Mehr Ausbildungsplätze als Bewerber
Lehrstelle als Leerstelle

"Man muss Eltern auch sagen, dass es für ihr Kind nicht nur eine Karriere-Chance gibt, wenn es Abitur und Studium hat." Zitat: Johann Schmalzl, Leiter der IHK-Geschäftsstelle Amberg

Deutlich mehr Angebote als Bewerber: Jeder, der eine Lehrstelle sucht, könnte aus knapp zehn Ausbildungsplätzen auswählen. Rein rechnerisch natürlich. Aber: Der Berufswunsch ist das eine, die Anforderungen das andere. Und so bleibt manche Lehrstelle eben trotzdem eine Leerstelle.

Amberg. Johann Schmalzl, Geschäftsstellenleiter der Industrie- und Handelskammer in Amberg, hat die Zahlen im Kopf. Zum Monatsende August waren noch rund 350 Ausbildungsstellen unbesetzt. Dem gegenüber standen 38 Bewerber, die noch nicht versorgt waren. Er hat auch die Daten der vergangenen Jahre parat: 2013 waren in Stadt und Landkreis 80 Ausbildungsstellen nicht besetzt, 2014 dann 109, im vergangenen Jahr 148 und heuer eben rund 350. "Das ist schon ein großer Anstieg." Auf 1345 Ausbildungsplätze kamen Ende August lediglich 977 Kandidaten. Schmalzl spricht von einer dramatischen Entwicklung.

Nähe zur Berufsschule


Besonders betroffen von der Situation, dass Lehrstellen nicht mehr besetzt werden können, ist in erster Linie das Handwerk. Aber nicht nur. "Das ist inzwischen auch bei den IHK-Berufen so", macht Schmalzl deutlich. Übrig bleiben jene Stellen, die nicht so attraktiv erscheinen. Aber auch die Tatsache, ob die Berufsschule in der Nähe ist, spielt eine Rolle bei der Entscheidung. Da würden viele Eltern zu ihrem Kind sagen: "Da suchst du dir lieber einen Beruf, wo die Berufsschule nicht so weit weg ist." Vor allem im Bereich des Hotel- und Gaststättengewerbes, aber auch im Handel sind einige Ausbildungsstellen noch nicht vergeben.

"Beim Handel aber haben wir inzwischen wieder ein deutliches Plus bei den Ausbildungsverträgen", sagt Schmalzl und nennt Zahlen für Ende August: 114 neu Verträge in Stadt und Landkreis. "Viele Betriebe forcieren jetzt die Ausbildung, weil sie Fachkräfte brauchen", weiß Schmalzl. Vor allem, wer im vergangenen Jahr keinen Lehrling bekommen hat, bietet heuer eben zwei oder auch drei Ausbildungsplätze mehr an. Der IHK-Mann erinnert sich an eine andere Zeit, als er händeringend Lehrstellen für junge Menschen suchte und gemeinsam mit Landrat und Oberbürgermeister eine Ausbildungsplatzbörse organisiert hat, um den einen oder anderen Bewerber noch unterzubringen. "Das ist erst sechs bis sieben Jahre her."

Weniger Schulabgänger


Damals musste Schmalzl die Werbetrommel rühren - bei den Unternehmen, ob sie nicht doch noch den einen oder anderen ausbilden könnten. "Ich habe sie aber damals schon auf den demografischen Wandel aufmerksam gemacht und ihnen gesagt, dass eine Zeit kommt, wo es weniger Schüler geben wird." Schmalzl denkt hier an die Ausbildungsplatzbörsen im König-Ruprecht-Saal, wo um die 100 unversorgte Jugendliche gekommen waren und dann 10 bis 15 Plätze vermittelt werden konnten.

"Heute haben wir deutlich weniger Schulabgänger." Hinzu komme eine immer höhere Quote von Abiturienten, die studieren. Schmalzl bringt das Beispiel eines Unternehmens, das einen Polsterer-Azubi sucht - und keinen findet. "Dabei ist das ein toller Beruf, der mit Wohndesign zu tun hat." Da habe man wohl auch versäumt, den Berufsnamen zu ändern, um ihn attraktiver zu machen.

Bis vor vier oder fünf Jahren beschäftigte die Industrie- und Handelskammer auch noch einen Ausbildungsplatz-Aquisiteur. Seine Aufgabe war es, neue Betriebe zu finden. Inzwischen muss bei den Jugendlichen die Werbetrommel gerührt werden. Oder bei deren Eltern. Deshalb bietet die IHK im November ein Elterncafé an: Ausbildungsscouts, also Azubis, die über ihren Beruf sprechen, stellen ihre Lehre und die duale Berufsausbildung vor. "Man muss Eltern sagen, dass es für ihr Kind nicht nur eine Karriere-Chance gibt, wenn es Abitur und Studium hat."

Gewisse Überzeugungsarbeit muss Schmalzl trotzdem noch bei den Unternehmen leisten. So wirbt er bei ihnen darum, vermeintlich schwächeren Schülern eine Chance zu geben. "Jeder kann was, jeder hat irgendein Talent", ist der IHK-Leiter überzeugt. "Aber auch mit Migranten müssen wir uns intensiv beschäftigen." Bei denen sei zunächst die Sprachkompetenz wichtig. "Sonst funktioniert das mit der Ausbildung nicht."

Bäcker, Metzger, Friseur


Schmalzl schlägt den Betrieben verschiedene Modelle vor, unter anderem eine Teilzeit-Ausbildung. Dadurch könnten auch Frauen, die während der Lehrzeit schwanger werden, später eine Ausbildung machen und sich gleichzeitig um ihr Kind kümmern. "Das ist ein Potenzial für die Firmen. Und für die Frauen ist es eine Chance, sie brauchen Perspektiven." Eine andere Sache sind flexible Arbeitsmöglichkeiten, um so beispielsweise Alleinerziehenden eine Wege aufzuzeigen.

Offene Stellen gebe es derzeit für Ausbildungen zum Friseur, zum Bäcker und zum Metzger, aber auch zehn Plätze für Kaufleute für Büromanagement, Elektroniker oder Mechatroniker. Wer jetzt noch keinen Ausbildungsplatz hat, "für den schaut's trotzdem noch gut aus".

Man muss Eltern auch sagen, dass es für ihr Kind nicht nur eine Karriere-Chance gibt, wenn es Abitur und Studium hat.Johann Schmalzl, Leiter der IHK-Geschäftsstelle Amberg
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