Zeitenwende für Hilfskräfte
Notfallsanitäter als neuer Beruf

Stellvertretender Rettungsdienstleiter Erwin Gräml (rechts) und Lehrrettungsassistent Armin Troglauer sind Rettungsassistenten. Da es mit dem Notfallsanitäter einen neuen Beruf gibt, werden sie zusätzliche Ausbildungsstunden machen und eine Ergänzungsprüfung ablegen müssen. Bild: Hartl

Im Rettungswesen vollzieht sich eine stille Zeitenwende: Der Notfallsanitäter löst den Rettungsassistenten ab. Gesetzlich verankert wurde nicht nur ein neues Berufsbild, sondern auch erweiterte Kompetenzen.

Amberg-Sulzbach. Derzeit ist es noch eine Art Mischverhältnis. Während auf den Rettungswachen in der Region noch der eine oder andere angehende Rettungsassistent sein Wachpraktikum ableistet, absolvieren die künftigen Notfallsanitäter schon ihre duale Ausbildung in einem neuen Berufsbild. Im Interview erklären Erwin Gräml, stellvertretender Rettungsdienstleiter des BRK-Kreisverbandes Amberg-Sulzbach und Leiter der Rettungswache Sulzbach-Rosenberg, und Lehrrettungsassistent Armin Troglauer die Unterschiede. Sie sprechen aber auch über die Herausforderungen in der Übergangszeit, denn etliche langjährige Rettungsassistenten werden umschulen.

Seit wann gibt es den Beruf des Notfallsanitäters?

Erwin Gräml: Zum 31. Dezember 2013 wurde das Bundesgesetz verabschiedet, seitdem gibt es den Notfallsanitäter. Parallel dazu haben wir aber bis März noch Auszubildende, die noch den alten Beruf des Rettungsassistenten gelernt haben. Bei uns in Sulzbach-Rosenberg absolviert einer davon derzeit sein Berufspraktikum auf der Wache.

Armin Troglauer: In Amberg ist es genauso. 24 Jahre lang hat es den Beruf des Rettungsassistenten gegeben, jetzt wurde er vom Notfallsanitäter abgelöst.

Was sind die Unterschiede in der Ausbildung?

Troglauer: Die Ausbildungszeit beim Rettungsassistenten betrug zwei Jahre. Für den Notfallsanitäter sind es drei Jahre. Was ich sehr gut finde, ist die duale Ausbildung, also den Wechsel von Unterricht in der Schule, Praxis auf der Wache und in der Klinik. Beim Rettungsassistenten war es bisher so, dass er ein Jahr zur Schule ging und dann eine Prüfung ablegte. Sein Anerkennungsjahr absolvierte er auf einer Lehrrettungswache. Hatte er nach dem Abschlussgespräch bestanden, konnte er seine Urkunde bei der zuständigen Bezirksregierung beantragen.

Jetzt ist es ein Jahr mehr an Ausbildung. Welche Inhalte sind neu dazu gekommen?

Gräml: Da ist zum Beispiel die Berufsethik mit dabei.

Troglauer: Der Notfallsanitäter soll mehr können und dürfen als der Rettungsassistent, eine größere Eigenverantwortung bei der notfallmedizinischen Versorgung übernehmen.

Wer regelt, was Notfallsanitäter dürfen und was nicht?

Gräml: Rechtlich abgesichert wird das durch den jeweiligen Ärztlichen Leiter Rettungsdienst. Er entscheidet, welche Medikamente freigegeben werden, damit der Rettungssanitäter sie verabreichen darf.

Was sind für junge Menschen die Voraussetzungen, um Notfallsanitäter lernen zu können?

Troglauer: Die Bewerber müssen mindestens mittlere Reife oder eine abgeschlossene Berufsausbildung haben. Für den Rettungsassistenten hatte bisher ein Hauptschulabschluss gereicht. Die Ausbildung selbst ist an zugelassenen Berufsfachschulen, die es zum Beispiel in Nürnberg und Bayreuth gibt.

