt: Die Menschen hatten die einst wohl um die 100 000 Tiere zählende Population ausgerottet, unter anderem wegen des Pelzes und des begehrten Bibersekrets. Zwischen 1966 und 1982 wurden 120 Exemplare wiedereingebürgert. Heute geht man von 4500 Revieren und rund 18 000 Tieren in ganz Bayern aus. Das ist mehr als die Hälfte der Gesamtzahl in Deutschland (30 000), weil hier die Wiederansiedlung am frühesten begann, sagt Horst Schwemmer. Er rechnet auch für den Landkreis mit einer weiteren Ausbreitung seiner Schützlinge. "Im Lehental sind sie zum Beispiel noch nicht. Da dürften sie aber bald auftauchen."

In zwei bis drei Nächten legt er auch stärkere Bäume um.Horst Schwemmer


Bibers Bilanz"Biber leben unter dem Generalverdacht, nur Probleme zu machen", schreibt der Bund Naturschutz in einer Broschüre. Aus zwei Jahrzehnten Bibermanagement gewinne man aber die Erfahrung, dass es in den meisten bayerischen Biberrevieren keine oder nur geringe Konflikte gebe.

Seit 2008 gibt es einen Ausgleichsfonds des Freistaates für Schäden, die der Biber in der Land-, Forst- und Teichwirtschaft anrichtet. Er enthält 450 000 Euro. Die gemeldeten Schäden lagen in den vergangenen Jahren zwischen 511 000 und 710 000 Euro (im Jahr 2014). Deshalb wird mittelfristig eine Aufstockung der Summe auf 600 000 Euro gefordert.

An Leistungen des Bibers nennt der Bund Naturschutz:

In Biberfeuchtgebieten steigt die Artenvielfalt bei Fischen, Amphibien, Libellen und Vögeln sprunghaft an. "Biber sind unsere wichtigsten Verbündeten, um den fortschreitenden Verlust bedrohter Tier- und Pflanzenarten zu verhindern. Keine zweite Tierart schafft an Gewässern und in Auen anderen Pflanzen und Tierarten so viel Lebensraum", sagt Richard Mergner, der Landesbeauftragte des Bundes Naturschutz.

Der Biber renaturiert kostenlos ein Biotop, was bei Einsatz eines Baggers pro Hektar Kosten von durchschnittlich 30 000 Euro verursachen würde.

Wasserrückhaltung durch Biberreviere hat sowohl einen positiven Effekt auf die Grundwasserneubildung und die Selbstreinigungskraft der Fließgewässer als auch auf den Hochwasserschutz, weil so die Flutwelle zumindest hinausgezögert wird.

Der Bund Naturschutz rechnet vor, dass trotz Fraßschäden (etwa im Mais) "die unmittelbaren ökonomischen Leistungen des Bibers in Bayern" im Minimum bei 50 Millionen Euro im Jahr liegen, "also um den Faktor 70 über den Schäden". (ll)
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