Gräml: Wer sich für eine Ausbildung zum Rettungsassistenten entschieden hatte, der hatte meistens eine gewisse medizinische Vorbildung, weil er entweder schon eine Ausbildung im medizinischen Bereich gemacht hatte oder durch seinen Zivildienst mit dem Rettungsdienst in Berührung gekommen war. Das ist bei den Bewerbern für den Notfallsanitäter eher die Ausnahme. Die meisten, die sich bewerben, kommen direkt von der Schule, haben keinerlei medizinische Vorkenntnisse.

Ist es ein begehrter Beruf?

Gräml: Das Interesse ist schon groß, wir haben aktuell 15 Bewerbungen. Für das im Herbst 2017 startende Ausbildungsjahr sind Bewerbungen noch bis zum Januar möglich.

Troglauer: Auf den Wachen in Amberg und Sulzbach-Rosenberg haben wir je einen Auszubildenden im zweiten Lehrjahr und seit Oktober auf beiden Wache jeweils zwei neue Auszubildende im ersten Lehrjahr.

Die angehenden Notfallsanitäter sind auch auf der Wache. Was lernen sie dort?

Troglauer: Sie sollen dort in der Praxis trainieren und vertiefen, was sie in den schulischen Blöcken gelernt haben. Dafür sind auf den Wachen sogenannte Praxisanleiter zuständig. Die Auszubildenden sind natürlich in den Rettungsdienst eingebunden, dürfen jedoch nur zusammen mit einem ausgebildeten Rettungsassistenten ausrücken. In naher Zukunft, nämlich ab 2018, wird es so sein, dass sie nur in Begleitung eines Notfallsanitäters mit dem Rettungswagen unterwegs sein dürfen.

Wie sieht es mit den bisherigen Rettungsassistenten aus? Was machen sie künftig?

Gräml: Sie haben zwei Möglichkeiten. Sie können wie bisher Rettungsassistenten bleiben, dann werden sie aber in der Zukunft nicht mehr der Verantwortliche auf dem Rettungswagen sein, denn das ist dann ein Notfallsanitäter. Oder sie können sich zum Notfallsanitäter weiterbilden. Viele ältere Kollegen sagen, dass sich diese Möglichkeit für sie nicht mehr rentieren wird und sie sich das nicht antun wollen. Andere, vor allem die jüngeren, nehmen diese Gelegenheit natürlich wahr.

Wie sieht die Weiterbildung aus?

Gräml: Rettungsassistenten, die ihren Beruf schon viele, viele Jahre machen, hätten ursprünglich nur eine Prüfung machen müssen. Doch da hätten sehr viele ein ungutes Gefühl gehabt. Deshalb wurde in Bayern mit den Krankenkassen verhandelt. Als Ergebnis ist eine 80-stündige Zusatzausbildung rausgekommen. Wer dann zur Prüfung antritt und diese nicht schafft, kann sie wiederholen. Fällt man zum zweiten Mal durch, dann ist der Zug für den Notfallsanitäter abgefahren.

Troglauer: Die Fortbildung ist vor allem dem erweiterten Notkompetenzen-Katalog geschuldet. Damit eignet man sich Zusatzwissen an. Die 80 Stunden sind natürlich eine sehr gute Vorbereitung auf die Ergänzungsprüfung.

Wie sieht es mit Rettungsassistenten aus, die noch keine fünf Jahre im Beruf tätig sind?

Gräml: Wer drei bis fünf Jahre Rettungsassistent ist - Stichtag für die Anrechnung der Jahre war jeweils der 31. Dezember 2013 - , muss 480 Stunden absolvieren. Alle, die unter drei Jahre sind, müssen eine Ausbildung über 960 Stunden machen, auch jemand, der soeben seine Ausbildung zum Rettungsassistenten beendet hat, obwohl er ja auch alles gerade erst gelernt hat.

Wie lässt sich das in den Rettungsdienst-Alltag integrieren?

Gräml: Das ist personaltechnisch eine große Herausforderung. Wenn vier Rettungsassistenten den 960-Stunden-Kurs belegen, dann muss ich sie zumindest mit zwei Leuten ersetzen. Diese muss ich einstellen, zwar nicht dauerhaft, aber sicherlich für ein Jahr. Und dann ist natürlich die große Frage, was der Arbeitsmarkt hergibt. Denn nicht jeder Bewerber ist für den Rettungsdienst auch geeignet. Andererseits ist es auch eine Herausforderung, welche Rettungsassistenten man wann auf die Schule schickt. Sie sollen ja zeitnah fortgebildet werden. Selbst wenn man mehrere gleichzeitig schicken könnte, stellt sich dann die Frage, ob die Schulen freie Plätze haben.

Physisch und psychisch belastendDer Beruf des Notfallsanitäters höre sich für junge Menschen sicherlich toll an, findet Armin Troglauer, Lehrrettungsassistent der BRK-Wache in Amberg. "Es klingt nach Herausforderung und nach Action", sagt er. Eines will er aber nicht verhehlen: Der Rettungsdienst bringt physische und psychische Belastungen mit sich.

Stellvertretender Rettungsdienstleiter Erwin Gräml pflichtet ihm bei. "Bei Einsätzen sind häufig unschöne Dinge zu sehen", sagt er. Tote Menschen beispielsweise, in Wohnungen, aber auch an Bahngleisen nach Suiziden.

Angehende Notfallsanitäter dürfen nach Angaben von Erwin Gräml im ersten Ausbildungsjahr keine Nachtschichten absolvieren, im zweiten Jahr dann nicht mehr als zehn Prozent. Armin Troglauer, Lehrrettungsassistent beim BRK in Amberg, bezeichnet den Ausbildungsverlauf als "sehr strukturiert aufgebaut".

Stück für Stück soll der künftige Notfallsanitäter an seinen Tätigkeitsbereich und seine Verantwortung herangeführt werden. Strukturiert sei aber genauso die Ausbildung des Rettungsassistenten gewesen, betont Gräml. So sei der angehende Rettungsassistent als dritter Mann mitgefahren, erst im Krankenwagen, dann im Rettungswagen. (san)


"Sinnvoller und guter Schritt"Gerade in der Notfallrettung hat sich nach Angaben von Armin Troglauer in den vergangenen Jahren vieles weiterentwickelt. "Die Berufsausbildung anzupassen, ist sicherlich sinnvoll und ein guter Schritt", sagt er über den neuen Beruf des Notfallsanitäters.

Armin Troglauer ist einer der Praxis-Anleiter (bisherige Lehrrettungsassistenten) in Amberg. In dieser Funktion ist auch sein Kollege Stephan Hirsch tätig. In Sulzbach-Rosenberg übernehmen diese Aufgabe Christian Meister und Joachim Lösch, in Auerbach Udo Kleefeldt. Sie sind für die angehenden Notfallsanitäter während des Wachpraktikums die Ansprechpartner und achten darauf, dass all das, was die Auszubildenden in der Schule gelernt haben, auf den Wachen umgesetzt und trainiert wird. Ob bisheriger Rettungsassistent oder künftiger Notfallsanitäter: Zweifelsohne ist es ein Beruf mit einem hohen Maß an Verantwortung. Von der Erstversorgung eines Notfallpatienten hängt nicht selten davon ab, wie seine Genesung verläuft. "In der Notfallrettung ist man mit jedem erdenklichen medizinischen Gebiet konfrontiert - vom Augennotfall über eine Geburt bis hin zum Herzinfarkt oder Verletzungen nach einem schweren Verkehrsunfall", sagt Troglauer. (san)


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